Wirtschaft

Zimmer hinterlässt wohl grosses Steuerloch

Mit dem Wegzug der Medtech-Firma Zimmer Biomet nach Zug dürften in Winterthur Steuergelder in Millionenhöhe wegfallen. Die Innerschweiz ist nicht nur für Firmen, sondern auch für Topverdiener attraktiv.

Zimmer Biomet verlässt Winterthur in Richtung Zug.

Zimmer Biomet verlässt Winterthur in Richtung Zug. Bild: Archiv

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Tiefere Steuern und ein attraktiverer Medtech-Sektor mit den entsprechenden Fachkräften: Das sind die Hauptgründe, die der Implantate-Hersteller Zimmer Biomet am Mittwochabend auf Nachfrage nannte, warum es seinen Europa-Hauptsitz von Winterthur nach Zug verlegt. Das gesamte Management geht mit und damit bis zu 130 Kaderstellen. Produziert wird weiterhin an der Sulzer-Allee. «Der Grossteil» der über 1000 Mitarbeiter soll bleiben. Doch seine Gewinn- und Kapitalsteuern zahlt Zimmer künftig in Zug.

Zug an der Spitze

Wie viel attraktiver ist der Kanton Zug im schweizweiten Vergleich für Unternehmen tatsächlich? Die Bank Crédit Suisse veröffentlicht jedes Jahr ein Standortranking, bei dem sie Steuerbelastung für Firmen und Personen, die Verfügbarkeit von Fachkräften und die verkehrstechnische Erschliessung berücksichtigt. Dabei lag der Kanton Basel-Stadt Ende 2019 knapp vor Zug und relativ klar vor Zürich. Doch schon 2020, so die Prognose, wird Zug wieder zurück an der Spitze sein. Der Grund: Sinkende Gewinnsteuern. Sie sinken schweizweit, nachdem letztes Jahr die schweizweite Steuerreform angenommen wurde. Der Kanton Zug hat seine Gewinnsteuern per 2020 von 14,6 auf 11,9 Prozent gesenkt. Da kann Zürich mit 21,6 Prozent nicht mithalten: Platz 2 vs. Platz 24.

«Für Firmen, die vor allem Steuern sparen wollen, ist der Kanton Zürich wohl nicht der richtige Standort»Michael Domeisen

Auch mit der geplanten Senkung auf 19,7 Prozent ab 2021 bleibt Zürich steuertechnisch auf den hintersten Rängen. «Für Firmen, die vor allem Steuern sparen wollen, ist der Kanton Zürich wohl nicht der richtige Standort», sagt Standortförderer Michael Domeisen von House of Winterthur. Die Zimmer Biomet Holdings hat ihren Hauptsitz in den USA. Und US-Firmen, so Domeisen, seien gemäss seinen Erfahrungen besonders steueraffin.

Überrascht habe Domeisen der Wegzug von Zimmer Biomet trotzdem. Wie Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) glaubt auch er, dass Steuervorteile ausschlaggebend waren, denn: «Punkto Lebensqualität, dem Medtech-Umfeld und Fachkräften steht Winterthur beziehungsweise der Kanton Zürich mindestens so gut da wie Zug.» In Zug beschäftigen 200 Medtech-Firmen gegen 3400 Angestellte, darunter auch grössere Player wie Johnson&Johnson, Roche oder Hitachi. Mit Zimmer stösst nun eine der schweizweit zehn grössten Medtech-Firmen dazu.

Millionen-Ausfälle?

Wie viel Unternehmensteuern Zimmer in Winterthur bislang genau bezahlt hat, ist nicht bekannt. Vor drei Jahren sprach die Firma während des Abstimmungskampfes um die Unternehmenssteuerreform III von einem «zweistelligen Millionenbetrag.» Schon damals hatte die Firma mit einem Wegzug kokettiert.

Die Zahlen stimmen. Weltweit fuhr Zimmer 2019 einen Gewinn von über einer Milliarde US-Dollar ein. Das von der Sulzer-Allee aus gesteuerten Europa-Asien-Nahost-Geschäft steuerte über einen Fünftel des Umsatzes bei. Domeisen geht demnach von einem «substanziellen Steuerausfall» für Stadt und Kanton aus. Denn wahrscheinlich ist zudem, dass der Stadt und Region auch einige gute Steuerzahler verloren gehen. Abgezogen werden vor allem Spitzenverdiener. Und laut Domeisen verteilen sich die Wohnorte der Zimmer-Belegschaft etwa zu je einem Drittel auf Stadt, Region und Wohnorte ausserhalb der Agglomeration.

Sein Management muss die Zimmer Biomet-Spitze erst einmal überzeugen, den Weg nach Zug mitzugehen. In einem Konsultationsverfahren, heisst es, suche man nun das Gespräch. Nach Zug zu Pendeln wäre wenig attraktiv. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln dauert die Fahrt von Winterthur aus eine Stunde. Doch es gäbe auch Anreize. Nicht nur Firmen, auch Top-Verdiener können in Zug kräftig Steuern sparen. Bei den Einkommen liegen die Spitzensteuersätze zwischen 22,1 und 23,3 Prozent, schweizweit ein Tiefstwert. Zürich ist mit Sätzen zwischen 33,9 und 41,5 Prozent im hintersten Viertel platziert. Bei einem Jahreseinkommen von 180'000 Franken und einem Vermögen von einer Million Franken liesse sich in der Stadt Zug für eine verheiratete Person im Vergleich mit Winterthur über 10'000 Franken Steuern sparen pro Jahr.

Dass der Fall Zimmer der Anfang eines anhaltenden Firmen-Exodus aus Winterthur ist, glaubt Domeisen nicht: «Hier sollte man eher die Entwicklung im gesamten Kanton im Blick behalten.»

Erstellt: 13.02.2020, 18:09 Uhr

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