Persönlich

«Zeigt mir eure Stadt»

Im Iran geboren, in Hamburg aufgewachsen und nach vier Jahren in Winterthur bereits einer der treusten FCW-Fans. Der Fotograf Milad Ahmadvand weiss sich zu helfen.

Bilder helfen gegen das Vergessen, dies lernte Milad Ahmadvand schon in seiner Kindheit.

Bilder helfen gegen das Vergessen, dies lernte Milad Ahmadvand schon in seiner Kindheit. Bild: Enzo Lopardo

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Seit vier Jahren wohnt Milad Ahmadvand in Winterthur und ist bereits vernetzter als manch Lokaler. Daran ist der 30-Jährige selber schuld. Am ­ersten Tag in der neuen Stadt schnappte er sich sein Rollbrett und machte sich auf die Suche nach dem heimischen Fussballstadion.

«Seit ich vier Jahre alt war, gehört Fussball zu meinem Leben.» Sein Grossvater spielte selber bei Esteghlal Teheran, einem der grössten Teheraner Fussballklubs, und nahm seinen Enkel oft an Heimspiele mit.

Bald fand auf der Schützenwiese der Cup-Halbfinal FC Winterthur gegen den FC Basel statt. Ahmadvand setzte sich vor dem Spiel mit einer Kiste Astra-Bier auf den Vorplatz, schrieb auf Facebook, es gäbe Gratisbier für alle, und wartete. Die durstigen Fans dankten es ihm, die ersten Kontakte waren schnell ge­knüpft.

Nicht zuletzt, weil er mit seinem St.-Pauli-Pullover die Sympathien der Winterthurer Fans bereits auf seiner Seite hatte. Und so traf Ahmadvand bald darauf auch auf Andreas Mösli, der ihn im Stadion willkommen hiess und ihm erlaubte, im Stadion zu fotografieren. Damit begann seine Liebesgeschichte mit dem FC Winterthur.

«Es brauchte Hartnäckigkeit und Zeit, bis mich alle akzeptiert hatten.»

«Ich bin sehr extrovertiert», sagt Ahmadvand, der im Gespräch eher ruhig und zurückhaltend wirkt. Trotzdem, einfach sei es nicht gewesen, in der Schweiz Fuss zu fassen. «Ich musste zuerst lernen, wie die Schweizer ticken», sagt Ahmadvand. In Hamburg, wo er vorher wohnte, müsse man sich Raum verschaffen, um gehört zu werden, hier laufe vieles subtiler. Am Anfang sei er dann auch skeptisch beäugt worden, trotz seines fulminanten Starts. «Es brauchte Hartnäckigkeit und Zeit, bis mich alle akzeptiert hatten.»

Geboren und aufgewachsen ist Ahmadvand im Iran. Mit neuneinhalb Jahren flüchtete er gemeinsam mit seinem Vater vom Iran nach Deutschland, seine Mutter und seine Schwester kamen erst drei Jahre später nach. «Uns ging es eigentlich gut im Iran», sagt Ahmadvand und beginnt dann zu erzählen. Sein Vater hatte sich freiwillig für den Iran-Irak-Krieg gemeldet und geriet in Kriegsgefangenschaft. Einmal jährlich habe ein Team des Roten Kreuzes Fotos aus dem Gefängnis im Irak in der Turnhalle auf die Wand projiziert, drei Mal erkannte er seinen Vater, bis dieser wieder zu Hause war.

Doch die Gefangenschaft hatte ein Nachspiel. Viele Heimkehrer wurden der Spionage für die USA verdächtigt. Die Familie entschied sich für ein neues Leben in Hamburg. «Um doch noch an ihrem Leben teilzuhaben, tauschten wir regelmässig Bilder und Alltagsszenen auf Video­kassetten mit unseren Grosseltern im Iran aus.»

Eigentlich wollte Ahmadvand erst Journalist werden. «Mein Leben war von Beginn weg stark von politischen Entscheidungen beeinflusst worden», sagt er. «Ich wollte etwas bewegen, etwas Bedeutendes machen.» Doch die visuellen Erinnerungshilfen, die sich durch sein Leben ziehen, blieben ihm. «Auch darum entschied ich mich, Film zu studieren», sagt er. Als ihm die Auftragsarbeiten bei einer Filmproduktion, in der er danach arbeitete, zu monoton wurden, machte er sich selbstständig.

Nach Winterthur brachte ihn die Liebe zu seiner Frau. Hier entschied er sich endgültig für die Fotografie. «Das erste Jahr war beruflich eine Katastrophe», sagt Ahmadvand. Er habe es selber unterschätzt. Ohne Kontakte und Beziehungen sei es fast unmöglich gewesen, an Arbeit zu kommen. Aber auch das nahm er selber in die Hand. «Ich habe mich online umgeschaut und auf den sozialen Medien Anfragen gepostet: Leute, zeigt mir eure Stadtteile, wir gehen spazieren, und ich fotografiere.» Einer der Ersten, der sich meldete, war Heinz Bächinger vom Onlinearchiv Winterthur-Glossar. Kaum jemand weiss mehr über diese Stadt als er.

Mittlerweile kann Ahmadvand von der Fotografie leben. Trotzdem: Immer wieder arbeitet er an Projekten, an denen er nichts verdient, die ihm aber Spass machen. Bald wird er zum Beispiel ein Buch über das Spiel FC Seuzach gegen die Grasshoppers publizieren. Oder zwei Wochen auf die Färöer Inseln fliegen.

Das zeitaufwendigste Projekt war aber sicher fcwinti.com. Die Webseite gründete er vor zwei Jahren gemeinsam mit Ramon Fritschi. Als Alternative zum «Land­boten», der als einziges Medium regelmässig über den FCW berichtete. Zwei Jahre lang besuchten die beiden fast jedes Spiel der ersten Mannschaft, der U21 und der U18 und versorgten die begeisterten Fans mit Bildern, Livetickern und Berichten. Dann war die Luft draussen, und vor kurzem gaben sie das Projekt auf.

«Es war eine anstrengende, aber schöne Zeit», sagt Ahmadvand und es habe ihm auch Türen geöffnet, die für ihn als selbstständigen Fotografen sehr wichtig seien. Nun freue er sich aber, mehr Zeit mit seiner 19 Monate alten Tochter Rahel Nira Engelhard zu verbringen. Seinen eigenen Nachnamen wollte Ahmadvand ihr in der Schweiz nicht antun.

Erstellt: 20.11.2016, 17:56 Uhr

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Milad Ahmadvand

Selbstständiger Fotograf und Fussballfan

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