Fokuswoche

Was Firmen (nicht) fürs Klima tun

Der «Landbote» hat die grössten Arbeitgeber Winterthurs nach ihrem Umwelt-Engagement und ihren Rezepten zur Nachhaltigkeit befragt (siehe Bildstrecke). Daraus hat die Redaktion vier Schlussfolgerungen gezogen. Was sagt Alexander Stefes, der Executive Director des in Winterthur beheimateten Club of Rome, zu diesen Thesen?

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These 1

So sieht es aus:Viele Betriebe nennen als eine wichtige Massnahme für die Nachhaltigkeit verschiedenen Sensibilisierungskampagnen für ihre Mitarbeitenden. Diese beruhen meist auf Freiwilligkeit. Nur Sulzer und Axa nennen explizit ein Kontrollsystem, das die Wirksamkeit ihrer Aktionen und Massnahmen misst. Dass ein Leitbild mit einem hübschen Passus zur Nachhaltigkeit gelebt wird und in die Unternehmensstrategie einfliesst, ist zu hoffen. Aber nicht immer zu belegen.

Alexander Stefes, Club of Rome: Trotzdem ist es sinnvoll, erst einmal das grundsätzliche Engagement für mehr Nachhaltigkeit anzuerkennen und sich das Positive vor Augen zu führen: Die grössten Arbeitgeber in Winterthur erkennen mit diesen Massnahmen das Problem globaler Erwärmung grundsätzlich an. Sie verstehen, dass sie Verantwortung tragen und auch, dass wir uns verändern müssen. Immerhin gibt es heute überhaupt den Druck, einen «hübschen Passus» zur Nachhaltigkeit in die Unternehmensstrategie einfliessen zu lassen, auch wenn man Unternehmensstrategien – übrigens ganz generell – sicherlich mit Vorsicht lesen sollte.

Vor dem Hintergrund der Vielzahl an Möglichkeiten, die den Firmen in der Schweiz heutzutage theoretisch auch lokal und regional zur Verfügung stünden, lässt sich in vielen Fällen jedoch leider eindeutig festhalten, dass noch viel zu wenig passiert – und so manches Engagement bei genauerer Betrachtung eher halbherzig wirkt. Obwohl es oft so einfach wäre, viel mehr Effekt zu haben und viel mehr zu tun. Nicht nur deshalb setzt sich der Club of Rome ja vor allem dafür ein, die ökonomischen Spielregeln und Rahmenbedingungen so zu ändern, dass Nachhaltigkeit eine profitable Option und vom System belohnt wird.

These 2

Die Aktion «Bike to Work», eine Aktion von Pro Velo Schweiz, scheint bei den Unternehmensleitungen sehr beliebt zu sein. Typisch für die Velostadt Winterthur könnte man sagen. Inzwischen beteiligen sich bereits über 1500 Schweizer Betriebe an der Aktion und animieren ihre Belegschaft, möglichst viele Arbeitsweg-Kilometer per Velo zu fahren und an einem Wettbewerb teilzunehmen. Mitmach-Aktionen sind gut, aber auch bequeme Alibi-Aktionen für die Unternehmen.

Von den gesamten Treibhausgasemissionen, die auf dem Territorium der Schweiz verursacht werden, gehen mehr als 30 Prozent auf das Konto des Verkehrs. Der Flugverkehr ist dabei bereits ausgenommen. Im Grunde ist der Aufruf, das Velo zu nutzen, also gar nicht abwegig. Schön, dass 1500 Schweizer Betriebe sich an der Aktion von Pro Velo Schweiz beteiligen und es sich zur Aufgabe machen, eigene Angestellte zum Klimaschutz zu motivieren. Das trägt zur Bewusstseinsbildung, vielleicht gar zur individuellen Verhaltensänderung bei.

Es ist zu hoffen, dass die Unternehmensleitungen dies nicht als bequeme Alibi-Aktionen sehen, sondern eine ehrliche Motivation haben und den Wert der Aktion anerkennen. Ein besonders grosser Aufwand oder nennenswert hohe Kosten hat die Beteiligung an «Bike to Work» für Unternehmen jedoch eher nicht.

These 3

Unsere Umfrage ergibt, dass es für ein Unternehmen unüblich ist, seine Ausgaben für nachhaltige Massnahmen explizit auszuweisen. Mit Ausnahme von Zimmer Biomet erklären die Betriebe, dass sich die Ausgaben nicht vom restlichen Budget abgrenzen lassen, da die Engagements in andere Geschäftsbereiche einfliessen. Das Argument könnte eine Schutzbehauptung sein, um ein verschwindend kleines Engagements zu kaschieren.

Das möchte ich den Unternehmen, die sich bereits engagieren oder engagieren wollen, so pauschal nicht unterstellen. Und buchhalterisch vermag ich das auch gar nicht zu beurteilen. Aber wenn wir schon über Budgetfragen sprechen, dann sollten wir diese Frage auf einer systemischeren Ebene stellen: Die Art und Weise, wie wir wirtschaften, belohnt und fördert alle unternehmerischen Massnahmen und Aktivitäten, die so kurzfristig wie möglich den grösstmöglichen Profit versprechen. So funktioniert unser System.

«Die Zerstörung der Umwelt ist nicht bloss ein Kollateralschaden, sondern Bestandteil vieler Geschäftsmodelle.»Alexander Stefes
Executive Director Club of Rome.

Momentan resultiert diese Art des Wirtschaftens, in Verbindung mit absolutem Vertrauen in die Mechanismen des Marktes, leider nicht nur in der Zerstörung von Umwelt und Klima als Kollateralschaden - dieser Schaden ist zumeist vielmehr unabdingbarer Bestandteil des Geschäftsmodells. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass sich die Kosten für Treibhausgasemissionen, Ressourcenverbrauch und Umweltzerstörung direkt im Budget aller Unternehmen niederschlagen. Dafür braucht es neue Rahmenbedingungen und politische Regulierung.

These 4

Unternehmen wie Sulzer oder Kistler legen Wert darauf, dass ihre Produkte für die Umwelt viel entscheidender seien als interne Massnahmen. Die Kundschaft könne mit sauber hergestellten Turbinen oder mit Sensoren, die den CO2-Ausstoss messen und damit zur Reduktion beitragen, viel mehr erreichen, als die Mitarbeitenden mit Treppensteigen.

Sicherlich ist es nicht falsch, Angestellte für den Klimaschutz auf individueller Ebene zu sensibilisieren. Aber ich stimme zu, dass es am effektivsten und auch am glaubwürdigsten ist, wenn Unternehmen Verantwortung für die eigenen Produkte übernehmen. Dies betrifft natürlich auch Herstellungsprozesse, Transportwege, (in)direkten Ressourcenverbrauch und jenen Ausstoss an Kohlendioxid, der durch das eigene Wirtschaften ausserhalb der Grenzen der Schweiz verursacht wird.

Erstellt: 09.04.2019, 18:31 Uhr

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