Jubiläum

Wie aus Nachtwächtern Polizisten wurden

Die Stadtpolizei feiert dieser Tage einen runden Geburtstag. Drei Konstanten ziehen sich wie ein roter Faden durch die 150 Jahre: der Lohn, der Mannschaftsbestand und die Uniformen. Ein früherer Stadtpolizist hat die Geschichte in Geschichten aufgearbeitet.

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Peter Bachmann heisst der heute 74-Jährige, der als gelernter Koch 1970 zur Stadtpolizei stiess. 1988 wusste er, wie der Hase am Obertor lief, und wurde für zwei Jahre Gemeindeschreiber in Volken, der kleinsten Gemeinde im Kanton, später dort Posthalter und schliesslich Theaterautor. Das Freiluft-Stück «Das dritte Gleis» sowie zwei Bühnen-Krimis zum Schloss Hegi stammen aus Bachmanns Feder. Und nun hat er in aufwändiger Arbeit Anekdoten und Zahlen zur Geschichte der Stadtpolizei recherchiert und in einer Broschüre zusammengefasst. Dem «Landboten» hat er auch einige Geschichten erzählt, die in der gerafften und gedruckten Version keinen Platz fanden. Hier ist die Geschichte der Stadtpolizei 1867 bis 2017 in Kurzform.

Laute Rufer und leise Sohlen

Lange bevor es eine eigentliche Polizeitruppe gab, sorgten Nachtwächter, Torwächter und Hochwächter für Sicherheit, Ruhe und Ordnung. 1840 zum Beispiel wurde eine «Ordnung für Nachtwache» erlassen: Vier rufende Wächter verkündeten stündlich die Uhrzeit und religiöse Verse, je vier stille Wächter waren vor und nach Mitternacht auf leiser Sohle unterwegs, und zwei Hochwächter wechselten sich auf dem Kirchturm ab, um nach Feuer Ausschau zu halten. Brach dennoch ein Brand aus, stand die Militärpolizeiwache im Einsatz, um das Hab und Gut des Geschädigten vor Dieben zu schützen.

Schon Jahre vorher, 1805, als Napoleons Truppen eben die kleine Stadt an der Eulach verlassen hatten, gab sich diese eine neue Polizeiordnung mit gut 40 Artikeln. Dazu gehörten ein Schiessverbot in der Stadt, ein Kegelverbot vor den Toren, ein Rauchverbot (ausser in den 80 Beizen der Stadt) und der Befehl, Hunde nachts im Haus zu halten. Streunende läufige Hündinnen durften niedergemacht werden.

Hallodris wurden Polizisten

1867 gilt als Gründungsjahr der Stadtpolizei Winterthur. Per Inserat im «Landboten» suchte man «für die hiesige Polizeiwache» einen Ober-Lieutenant, einen Unter-Lieutenant sowie 14 Polizeidiener. Die Offiziere bekamen 1800 Franken pro Jahr «nebst der in der Polizei-Organisation näher bezeichneten Kleidung», die Untergebenen wurden mit 950 Franken plus Bekleidung entlöhnt. Und wer wurde eingestellt? Vornehmlich offenbar Haudegen aus den Armeen, die in Europa kämpften. Das kam nicht gut: Schon im ersten Jahr mussten der Unterleutnant und mehrere Polizisten wegen Dienstvergehen wieder entlassen werden.

«Schon 1867 ist die Rede von Besudelung öffentlicher und  privater Gebäude durch Jugendliche.»Graffiti sind kein alleiniges Phänomen der Neuzeit

Um 1900 hatte sich wenig geändert: Noch immer bestand das Korps aus nur 19 Personen, und das waren nicht die bravsten: Zehn Disziplinarverfahren in einem jahr bei einem Bestand von 19 Mann waren doch eher viel.

Übrigens: Schmierereien sind kein alleiniges Merkmal der heutigen Zeit. Schon im Geschäftsbericht 1867 ist von der Besudelung öffentlicher und privater Gebäude durch Jugendliche die Rede.

Die Arbeiter lebten gefährlich

Wie gefährlich der Alltag damals in Winterthur war, zeigt eine Zusammenstellung von Todesfällen aus dem Jahr 1877. Im Februar geriet ein Knecht unter einen Pferdewagen und starb später an den Folgen des dabei erlittenen Beinbruchs. Im März wurde ein Seemer von einem herabfallenden Eisenstück am Kopf getroffen, mit Todesfolge. Im Mai gerät ein Hilfsarbeiter unter einen Eisenbahnwagen; ihm werden dabei beide Unterschenkel abgetrennt. Ein Elfjähriger hantiert mit einem Revolver, ein Schuss geht los, der Knabe stirbt.

Zweites Halbjahr1877: Im Juli stirbt ein Bayer, weil ein Kran bricht. Ein Gärtner aus Bern trinkt giftigen Alkohol und stirbt auf der Rampe des Salzhauses. Im August werden zwei Bahnarbeiter zwischen Güterwagen erdrückt. Ein Württemberger wird an der Perronkante von einer Lokomotive erfasst und getötet. Und im November schliesslich erschlägt eine fallende Tanne zwei Waldarbeiter. Traurige Bilanz für das Jahr 1877: neun Tote.

Von Uniformen und Waffen

Immer wieder ist in der Chronik von schlecht bezahlten Stellen die Rede, von Lohnerhöhungen, aber auch von Lohnkürzungen wie etwa im Krisenjahr 1922. Und immer wieder gab die Ausrüstung Anlass zu Klagen. Nach dem Maurerstreik von 1909/10 verlangten die Polizisten Schusswaffen statt Säbel; der Stadtrat lehnte das kategorisch ab. 1926 erkämpfte sich das Korps Gummi-Galoschen gegen nasse Füsse. 1963 hatten die Polizisten genug von ihren schweren schwarzen Uniformen in Filzqualität, die sie Feuerwehrleute aussehen liessen. Zwei Jahre später waren die neuen Uniformen da und wurden der Bevölkerung auf einem Marsch durch die Altstadt präsentiert. Noch ein paar Jahre länger dauere es, bis auch die unbeliebten Achselnummern aus Metall abgeschafft und durch neue Achselpatten mit dem Stadtwappen ersetzt wurden. (Landbote)

Erstellt: 10.07.2017, 15:48 Uhr

Jubiläumsautor Peter Bachmann (Bild: zvg)

Alarmierung bei Feuer

Erst 1931 per Telefon

Wer alarmiert die Feuerwehr im Brandfall? 1869 wurden dafür sechs Lärmkanonen eingeführt, die in einem Alarmhäuschen auf dem Heiligberg standen. Deren Unterhalt und Bedienung oblag der Polizei. 1889 wurde eine elektrische Fernzündung installiert, sodass die Kanonen vom Polizeiposten aus abgefeuert werden konnten. Kostenpunkt dieser «Automatisierung»: 1300 Franken. Diese Art der Alarmierung wurde erst 1931 vom Telefon abgelöst. Seit 1895 bestand überdies ein Feuerwehrpikett, dem bis zu vier Stadtpolizisten angehörten. Zweck des Piketts: Man brauchte nicht gleich die ganze Feuerwehr aufzubieten.

Eine alte Tradition

Das Mostkässeli

1926 forderte der Stadtrat ein absolutes Alkoholverbot während des Polizeidienstes. Aus heutiger Sicht ist das eine Selbstverständlichkeit, doch ­damals wurde es als Anmassung empfunden. Hatte sich im Keller des Polizeipostens am Obertor (der übrigens 1917 bezogen wurde, also vor genau hundert Jahren) doch immer schon ein Fass mit saurem Most befunden. Im grossen Küchentisch befand sich überdies in der Mitte ein in Messing gefasster Schlitz: das Mostkässeli. Peter Bachmann, der Autor der Jubiläumsschrift, erinnert sich an dieses Möbelstück, das offenbar seinen Dienst bis in die 1970er-Jahre versah.

Jubiläumsanlass

In kleinem Rahmen

150 Jahre Stadtpolizei, das soll gefeiert werden, aber nicht allzu üppig. In der ersten Jahreshälfte gab es an der Mitarbeiterversammlung eine Lesung von Peter Bachmann samt kleinen Theaterszenen. Die Weihnachtskarte wurde mit alten Sujets gestaltet, und am 10. Juli erfolgte ein spezieller Tagesbefehl des Kommandanten. Die Jubiläumsbroschüre wurde in einer Auflage von 1000 Exemplaren gedruckt und hat dank viel Gratisarbeit nur etwas über 2500 Franken gekostet. Sie wurde an Polizisten und Pensionierte verteilt, einige Exemplare sind noch erhältlich für Gäste. Im Herbst ist noch ein kleiner ­interner Anlass geplant.

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