Winterthur

Was ein Blick in die Augen bewirken kann

Die Fachstelle Brückenbauer der Stadtpolizei will mit direkten Kontakten zu Flüchtlingen gegenseitige Vorurteile abbauen.

Verstehen sich: Migrantinnen und Migranten, Stadtpolizisten und Integrationsfachleute am Mittwoch beim gemeinsamen Grillieren. Foto: N. Guinand

Verstehen sich: Migrantinnen und Migranten, Stadtpolizisten und Integrationsfachleute am Mittwoch beim gemeinsamen Grillieren. Foto: N. Guinand

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Eine dunkelhäutige Frau stellt ihren selber zubereiteten Kartoffelsalat auf das Buffet, wo bereits Getränke und Nüssli zum Apéro hergerichtet sind. Auf dem Grill brutzeln Bratwürste und Koteletts. Wir befinden uns am Grillplausch beim Walcheweiher im Lindbergwald, wo sich im Laufe des Abends gegen 50 Personen einfinden werden.

Zwei Hand voll Stadtpolizisten, Vertreterinnen und Vertreter von Integrationsfachstellen sowie geladene Gäste finden zusammen. Die Gäste sind mehrheitlich afrikanischer Herkunft, die einen vor Kurzem in die Schweiz geflüchtet, andere eingebürgerte Schweizerinnen und Schweizer.

«In afrikanischen Ländern gilt es als respektlos, wenn wir der Autorität in die Augen schauen»

Ein Buffet mit afrikanischen Spezialitäten fehlt. Der mitgebrachte Kartoffelsalat scheint Symbol dafür, dass die Frau sich der Schweizer Kultur vollständig angepasst hat. Sie erklärt: «In Afrika gibt es Kartoffelsalat nicht» und scheint vor Pauschalaussagen ebenso wenig gefeit zu sein wie manch einheimische Person. Ein Bekannter neben ihr tadelt sie: «Sag nicht Afrika, das ist kein Land, sondern ein Kontinent.»

Er selbst ist aus Kamerun, eingebürgerter Schweizer, hat in Bern Mikrobiologie studiert und leitet ein Labor in Schaffhausen. Wie einige weitere Gäste an diesem Abend engagiert er sich im Swiss African Forum, einer Organisation, die sich um den Austausch der Kulturen und den Abbau von Vorurteilen bemüht.

Und genau darum geht es heute Abend: Der Grillplausch ist eines von mehreren Projekten, welches das Forum zusammen mit der Stadtpolizei Winterthur initiiert hat. Laut Jan Kurt, bei Stapo-Fachstelle Brückenbauer tätig, ist es «wichtig, ungezwungene Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen und einander zuzuhören». Es gebe zahlreiche Vorurteile, die durch gemeinsame Gespräche erst sichtbar würden, Ängste, die sich dank der Gespräche in Luft auflösten.

Aha-Erlebnisse

Stadtpolizist Rolf Bänziger lauscht interessiert dem Gespräch mit Barry Mess aus Bern und Yvonne Brändle-Amolo aus Schlieren. «Ein Afrikaner, der bei einer Polizeikontrolle dem Polizisten nicht in die Augen schaut, gilt als jemand, der etwas zu verheimlichen hat», schildert Mess ein «typisches Beispiel für Vorurteile».

In afrikanischen Ländern gelte es hingegen als respektlos, «wenn wir der Autorität in die Augen schauen». Brändle-Amolo ergänzt: «Für Frauen gilt dieser Grundsatz noch mehr – es ist ihr nicht erlaubt, Männern in die Augen zu sehen.»

Ein kleines Aha-Erlebnis für den Stadtpolizisten Bänziger, der tagtäglich mit den «schwierigen Fällen unserer Gesellschaft» zu tun hat. «Es ist wie ein Reflex: Wenn mich eine Person bei der Kontrolle nicht ansieht, steigt der Verdacht, dass er etwas versteckt oder lügt.»

Komme dazu, sagt Mess, dass viele Migrantinnen und Migranten in der Heimat keinen Grund hätten, der Polizei zu vertrauen. «Da gibt es viel Willkür und Korruption», sagt Brändle-Amolo, «man geht ihr aus dem Weg, was einen wiederum in den Augen der hiesigen Polizei verdächtig macht».

«Die meisten Zwangsprostituierten würden aufgrund fehlenden Vertrauens niemals von selbst Kontakt mit der Polizei aufnehmen.»

Yvonne Brändle-Amolo ist wie Barry Mess politisch aktiv und engagiert sich bei der Zürcher SP für Migrantinnen. Manchmal vermittelt sie Frauen an polizeiliche Fachstellen, die sich aus der Illegalität durch Zwangsprostitution befreien wollen. «Die meisten von ihnen würden aufgrund fehlenden Vertrauens niemals von selbst Kontakt mit der Polizei aufnehmen.»

Es geht an diesem Abend nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Verständnis, um Nachvollziehbarkeit. Die Stadtpolizei arbeitet beispielsweise auch beim Sensibilisierungsprojekt gegen so genanntes Racial Profiling mit. Immer wieder – und nicht nur in den dafür bekannten USA – kommt es vor, dass Personen allein aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe als verdächtig klassifiziert und öfter kontrolliert werden als Hellhäutige. Oft werden Unschuldige diskriminiert.

Auch einer der Anwesenden kann ein Lied davon singen. «Ich war in einem Park unterwegs, in der Nähe wurde mit Drogen gedealt, wie ich später erfuhr. Die herbeigerufene Polizei packte mich, obwohl ich nichts damit zu tun hatte. Auf meine Frage, worum es gehe, antwortete mir die Polizei, indem sie mich mit Gewalt festhielt», sagt der Mann empört. «Sie verdächtigten mich allein wegen meiner dunklen Haut.»

Polizist Bänziger kann die Empörung nachvollziehen, nimmt gleichzeitig die ihm unbekannten Kollegen ein bisschen in Schutz. «In einer unübersichtlichen Situation kommt schnell die Haltung auf, dass zunächst jeder Anwesende als verdächtig gilt, bis das Gegenteil bewiesen ist.» In diesem Fall sei das offenbar nicht korrekt gewesen.

Ab in Schweizer Vereine

So ernst die Diskussion klingt, so gesellig bleibt die Stimmung, das durchgebratene Fleisch und der Kartoffelsalat werden genüsslich verspeist – bis die Sonne am Horizont untergeht. Der Respekt für das Engagement von Stadtpolizei und Integrationsfachstellen ist ebenso spürbar wie der Anspruch, auf Augenhöhe zwischen den Kulturen zu diskutieren.

Die Winterthurer Polizei leiste gute Arbeit, findet Yvonne Brändle-Amolo. Doch auch die Eingewanderten könnten entscheidendes zum Gelingen ihrer Integration tun: «Ich empfehle allen, einem kulturellen Schweizer Verein beizutreten.» Sie muss es wissen, hat sie doch in einem solchen das Jodeln gelernt.

Allerdings machen Eingewanderte auch die Erfahrung, dass sie nicht immer willkommen sind. «Ein Verein sollte auch Verständnis für die Andersartigkeit der Migrantinnen und Migranten haben, und dies ist leider nicht immer der Fall.»

Erstellt: 15.08.2019, 16:09 Uhr

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