Wirtschaft

Was hinter der «Bücher-Verramschung»in den Eulachhallen steckt

Neun Tage lang werden in der Eulachhalle Bücher zu Rabattpreisen verschleudert. Der «Bucher Outlet» ist in Novum in der Schweiz und für einen holländischen Eventorganisator ein Versuchsballon.

Das Buch als Billigware: In der Eulachhalle werden ab heute Bücher wie Restposten verkauft.

Das Buch als Billigware: In der Eulachhalle werden ab heute Bücher wie Restposten verkauft. Bild: Marc Dahinden

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Überall in der Stadt werben derzeit grosse Banner für den «Bucher-Outlet». Dass die Ü-Pünktchen fehlen, ist ein Versehen. «Ich habe die Werbung in Holland gestalten lassen, da haben sie auf der Tastatur keine Umlaute», sagt Thomas van den Dungen amüsiert. Der 59-jährige Holländer aus Valkenswaard, einer Kleinstadt im Süden von Eindhoven, ist Veranstalter des in Winterthur bisher beispiellosen Bücher-Verkaufs, der ab Samstag in den Eulachhallen stattfindet.

10'000 Titel und eine Million Bücher, verspricht die Werbung, und das zu stark reduzierten Preisen. Van den Dungen relativiert: Er habe nicht wirklich eine Million Bücher nach Winterthur gebracht. Die Eulachhalle wäre dafür zu klein gewesen. Sechs LKWs seien es nun geworden. Wobei er jederzeit Nachschub besorgen könne. «Wir haben ein Lager gleich hinter der deutschen Grenze, da liegen noch einmal 300 Paletten Bücher.»

Ein Geschäft auf Sand gebaut

Eigentlich ist van den Dungen kein Bücherhändler, sondern Eventorganisator. In Holland arbeitete er einst für ein Unternehmen, das Skulpturen-Shows veranstaltete. Dann machte er sich in Deutschland mit demselben Konzept selbstständig. Grosse Sandburgen und Eisskulpturen, zu sehen gegen Eintritt. Das funktioniere gut, sagt van den Dungen, der diese Anlässe an der Ostsee, aber auch in grossen deutschen Städten veranstaltet hat.

«Wir haben überlegt, dass wir auch so etwas machen könnten wie einen Museumsshop, wo die Leute etwas kaufen können.» Thomas van den Dungen

Zu den Büchern sei er indirekt gekommen: «Wir haben überlegt, dass wir auch so etwas machen könnten wie einen Museumsshop, wo die Leute etwas kaufen können.» Daraus sei dann ein eigener Unternehmenszweig gewachsen. Ursprünglich wollte van den Dungen mit seinem Eis- und Sandburgenkonzept in die Schweiz expandieren. «Aber Sie wissen, was hier alles kostet», sagt er. Das finanzielle Risiko sei zu gross gewesen. Darum unternehme er jetzt einen Versuch mit dem Bücherverkauf, da seien die Investitionen geringer.

«In den deutschen Städten wurden wir am Anfang auf kritisch beäugt, dann ein Jahr später freuten sich die Leute auf uns.»Thomas van den Dungen

Für seinen Schweizer Markteintritt hat sich van den Dungen Hilfe bei Michele Blasucci geholt. Der CEO von Startups.ch ist auf Firmengründungen spezialisiert und sitzt jetzt als Präsident im Verwaltungsrat der «mach events GmbH», über die der Bücherverkauf abgewickelt wird. Den Firmenmantel konnten die beiden von einem Geschäftspartner van den Dungens übernehmen. Blasucci beschreibt seine Rolle so: «Wir sind dafür besorgt, dass Mehrwertsteuer, Löhne und Steuern nach Schweizer Standard abgewickelt werden». Er war es auch, der den Standort Winterthur empfohlen hat. Für den Bücherverkauf wurden in den letzten Wochen auf Studentenplattformen Temporärkräfte gesucht, zum Stundensatz von 17 bis 19 Franken.

Harry Potter und anderes

Was aber wird denn da nun in den Eulachhallen als Restposten verkauft? Verlage mit einer hohen Reputation sind eher unterrepräsentiert. Aber es gibt einige nicht mehr ganz taufrische, aber populäre Titel. Danach gefragt, nennt van den Dungen «Harry Potter» und «Twilight». Die Bücher kaufe er direkt von den Verlagen oder von Zwischenhändlern. Er sagt, er verstehe seinen Verkauf auch als Leseförderung. «In den deutschen Städten wurden wir am Anfang auf kritisch beäugt, dann ein Jahr später freuten sich die Leute auf uns.» Auch habe der Verkauf eher einen positiven Effekt auf den lokalen Buchmarkt gehabt. Er bringe Leute zum Lesen, die sonst kaum Bücher zu Hause hätten, ist van den Dungen überzeugt.

«Wer Bücher zu Spottpreisen verkauft, ruiniert den Buchhandel»Ruth Geiger, Sprecherin Diogenes Verlag

Die lokalen Buchläden sehen dem Outlet gelassen entgegen, wie eine kleine Umfrage zeigt. «Die Leute, die ein Buch kaufen, nur weil es günstig ist, gehören nicht zu unseren Kunden», sagt Tanja Bhend von der Buchhandlung Buch am Platz. «Unsere Kundschaft legt wert auf Service und Beratung», sagt Daniela Binder von der Obergass Bücher GmbH. «Beides würde ich bei einem Restpostenverkauf nicht vermuten.» Trotzdem ist Binder nicht begeistert. «Ein solcher Anlass wertet das Buch an sich etwas ab, wenn es nur noch um den Preis geht.» Kritisch äussert sich auch der bekannteste Schweizer Verlag Diogenes. «Wer Bücher zu Spottpreisen verkauft, ruiniert den Buchhandel», sagt Ruth Geiger, die Sprecherin des Verlags. Diogenes würde überzählige Bücher deshalb nie in eine solche Resteverwertung verkaufen.

Hohe Absatzziele

Offen ist, ob das Buch als Schnäppchen in Winterthur überhaupt funktioniert. Das fragt sich auch der Veranstalter, der mit Werbung, Hallenmiete, Spedition und Löhnen einiges in das Outlet-Abenteuer investiert hat. Er müsse schon einige Hunderttausend Bücher verkaufen, damit die Rechnung aufgehe, sagt van den Dungen offen. Vom Erfolg wird auch abhängen, ob der Bücherverkauf nach Winterthur zurückkehrt – mit oder ohne Sand- oder Eisskulpturen. (hier lese

Erstellt: 13.12.2019, 17:10 Uhr

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