Aviatik

Winterthurer Segelflieger fürchten um ihren Flugplatz

Das Bazl will den Luftraum neu organisieren. Die lokalen Segelflieger warnen vor einem baldigen Aus für den Winterthurer Flugplatz und vor unangenehmen Folgen für die ganze Stadt.

Wie lange können die motorlosen Gleiter noch ab Winterthur starten? Blick auf das Flugfeld, das zwischen Oberwinterthur, Hegi und Wiesendangen liegt.

Wie lange können die motorlosen Gleiter noch ab Winterthur starten? Blick auf das Flugfeld, das zwischen Oberwinterthur, Hegi und Wiesendangen liegt. Bild: Archiv: Stefan Schaufelberger

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Bald 100 Jahre reichen die Anfänge der Winterthurer Segelfluggruppe zurück, der eigene Flugplatz Hegmatten entstand 1964. Nun sehen die Mitglieder des Vereins dessen Existenz bedroht. Auslöser sind Pläne des Bundesamts für Zivilluftfahrt Bazl. Demnach werden die Kontrollzonen, in welche Flieger nur in Absprache mit der Flugsicherung eindringen dürfen, in der östlichen Schweiz neu organisiert. Vielerorts sollen die Kontrollzonen deutlich tiefer als heute angesetzt werden. Konkret heisst das: weniger Freiheit für das «unkontrollierte» Fliegen.

«Wenn der Flugplatz nicht mehr existiert, wird Zürich Starts über Winterthur planen.»Alois Sauter,
Präsident der Segelfluggruppe Winterthur

Die Pläne wurden laut Bazl aus Sicht der Flughäfen Zürich und Dübendorf entworfen. Inhaltlich gehe es aber nicht etwa darum, dass Verkehrsflugzeuge tiefer fliegen werden, sondern um eine «organisatorische und strukturelle Anpassung». Die Änderungen gehen technisch schnell ins Detail, die Stellungnahmen sind Hunderte Seiten lang. Grundsätzlich gilt für einen kleinen Flugplatz, der mit einer neu tiefer liegenden Kontrollzone konfrontiert wird, eine Funkpflicht. Zudem kann die Zürcher Flugsicherung eine Kontrollzone für die Leichtaviatik theoretisch jederzeit sperren, beispielsweise bei viel Flugverkehr.

«Segelflug braucht Platz»

Die Segelflieger in Winterthur gehen vor allem am Wochenende in die Luft und bieten dann auch Passagier- oder Ausbildungsflüge an. Würde nun an einem Samstagnachmittag plötzlich die neu tiefer liegende Kontrollzone über Winterthur gesperrt, wäre dies laut den lokalen Segelfliegern eine organisatorische Bedrohung. Zudem suchen die Flieger ohne Motor ständig nach Aufwinden und brauchen deshalb horizontal und vertikal Spielraum, am liebsten ohne ständig ändernde Kontrollzonen. In der Luft muss man spontan reagieren, gerade für längere Flüge.

Alois Sauter, Präsident der Winterthurer Segelflieger, sagt dazu: «Der Segelflug braucht Platz und ist nicht so einfach planbar wie jener eines Motorflugzeugs. Unser Motor ist die Sonne.» Schon seit Jahrzehnten werde der frei zugängliche Luftraum für den Segelflug stetig eingeschränkt. Je mehr potenzielle Einschränkungen es gebe, desto schwieriger. «Wenn zu Beginn eines Fluges schon zu viele Möglichkeiten wegfallen, steigt das Risiko für eine unkontrollierbare Aussenlandung stark an.» Damit meint Sauter keinen Absturz, aber beispielsweise eine Landung im Acker. Werde das Bazl-Szenario realisiert, dann könne der Flugplatz Hegmatten ab der Umsetzung 2024 nicht mehr betrieben werden.

Bazl hält dagegen

Das Bazl wehrt sich jedoch auf Anfrage gegen diese Darstellung: «Dass dies per se existenzbedrohend sei für einen kleinen Flughafen ist ein fragwürdiger Vorgriff auf den Extremfall», sagt Sprecher Christian Schubert. «Die neuen Regeln könnten auch von der Leicht- und Kleinaviatik befolgt werden, das funktioniert an anderen Orten in der Schweiz auch schon so.»

Der Aero-Club der Schweiz, der Dachverband der Leichtaviatik mit über 20000 Mitgliedern, schlägt allerdings auch Alarm. Mit dem vorliegenden Entwurf des Bazl werde die Flugsicherheit für die Leicht- und Sportaviatik «vorsätzlich und bewusst mit Füssen getreten», meint Generalsekretär Yves Burkhardt. Auch würde sehr wohl in Kauf genommen, dass Linien- oder Charterflüge künftig tiefer fliegen werden. Der Aero-Club werde nun auf Bundesebene aktiv und habe auch schon diverse kantonale Verwaltungen sowie angrenzende deutsche Bundesländer in der Sache angeschrieben. Im Gegensatz zum Vorschlag des Bazl habe der Aero-Club selber Lösungen präsentiert, die mit «einfachen Mitteln» umsetzbar wären, sagt Burkhardt.

«Das funktioniert an anderen Orten in der Schweiz auch schon so.»Christian Schubert, Mediensprecher Bazl

Konkret geht es zum Beispiel um eine Hörbereitschaft am Funk für Anweisungen des Flugverkehrsleiters, ohne dass der Luftraum neu aufgeteilt werden müsste. «Dass trotz Digitalisierung und immer präziseren Navigationsgeräten der kontrollierte Luftraum horizontal und vertikal ausgedehnt wird, ist nicht notwendig und nicht nachvollziehbar». sagt Burkhardt.

Bedeutung schwindet

Das Bazl wiederum zeigt sich «über die harschen Töne des Aero-Clubs erstaunt». Mediensprecher Schubert sagt: «Den Verantwortlichen an der Verbandsspitze müsste klar sein, dass es im Luftraum Zürich endlich eine Verbesserung der jetzigen Situation braucht, wie es bereits vor Jahren an der Sicherheitsüberprüfung gefordert wurde.» Der vorliegende Entwurf sei bewusst einzig aus Sicht des Linienverkehrs erstellt worden. «Die Kritik ist zum jetzigen Zeitpunkt, ganz am Anfang des Projektes, völlig übertrieben», sagtSchubert. Erst ab November werde mit den Verbänden diskutiert: «Das Bazl hat den Stakeholdern verschiedene kooperative Arbeitsformen zur Ausarbeitung der neuen Luftraumstruktur vorgeschlagen.»

Allerdings macht das Bazl auch seinen Standpunkt klar mit dem Verweis auf die sinkende Bedeutung der Segel- und Kleinfliegerei. Seit 2000 seien die Flugbewegungen von Segelflugzeugen um 50 Prozent und jene von Kleinflugzeugen um 30 Prozent zurückgegangen.

Starts über der Stadt?

Den Trend spürt man auch in Winterthur, wo der Mitgliederbestand stetig sinkt. Allerdings war im Verein kürzlich viel Aufwind zu spüren. Im letzten Jahr konnte mit der Stadt Winterthur ein langjähriger Baurechtsvertrag für den Flugplatz unterzeichnet werden. Und Präsident Alois Sauter warnt, ein Verschwinden des Winterthurer Flugplatzes sei für die ganze Stadt eine Gefahr: «Wir verhindern mit dem heutigen Luftraum, dass die Stadt Winterthur die Verkehrsfliegerei über den Dächern sieht und hört. Wenn der Flugplatz Hegmatten nicht mehr existiert, dann wird der Flughafen Zürich seine Starts voraussichtlich auch direkt über Winterthur planen.»

Erstellt: 12.09.2019, 06:18 Uhr

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