Artists in Residence

Wenn internationale Künstler von Winterthur schwärmen

Das Gastangebot der Villa Sträuli dient nicht nur den Kunstschaffenden. Auch Winterthur profitiert, denn die internationale Kunstszene spricht über die Kulturstadt.

Ob die Villa Sträuli auch ab 2021 die Residenz internationaler Kunstschaffenden sein wird, entscheidet sich definitiv im Frühling.Foto: M. Dahinden

Ob die Villa Sträuli auch ab 2021 die Residenz internationaler Kunstschaffenden sein wird, entscheidet sich definitiv im Frühling.Foto: M. Dahinden

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Die Stiftung Sulzberg, welche seit 1999 den Kulturort Villa Sträuli betreibt möchte, ja muss aus finanziellen Gründen ihr künftiges Betriebskonzept überdenken. Eine entsprechende Ausschreibung war diesen Herbst auf der Website der Villa Sträuli aufgeschaltet und hat Interessierte dazu aufgefordert, ihre Ideen zu präsentieren und die Kulturstätte in eine neue Zukunft zu führen. Die Stiftung will sich bis zum Frühjahr 2020 Zeit lassen, um über die zahlreich eingetroffenen Konzepte zu entscheiden.

«Wir sind überzeugt, dass internationale Künstlerinnen und Künstler auch künftig in der Villa gastieren und arbeiten.»Doris Adam, Präsidentin Stiftung Sulzberg

Ein Herzensanliegen der Stiftung, das sie gerne weitergeführt sähe, ist das für Winterthur einzigartige im 2006 gestartete Gastangebot für internationale Künstlerinnen und Künstler. Ob aus Lettland, China, Lesotho oder Italien, insgesamt waren seit Programmstart 153 Künstlerinnen und Künstler aus 52 Ländern als «Artists in Residence» zu Gast in der Villa.

Aktuell beherbergt sie die Avantgarde-Filmemacherin und Produzentin Akosua Adoma Owusu aus Ghana beziehungsweise den USA. Ziel ist es laut Stiftungszweck, «den Kulturschaffenden aus allen künstlerischen Bereichen die Gelegenheit zu bieten, in einer anregenden Umgebung kreativ zu arbeiten und neue Kontakte zu knüpfen». Auch sollten die Aufenthalte den interkulturellen Austausch fördern. Die Auswahl der Kunstschaffenden trifft jeweils eine dafür eingesetzte künstlerische Fachkommission.

Seit 2006 gastieren in der Villa Sträuli Bildende Künstler, Musikerinnen, Maler und Fotografinnen. Der Landbote startete acht Anfragen in die Heimat, sechs Antworten kamen zurück.

«Artists in Residence» erzählen

Lorenzo TroianiMusiker aus Italien
2015 in Winterthur

«Ich hatte im Zusammenhang mit meiner Zeit in Winterthur aus zwei Gründen besonderes Glück: Erstens wegen des Veranstaltungsortes selbst, denn die Villa Sträuli, in der ich logierte, ist einfach grossartig. Zweitens weil mein Aufenthalt auf die Jahreszeiten Frühling und Sommer gelegt war. Diese besondere Situation hat es ermöglicht, einige der besten Aspekte von Winterthur zu erleben.

Eines der Dinge, die mich am meisten beeindruckten, war das Kunstmuseum Winterthur. Und als ich durch das Museum ging, wurde mir irgendwie klar, welche Rolle und Bedeutung die Stadt der Kunst beimisst. Begeistert war ich auch vom Giacometti im Museum. Das einzige, was meinen Aufenthalt etwas getrübt hat, waren die generell hohen Preise, aber das ist kein Winterthur spezifisches Problem.

Ich beschreibe Winterthur in meiner Heimat als eine ruhige und gut organisierte Stadt, die unter der Oberfläche ein unglaubliches Interesse für alle Arten von Kunst versteckt. Diese Vielfalt reicht vom Barock bis zur Gegenwart, und von der Malerei bis zur Musik.»

Sagar Shiriskar
Bildender Künstler aus Indien
2019 in Winterthur

«Was mir an Winterthur gefallen hat, ist, dass immer etwas passiert. Es ist, als ob die Stadt auf Zack ist, es gibt immer etwas, worauf man sich freuen kann: Musikfestwochen, Afro Pfingsten, Kurzfilmtage und vieles mehr. Es ist so kulturell reichhaltig, dass es eine perfekte Mischung aus traditionellen/klassischen Kunstformen und auch zeitgenössischen Kunstformen bietet.

Beeindruckt hat mich, wie hart die Leute arbeiten und ihrer Stadt Sorge tragen. Grossartig auch die Arbeit hinter den Kulissen. Am Tag nach den Festivals sah jeweils alles wieder so aus, als wäre nichts passiert.

Was ich auch beobachtet habe, ist die schöne Mischung aus kulturell und traditionell sehr unterschiedlichen Menschen. Winterthur ist zwar weit weg von meinem Zuhause. und doch fühlte ich mich hier wie daheim. Oft verliess ich die Villa Sträuli für einen Spaziergang, um neue Menschen kennen zu lernen, oder um etwas Neues zu entdecken. Ich begegnete stets einem freundlichen Lächeln und hörte ein herziges ‹Grüezi›. Ich fühlte mich sehr willkommen in Winterthur.»

Nora Isktena
Schriftstellerin aus Lettland
2008 in Winterthur

«Ich war im Frühjahr 2008 in der Villa Sträuli. Mit dieser Zeit verbunden sind die Veränderung meines persönlichen und kreativen Lebens. Winterthur, die Villa und ihre Menschen wirkten auf mich wie ein freundlicher, ordentlicher, schöner Ort. Ein friedlicher Ort um zu denken und zu gestalten. Winterthur war für mich wie eine kleine Kulturoase mit alternativem Kino und Musikkonzerten. Von der Villa selbst bleiben mir Bilder vom geschmacklich hervorragend eingerichteten literarischen Salon, inmitten einer nervösen Welt der Angst vor der Eitelkeit. Erstaunt hat mich hier der Frieden und die Ruhe, die alle kreativen Menschen so sehr brauchen.

Diesen Herbst nahm ich mit meinem Roman ‹Muttermilch› am Festival ‹Zürich liest› teil. An einem freien Tag fuhr ich nach Winterthur. Nach zehn Jahren! Zum Glück war die Villa offen, ich traf Leute, die damals schon hier waren. Die Begegnung war ein kreatives Glücksgefühl. Mit meinem Buch bin ich auf der ganzen Welt unterwegs gewesen, in Japan, den USA und ganz Europa, aber Winterthur und die Villa bleiben für mich ein besonderer Ort.»

Li Wei
Bildender Künstler aus China
Bildender Künstler aus China
2017 in Winterthur

«Ich liebe die Museen und die Naturlandschaften in Winterthur, und vor allem die Menschen im deutschsprachigen Raum. Sie sind gründlich und fleissig, haben aber auch ihre Eigenheiten. Ich sah einmal eine Katze im Hof einer Kunstgalerie und fing an, mit ihr zu sprechen, und schliesslich fragte mich ein Galerist: ‹Hat sie deine Frage beantwortet?› Ich fand es toll. Eines meiner persönlichen Lieblingsmuseen ist die Sammlung Oskar Reinhart am Römerholz.

Ich war überrascht, dass die gesamte Naturlandschaft dieser Stadt und das Leben der modernen Menschen so harmonisieren können. Ich fuhr damals mit dem Fahrrad durch die ganze Stadt. besonders gerne auf die Hügel hinauf. Die Tiere und Bäume inspirierten mich dazu, drei oder vier Stunden dort ganz alleine zu verbringen.

Winterthur habe ich als bedächtig erlebt. Auch den Bahnhof mochte ich sehr, und ich sage das explizit, weil der Bahnhof der Ort ist, den ich in China am meisten hasse. Ich erzählte nach meiner Rückkehr, dass ich Winterthur wie meine Heimatstadt empfunden habe.»

Wagdy El komySchriftsteller aus Ägypten
2014 in Winterthur

«Ich war zweimal in Winterthur, im Sommer 2014, und noch einmal im Winter 2017. In Erinnerung bleiben mir die Afro Pfingsten, die verschiedensten Arten von Essen, Musik und Kostüme. Obwohl die Stadt erst klein aussah, wurde sie grösser, je länger ich auf Entdeckungsreise war. Gestaunt habe ich über das grosse Stadtfest, es muss wohl das Albanifest gewesen sein: Es regnete stark, aber nichts hielt die Teenager von ihren Aktivitäten ab. Ich sah mit Sorge die vielen elektrischen Kabel und wartete darauf, dass ein Spezialist kommen und sie abdecken würde, um sie vor dem Regen zu schützen, aber niemand tauchte auf.

Meine Gastgeberin in der Villa Sträuli, Anneliese Schmid, besorgte mir extra eine arabische Kaffeekanne, so konnte ich meinen geliebten Kaffee zubereiten, ohne teure 25 Franken für eine neue ausgeben zu müssen. Ich liebte die Stadt, hier fühlte ich mich sicher. Die Polizei kümmert sich um das Wohl der Leute. So wies mich einmal ein Polizist höflich auf den sicheren Fussweg hin, als ich auf einer verkehrsreichen Strasse zu Fuss unterwegs war. Situationen wie diese würden in meinem Land nie vorkommen.»

Raffael GrassiBildender Künstler aus Spanien
2006 in Winterthur

«Als ich in Winterthur ankam, schätzte ich die Lebensqualität, die die Stadt bot: Die Parks, die Fussgängerzone, die geringe Verkehrsdichte, die Leichtigkeit des Radfahrens, die Qualität der öffentlichen Verkehrsmittel... All dies macht es angenehm, sich in der Stadt zu bewegen. Ich habe auch das kulturelle Erbe der Stadt geschätzt, einerseits die Museen, andererseits das aktive, kulturelle Leben. Zudem bot die Nähe zu Zürich mit ihrem breiten Kulturangebot für mich als Künstler einen zusätzlichen Vorteil.

Mir gefällt es hier so gut, dass ich geblieben bin. Winterthur ist eine kleine, ruhige und schöne Stadt. Inzwischen bin ich Vater geworden. Schwierig gestalten sich für mich die relativ hohen Mieten, als Künstler verdiene ich ja nicht besonders gut. Und wenn sich das kulturelle Leben nicht nur auf die Museen, sondern auch auf zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler konzentrieren soll, müssten Entscheidungsträger darauf reagieren. Auch das ‹Schwiizerdeutsch› macht mir oft Schwierigkeiten, ich empfinde es als Integrationsbarriere.»

«Ich war zweimal in Winterthur, im Sommer 2014, und noch einmal im Winter 2017. In Erinnerung bleiben mir die Afro Pfingsten, die verschiedensten Arten von Essen, Musik und Kostüme. Obwohl die Stadt erst klein aussah, wurde sie grösser, je länger ich auf Entdeckungsreise war. Gestaunt habe ich über das grosse Stadtfest, es muss wohl das Albanifest gewesen sein: Es regnete stark, aber nichts hielt die Teenager von ihren Aktivitäten ab. Ich sah mit Sorge die vielen elektrischen Kabel und wartete darauf, dass ein Spezialist kommen und sie abdecken würde, um sie vor dem Regen zu schützen, aber niemand tauchte auf.

Meine Gastgeberin in der Villa Sträuli, Anneliese Schmid, besorgte mir extra eine arabische Kaffeekanne, so konnte ich meinen geliebten Kaffee zubereiten, ohne teure 25 Franken für eine neue ausgeben zu müssen. Ich liebte die Stadt, hier fühlte ich mich sicher. Die Polizei kümmert sich um das Wohl der Leute. So wies mich einmal ein Polizist höflich auf den sicheren Fussweg hin, als ich auf einer verkehrsreichen Strasse zu Fuss unterwegs war. Situationen wie diese würden in meinem Land nie vorkommen.»

Käthe SchönleBildende Künstlerin aus Österreich
2009 in Winterthur

«Es ist ja schon eine Weile her, aber ich habe den Aufenthalt in der Villa Sträuli noch in bester Erinnerung und sehr genossen. Ich mochte den Ort, die Villa ist so schön eingerichtet, zentral gelegen und es lässt sich dort gut arbeiten. Noch wichtiger waren für mich das tolle, engagierte Team im Haus und die Künstlerinnen und Künstler, die ich kennen gelernt habe. Besonders geblieben ist mir ein Abend mit Kunst und Musik, den ich mit den befreundeten Musikerinnern von «Les Amuse Bouches» veranstalten konnte. Überrascht hat mich, als eines Tages jemand an meine Tür klopfte und sagte: «Hoi, ich bin die Olga» - seither bin ich mit der Künstlerin Olga Titus gut befreundet, und wir haben mehrere gemeinsame Ausstellungsprojekte realisiert, und mit der Kunstdruckerei ´SchwarzHandPresse´ in Flaach eine Publikation herausgegeben.

Noch ein interessantes Erlebnis will ich erzählen: Im Kunstraum Winterthur habe ich die Ausstellung «Ein sehr kalter Winter ist, wenn ein Wolf den anderen frisst» präsentiert. Die Ausstellung hat anscheinend so provoziert, dass die Kuratorinnen eine schwer empörte, verbal leicht entgleitete Beschwerdekarte erhielten. Aber, ganz ehrlich, natürlich haben wir uns über diese Aufmerksamkeit gefreut. Winterthur habe ich als eine schöne, einladende Stadt erlebt, die einerseits ein entspanntes Alltagsleben bietet und andererseits mit einem breiten, bemerkenswerten Kulturangebot aufwartet, auf das die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt stolz sein können.»

Erstellt: 26.11.2019, 15:54 Uhr

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