Winterthur

Worte sind ihre Sprache

Jennifer Unfug organisiert in Winterthur Poetry Slam Show bei denen es weder Sieger noch Verlierer gibt. «Der Wettbewerb bei den Slams hat mich von Anfang an irritiert», sagt die Poetin.

Auch der Lesesessel von Jennifer Unfug hat ihre Lieblingsfarbe Türkis. Foto: Nathalie Guinand

Auch der Lesesessel von Jennifer Unfug hat ihre Lieblingsfarbe Türkis. Foto: Nathalie Guinand

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Türkisgrün sind Jennifer Unfugs Augen, ihre Haarspitzen und manche der vielen Tattoos, die ihre Arme zieren. Da ist es nahe liegend, dass Türkis die Lieblingsfarbe der 25-Jährigen ist. «Bei mir passt irgendwie immer alles zusammen, ohne dass ich es will», sagt sie und zuckt mit den Schultern. Seit fünf Jahren wohnt Unfug, die am liebsten bei ihrem Künstlernamen genannt wird, in Winterthur. «Ich bin hierher gekommen, um Journalismus zu studieren.»

Schnell habe sie aber gemerkt, dass der Studiengang doch nicht das Richtige für sie sei: «Es war mir einfach zu eng, irgendwie», sagt Unfug. Schon als Kind habe sie geschrieben. «Auf meinen schlechten Zeichnungen habe ich jeweils Kurzgeschichten verfasst», sagt sie und lacht. Während sie das Zeichnen nicht zu ihren grössten Talenten zählt, hat sie sich ganz der Sprache verschrieben.

«Bei mir passt irgendwie immer alles zusammen, ohne dass ich es will»

Poetry Slam heisst die Textform, mit der Unfug hauptsächlich auf der Bühne steht. Dabei hat die Poetin sechs Minuten Zeit, einen Text zu einem Thema vorzutragen. Dieser darf jedoch weder gesungen, noch durch Hilfsmittel wie Instrumente aufgepeppt werden. «Für mich ist es wichtig, dass ich mit meinem Text eine Message rüberbringen kann», sagt die Slammerin.

Drei Mal hat sie schon an den Schweizer Meisterschaften im Poetry Slam teilgenommen. Doch die Künstlerin tritt nicht nur auf, sie veranstaltet auch selbst Dichterwettkämpfe. Bereits 23 Mal hat sie die Nebeneinander Poetry Slam Shows in Winterthur organisiert und moderiert. «Der Wettbewerb bei den Slams hat mich von Anfang an irritiert», sagt die Texterin.

Für sie sei der Konkurrenzkampf unnötig. «Die Texte sind meist so verschieden, dass es unfair ist, sie zu vergleichen.» Bei einem stillen und tiefgründigen Slam würden die Leute viel weniger «ausrasten», wie es Unfug beschreibt, als bei lustig, lockeren Texten. Trotz des Wettbewerbs macht auch sie regelmässig bei den Events mit. «Das gehört momentan einfach noch zu diesem Format, sonst könnte ich nirgends mehr auftreten.»

Für die Slammerin sind ihre Auftritte die Möglichkeit, sich Gehör bei den Leuten zu verschaffen. Besonders Themen wie Diskriminierung oder psychische Gesundheit probiert sie zur Zeit, textlich zu verarbeiten. «Man ist zwar nur kurz auf der Bühne, kann aber dennoch etwas in den Menschen bewegen.»

Von September bis Mai moderiert sie die Nebeneinander Slams in Winterthur, von denen es nun zum zweiten Mal auch eine Sommer-Edition gibt. Am 22. August treten Slammerinnen und Slammer in der Badi Wolfensberg auf. «Für den Anlass in der Sommerpause frage ich jeweils Leute an, die mich während des Jahres beeindruckt haben.»

Nach der Sommerpause beginnt für Jennifer Unfug ein neuer Lebensabschnitt. Sie hat sich entschieden, sich voll ihrer Kunst zu widmen und ihre Stelle in der Gastronomie aufzugeben. «Einerseits möchte ich mir keinen Druck machen und gleichzeitig habe ich schon tausend Ideen, die ich gerne umsetzen möchte.»

Im Oktober kann sie beispielsweise an den deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften in Deutschland teilnehmen. «Ich freue mich riesig, weil die Schweiz nur sehr wenige Startplätze hat.» Kilian Ziegler, der doppeltePoetry-Slam-Schweizermeister 2018, hat sie für den Wettbewerb in Deutschland ausgesucht.

«Manchmal harzt es»

Um einen Slam zu verfassen, braucht die Poetin von einer halben Stunde bis zu zwei Monaten. «Manchmal fliesst es und manchmal harzt es.» Es entstehen aber nicht immer Poetry Slams, wenn sie einen Stift in die Hand nimmt. «Viele meiner Texte sind kürzer, einige auch länger.» Gerade mit ihren kurzen Gedichten würde die Künstlerin gerne einmal einen Gedichtband zusammenstellen.

Inspiration holt sie sich aus Büchern: «Ich probiere, sehr viel zu lesen», davon zeugt das Büchergestell, in das die Werke nach Farben einsortiert sind. Daneben döst ein Hund friedlich in seinem Bettchen vor sich hin. «Wir haben Calimero vor einem Jahr aus dem Tierheim geholt.» Seither würden sie und ihr Freund den Vierbeiner nicht wieder hergeben. «Ich liebe seine grauen Professorenbrauen», sagt Unfug und streicht dem alten Rüden übers Fell.

Was aus ihren Zukunftsplänen alles entstehen wird, weiss die Künstlerin noch nicht. Dass ihr Platz auf der Bühne ist, scheint aber klar zu sein. Im Oktober startet sie mit dem Vorkurs in Schauspielerei an der Zürcher Hochschule der Künste. Neben Theaterspielen und Slammen möchte sie auch weiterhin Moderationen machen. «Es gefällt mir, die anderen Leute auf der Bühne in ein gutes Licht zu rücken.»

Sommer-Edition: Der Nebeneinander Poetry Slam findet am 22. August in der Badi Wolfensberg statt. Türöffnung ist um 19.30 Uhr. Tickets unter: www.eventfrog.ch

Erstellt: 16.08.2019, 12:47 Uhr

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