Winterthur

Wo der Pillenpacker Pillen verpackt

«Wir müssen innovativ sein, sonst überleben wir nicht», sagt Florian Meier von der Adler-Apotheke. Im Untergrund des Verkaufsgeschäfts werden Medikamente mit modernster Technik verpackt und an Heime und Privatkunden verschickt.

Pillenpacker Daniel Mosteiro bei der Arbeit: In dieser Maschine werden die Medikamente in Plastikbeuteln zusammengefasst.

Pillenpacker Daniel Mosteiro bei der Arbeit: In dieser Maschine werden die Medikamente in Plastikbeuteln zusammengefasst. Bild: Enzo Lopardo

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Die Pillenpacker vom Winterthurer Busbahnhof - das ist keine Bezeichnung für lokale Drogenhändler, sondern umschreibt quasi ein neues Berufsbild, welches die traditionsreiche Adler-Apotheke am Eingang zur Altstadt geschaffen hat. Im Untergrund des Verkaufsgeschäfts verpacken Mitarbeiter individuell zugeschnittene Medikamente in kleine Plastikbeutel - mit grosser Unterstützung von modernen Maschinen.

Geplant wird im vierten Stock des Gebäudes, wo Pharma-Assistentinnen die individuellen Bestellungen von Alters- und Pflegeheimen oder auch von Privaten aufnehmen. Manche dieser «Businesskunden» lassen sich beispielsweise vor einer längeren Auslandreise ihre Medikamente für jeden einzelnen Tag von der Adler-Apotheke zusammenstellen.

In den Kellergewölben erreichen die Bestellungen dann den Pillenpacker Daniel Mosteiro. Dieser kommt eigentlich aus der Gastro-Szene, nun setzt er sein Talent fürs genaue und korrekte Arbeiten unter hohen hygienischen Schutzbedingungen ein. Mit grüner Kopfhaube und blauen Schuhüberziehern bewegt er sich virtuos zwischen ratternden Maschinen und digitalen Anzeigetafeln. Die Temperatur beträgt konstant 22,7 Grad, die Luftfeuchtigkeit wird bei trockenen 34 Prozent gehalten.

Forensische Kontrolle

In einem ersten Schritt «entblistert» Mosteiro die Medikamente aus ihren Originalverpackungen. Blister, dieses Wort kommt hier häufig vor. Es ist der Fachbegriff für die Sichtverpackung der Pillen und Tabletten. Dann werden die Medikamente von Hand je nach Bedarf geteilt oder geviertelt und schliesslich von einer Maschine in kleinen Plastikbeuteln zusammengefasst. Verfallsdatum und andere Informationen gehen dabei nicht verloren, sie laufen quasi digital mit und tauchen auch auf der automatischen Beschriftung der Medikamentenbeutel wieder auf. So erkennt die Maschine auch falsche Zusammensetzungen oder den falschen Patienten.

«Wir wollen keine Fabrik werden sondern ein familiärer Betrieb bleiben.»Florian Meier, Inhaber der Adler-Apotheke

Die aneinanderhängenden Beutel mit den verschiedenen Medikamenten eines Patienten laufen schliesslich durch eine Maschine, die ursprünglich aus der Forensik stammt. Hier erfassen mehrere Kameras noch einmal die beschrifteten Daten sowie den Zustand der Medikamente. Falsche Medis sollen in dieser Qualitätskontrolle erkannt werden, aber auch Brüche im Material. Gibt es Fehlermeldungen, werden diese automatisch an die Pharma-Assistentinnen im obersten Stock weitergeleitet und es kommt zu einer detaillierten Nachkontrolle. Korrekte Beutel werden dann per Post oder per Kurier verschickt.

«Knallhartes Umfeld»

Die Vorteile für den Patienten liegen auf der Hand: Er findet im Beutel mit Zeitangaben die unterschiedlichen Pillen und Tabletten, die er täglich einnehmen muss, und bleibt nicht auf halbvollen Packungen sitzen. Und Heime müssen die mühsame und fehleranfällige Arbeit der täglichen Medikamentendosierung für Hunderte Bewohner nicht mehr selber erledigen. Für die Adler-Apotheke generiert die Innovation mit Alters- und Pflegeheimen potentielle Neukunden, ist aber auch ein notwendiger Schritt in der Firmenentwicklung, wie Inhaber und Geschäftsführer Florian Meier im Gespräch sagt.«Wir müssen innovativ sein, sonst überleben wir nicht.» Die Apotheken befänden sich heute in einem «knallharten Umfeld».

Die Adler-Apotheke, mit 48 Mitarbeitern wohl die grösste Apotheke in Winterthur, hat sich neben ihrem Fokus auf selbst hergestellte Arzneimittel seit Jahren auch dem digitalen Wandel angenommen. Vor den Pillenpackern wurde schon ab 2003 ein Lagerroboter eingesetzt, damals ein schweizweites Pionierprojekt. Über einen Webshop können Kunden zudem aus der ganzen Schweiz aus 60000 Artikeln auswählen. Und ganz neu stehen für die Kundenberatung grosse Touchscreens zur Verfügung, auf denen die Arzneimittel vor dem Kauf studiert werden können.

Auf das «Pillenpacken» hat die Adler-Apotheke kein Patent anmelden können, ähnliche Angebote existieren auch in anderen Kantonen. Viel mehr wachsen solle der Betrieb ohnehin nicht, sagt Inhaber Florian Meier. «Klar, wir suchen immer neue Kunden. Wir wollen aber keine Fabrik werden sondern ein familiärer Betrieb bleiben.»

Erstellt: 13.09.2019, 11:04 Uhr

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