Winterthur

Wenn ein Blinder Zeuge eines Verbrechens wird

Die Krimiautorin Christine Brand liest am Freitag, 30. August aus ihrem neuesten Buch «Blind». Die frühere Gerichtsreporterin reist seit einem Jahr schreibend um die Welt.

Am Freitag, 30. August, liest Christine Brand im Blindenladen «Tools4theBlind» an der Wartstrasse 22 aus ihrem neuesten Krimi «Blind» vor.

Am Freitag, 30. August, liest Christine Brand im Blindenladen «Tools4theBlind» an der Wartstrasse 22 aus ihrem neuesten Krimi «Blind» vor.

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«Wunderbar sieht das aus.» Der rotgekrauste Haarschopf zwischen Caroles gespreizten Beinen nickt anerkennend.

Bei den ersten zwei Sätzen von «Blind» denkt man nicht sofort an einen Krimi. Die Dialoge der Protagonisten, obiges Beispiel spielt sich bei einer Frauenärztin ab, sind banal. Die Sätze einfach und kurz. Das kommt nicht von ungefähr: Christine Brand arbeitete lange als Redakteurin und Gerichtsreporterin bei diversen Tageszeitungen, zuletzt bei der NZZ am Sonntag.

«Ich schreibe besser, wenn ich nicht daheim bin.»

Das war, bevor die 46-jährige Bernerin einen Anruf bekam. Der deutsche Blanvalet Verlag wolle mit ihr arbeiten. «Es war, als hätte ich im Lotto gewonnen, auch wenn ich meine Lebenskosten ab sofort senken musste.» Brand kündete Ende 2017 ihren Job als Redakteurin, gab die Hälfte ihres Besitzes weg und zog aus ihrer Wohnung in eine Zweier-WG.

Dort hält sie sich maximal die Hälfte des Jahres auf, ansonsten reise sie als «schreibende Vagabundin» um die Welt. «Ich schreibe besser, wenn ich nicht daheim bin.» Sansibar sei ihr zweites zuhause geworden. «Blind» schrieb sie auf fünf verschiedenen Kontinenten.

Ein schrilles Kreischen tötet den Satz. Nathaniel zuckt zusammen, der schreckliche Schrei bricht ab, es folgt ein Rumpeln, als falle ein Sack Kartoffeln auf den Boden. Ein schleifendes Geräusch. Der Summton. «Hallo?», brüllt Nathaniel in sein Telefon.

Spätestens ab Kapitel sieben besteht kein Zweifel am Genre des Buches. Der Titel verrät, worum es geht: Nathaniel ist blind. Über die App «Be my eyes», bei der Sehende Blinden über einen Videochat bei Alltagssituationen helfen können, wird er Zeuge eines Verbrechens. Mit der Journalistin Milla macht er sich auf die Suche nach der Wahrheit.

Der Fantasie freien Lauf lassen

«Be my eyes» gibt es wirklich. Als Brand eines Tages über die App mit einem blinden Mann im Gespräch war, kam ihr die Idee für die Geschichte. «Ich fragte mich, was geschähe, wenn mir während des Anrufs etwas passieren würde.»

Sie kontaktierte Silvan Spycher, einen 42-Jährigen Berner, der als Kind bei einer Familientragödie durch einen Kopfschuss erblindete. «Er half mir dabei, das Leben eines Blinden authentisch zu erzählen», sagt Brand. Das gelingt ihr: Nathaniels alltägliche Erlebnisse und Gedanken lesen sich schlüssig, und mit seiner empathischen Art und der untypisch eigenwilligen Blindenhündin wächst er einem beim Lesen ans Herz.

«Wenn ich eine Frau kennenlerne, stelle ich mir ihre Haarfarbe vor. Es ist mir wichtig, dass sie auf dem Bild, das ich mir von ihr mache, eine Haarfarbe hat. Meine Lieblingsfarbe ist blond.»

Im Gegensatz zu einem journalistischen Artikel kann Brand ihrer Fantasie beim Schreiben ihrer eigenen Geschichten freien Lauf lassen. «Während des Schreibens ergeben sich auch Handlungen, die ich so nicht vorgesehen hatte», sagt sie. «Man kommt wie beim Lesen in einen Sog, deshalb finde ich das Schreiben von Krimis so spannend.» Brands sechster Krimi, «Die Patientin», ist ebenfalls bereits fertig. «Danach soll es einmal ein Roman werden.»

Am Freitagabend um 17 Uhr liest Christine Brand im Blindenladen «Tools4theBlind» an der Wartstrasse 22 aus «Blind» vor.

Erstellt: 28.08.2019, 16:43 Uhr

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