Töss

Wie Frau Widmer wieder zu ihrer Handtasche kam

Lotti Widmer war der Verzweiflung nahe, als ihr im Zentrum Töss die Handtasche abhanden kam. Hier erzählt die 90-Jährige mit Verspätung ihre Weihnachtsgeschichte von Schutzengeln, Menschlichkeit und Schamgefühlen.

Als Frau Widmer den Migros verlassen wollte der Schock: Ihre Handtasche samt Geld und Kärtchen war weg.

Als Frau Widmer den Migros verlassen wollte der Schock: Ihre Handtasche samt Geld und Kärtchen war weg. Bild: Symbolbild: Melanie Duchene

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Sie weinte und war verzweifelt, wie sie selber erzählt. Am 21. Dezember, dem Freitag vor Weihnachten, war Lotti Widmer von ihrer Wohnung beim Gaswerk ins Zentrum Töss spaziert, um dort beim türkischen Market ein paar Früchte und im Migros eine Taschenagenda fürs neue Jahr zu kaufen; etwas Bargeld brauchte sie auch. Doch als sie den Migros verlassen wollte, stellte sie fest: «Meine Handtasche ist weg.» Und mit der Handtasche auch das frisch abgehobene Bargeld, alle Bankkärtli, das Halbtaxabo, die Identitätskarte, das Handy, die Schlüssel, alles war weg.«Ich war völlig verzweifelt», sagt die rüstige Dame noch einmal. Kaum einen Monat zuvor war ein Dieb bei ihr zuhause gewesen, hatte sich als Monteur im Auftrag der Hausverwaltung ausgegeben, und trotz aller Skepsis und Vorsicht von Seiten Frau Widmers, war es ihm gelungen, Goldschmuck zu stehlen. Und jetzt noch das mit der Handtasche. Schon wieder ein Diebstahl, schon wieder war sie das Opfer. Lotti Widmer wusste nicht, wie ihr geschah und was zu tun wäre in dieser elenden Situation.

Herzlichkeit und Hilfe

Doch da waren zwei Schutzengel, wie sie sagt, da waren Menschen, die ohne zu fragen halfen. Eine ihr fremde Migros-Kundin, die vom Verlust hörte, gab Frau Widmer spontan eine 50-Franken-Note, damit sie was fürs Nötigste hätte. Eine andere bot ihr Schokolade an. «Man kümmerte sich mit einer Herzlichkeit um mich, die ich mir nie hätte vorstellen können und wofür ich dankbar bin.» Ein besonders grosses Dankeschön möchte Frau Widmer zwei Migros-Angestellten ausrichten, dem Filialleiter Thomas Rimmele und der Verkäuferin Andrea Wirz.

«Man kümmerte sich mit einer Herzlichkeit um mich, die ich mir nie hätte vorstellen können.»Lotti Widmer

Thomas Rimmele kümmerte sich persönlich um Frau Widmer, als er hörte, was ihr widerfahren war. «Sie war nur noch ein Häufchen Elend und tat mir so leid», erzählt er. «Also suchten wir zuerst gemeinsam den ganzen Laden ab und dann die Abfallkübel rund ums Zentrum.» Denn Rimmele weiss: Handtaschendiebe wollen meist nur Bares, den Rest werfen sie weg. Und Frau Widmer war überzeugt: «Ein Dieb hat mir die Tasche gestohlen, wahrscheinlich, als ich mir die Agenden ansah.»

Doch die Abfallkübelaktion brachte nichts. Eine Idee hatte Filialleiter Rimmele noch: Die Polizei anrufen und gleichzeitig die Migros-Zentrale in Gossau. «Dort haben sie Zugriff auf die Bilder der Überwachungskameras, so würden wir den Dieb vielleicht entdecken.»

Kamerabilder und Bankkonten

Bis die Bilder aus Gossau auf Rimmeles Rechner und die Stadtpolizisten im Zentrum Töss eintreffen würden, sorgte sich die Verkäuferin Andrea Wirz um Frau Widmer: Sie gab ihr was zu trinken, rief bei Banken an, um die Konten zu sperren, und den Schwiegersohn, damit er sie abholen komme, und sie wich nicht von ihrer Seite im Pausenraum.

Dann waren die Polizisten und die Bilder da, und man sah: Frau Widmer hatte den Migros ohne ihre schwarze Lederhandtasche betreten. Wo also war die Tasche?

«Ich habe gemerkt, wie schnell eigene Unachtsamkeit zu falschen Urteilen führen kann.»Lotti Widmer

Thomas Rimmele und Andrea Wirz wussten unterdessen, dass Frau Widmer zuvor im Merdan-Market Trauben gekauft hatte, also gingen sie hin. Die Kassierin hatte den Besuch bereits erwartet. Denn ein Kunde hatte die Tasche im türkischen Geschäft gefunden und an der Kasse abgegeben.

Erleichterung und Scham

«Ich konnte vor Erleichterung mein Glück kaum fassen», sagt Frau Widmer, doch gleichzeitig habe sie sich auch geschämt. Dafür, dass sie sofort an Diebstahl gedacht habe: «Ich habe gemerkt, wie schnell eigene Unachtsamkeit zu falschen Urteilen führen kann.» Die Hilfsbereitschaft, die sie erfahren habe, nahm sie dankbar an: «Sie war ein Geschenk.» Und als sie ihr Schwiegersohn mit einem Taxi später wohlbehalten nach Hause gebracht hatte, fand sie dort auf dem Anrufbeantworter eine Meldung der türkischen Kassierin: Man habe ihre Tasche gefunden, sie liege an der Kasse abholbereit. (Landbote)

Erstellt: 14.01.2019, 11:55 Uhr

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