Tanz

A bailar im Kellertheater

Bei den Milongas im Kellertheater treffen sich jeden Montagabend Tangobegeisterte zum gemeinsamen Tanz. Beim Tango gebe es keine Grenzen, schwärmt ein Besucher.

Tango in Winterthur: Tanzen mit Tradition, aber ohne ein stures Schema. Foto: Enzo Lopardo

Tango in Winterthur: Tanzen mit Tradition, aber ohne ein stures Schema. Foto: Enzo Lopardo

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Wenn die Altstadt am Montagabend um 19.30 Uhr wie leergefegt ist, hört man sie noch besser: Die Musik, die durch das winzige Gitterfenster auf die Marktgasse weht. Musik, die zum Tanzen auffordert. Ein paar Treppenstufen weiter unten findet man sich im Kellertheater in einer Atmosphäre wie in einem Film. Das Licht ist gedimmt, auf den Tischen stehen Kerzenleuchter und bunte Blumensträusse. Einzig der DJ hinter seinem Mischpult passt nicht ins Bild.

Es ist Tango-Milonga. Der mehrdeutige Begriff Milonga bezeichnet in diesem Fall ein Tanzlokal, in dem sich Milongeras und Milongueros zum Tanz treffen. Das Tanzlokal ist das Kellertheater, der Tanz ein Tango Argentino, der mit einigen Klischees behaftet ist: leicht bekleidete Damen mit roten Rosen im Haar, Männer mit zurückgegelten Haaren, viel Leidenschaft und Erotik. Die Milongas im Kellertheater sollen vor allem ungezwungen, persönlich und durchaus auch leidenschaftlich sein. Hier gibt es keinen Dresscode, jede tanzt mit jedem und zwischen die traditionelle Musik mischt sich auch einmal ein Stück des Neotangos.

«Vergessen und nur spüren»

Vor acht Jahren haben sich acht Tangobegeisterte des Kellertheater-Teams zusammengetan und die Milonga zum ersten Mal durchgeführt. Rolf Jenny war einer davon. «Unsere Leidenschaft macht den Erfolg aus», sagt er. Er selbst habe das Tangotanzen vor elf Jahren durch die Empfehlung einer Freundin gelernt und seine Freude daran entdeckt. Tango sei «zum Versinken» schwärmt Franziska Van Ooyen, ein weiteres Gründungsmitglied der Milongas. «Man kann dabei alles vergessen und einander nur spüren.» Ihr Umgang mit anderen habe sich durch das Tanzen verändert. «Ich fasse meine Mitmenschen dadurch viel mehr an.»

«Beim Tango gibt es keine Grenzen , und wenn die Hemmschwelle fällt, wird es richtig schön.»

Wenn der DJ Kurt Weills «Youkali» spielt und sich ein Dutzend Paare dazu bewegen, ist es still im Raum. Der Mann führt, die Frauen halten oft die Augen geschlossen, die Köpfe sind aneinander gelehnt. «Meine Frau und ich tanzen gerne mit anderen, das bringt Erfahrung», sagt ein Mann, während er seiner Gattin beim Tanzen zuschaut. «Wir haben jahrelang Standard getanzt, bis ein Freundespaar von uns zum Tango gewechselt hat und wir uns haben überreden lassen», sagt der 77-Jährige. «Beim Tango gibt es keine Grenzen , und wenn die Hemmschwelle fällt, wird es richtig schön.»

«I love dancing», sagt ein Mann aus Australien. Er komme immer hierher, wenn er beruflich in der Schweiz sei. «Milongas funktionieren weltweit nach dem gleichen Ablauf», erklärt Massimo Aliotta, der ab und zu auch am DJ-Pult steht. Man wolle nicht nach sturem Schema vorgehen, doch die Basics kenne jeder. Dazu gehört neben der Abfolge der Tanzstücke und Cortinas – der Pausen für Partnerwechsel - auch die Aufforderung zum Tanz durch die direkte Anfrage oder nonverbal durch den Cabeceo – eine subtile Kopfbewegung, zusammen mit dem Blickkontakt, der Mirada.

«Fast wie in einer Messe»

Die Traditionen seien zwar ein wenig verstaubt, doch die Atmosphäre im Kellertheater sei unschlagbar, sagt ein Tänzer: «Die Stimmung mit einer Messe zu vergleichen, wäre etwas übertrieben, aber naheliegend.» Hier seien schon viele Freundschaften entstanden, erzählt Rolf Jenny. Als Gastgeber habe er auch eine vermittelnde Funktion. «Ich stelle die Leute einander vor und sorge dafür, dass sie sich wohlfühlen.» Am Ende des Abends gibt Jenny jeder Dame eine Rose in die Hand. Er sei ihr wichtigster Sozialkontakt, sagt eine Frau neben ihm. «Schon nur deshalb komme ich gerne hierher.»

Erstellt: 29.10.2019, 15:17 Uhr

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