Winterthur

«Ab 45 Jahren steigt die Sozialhilfequote an»

Wer über 45 Jahre alt ist und in der Sozialhilfe landet, findet mit grosser Wahrscheinlichkeit bis zur Pensionierung nicht mehr hinaus. Daran lasse sich einzig mit mehr Bildung etwas ändern, sagt Winterthurs Sozialvorsteher Nicolas Galladé (SP).

Nicolas Galladé (links) und Peter Wirth (rechts) konnten zum ersten Mal ein Diagramm zur Sozialhilfequote mit zwei gleichlangen Balken präsentieren. Die Quote der Stadt blieb zum ersten Mal seit 2013 stabil.

Nicolas Galladé (links) und Peter Wirth (rechts) konnten zum ersten Mal ein Diagramm zur Sozialhilfequote mit zwei gleichlangen Balken präsentieren. Die Quote der Stadt blieb zum ersten Mal seit 2013 stabil. Bild: Marc Dahinden

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Sozialhilfequote in Winterthur ist erstmals seit sechs Jahren stabil geblieben. Die Stadt konnte über 1100 Sozialfälle abschliessen. Wie nachhaltig ist die Entwicklung?
Nicolas Galladé: Aufgrund der Zahlen eines einzigen Jahres können wir nicht von einem Trend sprechen. Was ich sagen kann ist, dass im vergangenen Jahr deutlich weniger Fälle neu dazugekommen sind, dass wir noch nie so viele Sozialhilfefälle abschliessen konnten und dass viel mehr Bezieherinnen und Bezieher in den Arbeitsmarkt integriert werden konnten. Es gibt aber eine wachsende Zahl von Beziehern, die dauerhaft oder für längere Zeit in der Sozialhilfe bleiben. Dieser Sockel ist ein Problem.

«Es ist eine Weiterbildungsoffensive nötig.»Nicolas Galladé

Früher fanden Sozialhilfebezieher ab 55 Jahren kaum mehr Arbeit, heute geht es 45-Jährigen gleich. Wie hilft die Stadt diesen Frauen und Männern?
Wir klären, welche Ressourcen jemand mitbringt und wie man eine Person für eine Arbeit qualifizieren könnte. Dabei bewerten wir auch, welche Chancen jemand hat, eine Arbeit zu finden. Wir investieren insbesondere in Bezieher, die den Wechsel zurück wahrscheinlicher schaffen. Die höchste Sozialhilfequote weisen zwar die jüngeren Bezieher auf, aber diese Quote konnte reduziert werden. Bei Beziehern ab 45 Jahren steigt die Quote an. Das hat mit dem Arbeitsmarkt zu tun und muss auf übergeordneter Ebene angegangen werden.

Mit welchen Ansätzen?
Es ist eine Weiterbildungsoffensive nötig. Um das geforderte lebenslange Lernen finanzieren zu können, braucht auch die Sozialhilfe Geld. Schon heute investieren wir in diesen Bereich viel, aber es braucht mehr. Gerade die älteren Sozialhilfebezieher können den Sprung zurück in den Arbeitsmarkt nur schaffen, wenn sie einen gewissen Bildungsstand vorweisen können. Den über 60-Jährigen mit Sozialhilfe will der Bund mit einer Rente helfen. Das ist ein erfreulicher Ansatz. Aber das betrifft nur einen sehr kleinen Teil der Sozialhilfeempfänger.

Ob der Bund oder die Stadt die Hilfe bezahlt ändert nichts.
Letztlich entscheidet der Arbeitsmarkt. Wenn der Markt für eine gewisse Gruppe keine Arbeitsplätze mehr bietet, dann verfügt weder die Sozialhilfe noch das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum über ein Zaubermittel, daran etwas zu ändern. Dafür muss vorausschauend investiert werden. Rund die Hälfte der erwachsenen Personen, die heute Sozialhilfe beziehen, hat keinen Berufsabschluss oder einen, der nicht mehr gefragt ist. Wenn einfache Tätigkeiten in gewissen Branchen wegfallen, finden viele dieser Menschen kaum mehr eine Beschäftigung.

«Es gelingt uns rund die Hälfte der neu in die Sozialhilfe kommenden Menschen innert einem Jahr wieder abzulösen.»

Das Problem dürfte sich mit dem Älterwerden der Bevölkerung noch verschärfen. Steigt die Sozialhilfequote schon bald weiter an?
Die Zahlen des letzten und die vorliegenden Werte des laufenden Jahres deuten auf eine Verbesserung hin. Angesichts der technologischen Entwicklung, der Auslagerung von Arbeitsplätzen, den gestiegenen Ansprüchen und der Migration ist es eigentlich erstaunlich, dass die Sozialhilfequote in den vergangenen 15 Jahren schweizweit ungefähr dieselbe geblieben ist. Angesichts der fortschreitenden Digitalisierung frage ich mich aber schon, wie gross die Chancen von Sozialhilfebeziehern in Zukunft sind, wieder eine Arbeitstelle zu finden.

Wie kann die Sozialhilfe daran etwas ändern?
Trotz der schwieriger werdenden Bedingungen schafft es die Sozialhilfe in einem hohen Mass die Entwicklungen aufzufangen. Es gelingt uns rund die Hälfte der neu in die Sozialhilfe kommenden Menschen innert einem Jahr wieder abzulösen. Das sind häufig Arbeitnehmer, die zuvor schon 18 Monate Arbeitslosengeld erhalten und keine Stelle gefunden haben. Die Sozialhilfe ist eine Massnahme um dafür zu sorgen, dass Armut nicht vererbt wird. Um die Situation grundlegend zu verändern, sind Investitionen in die vorgelagerten Systeme gefragt, in die Frühförderung, in die Bildung und in Weiterbildungskredite. Die Sozialhilfe ist im Prinzip ein Fiebermesser dafür, was zuvor in Aus- und Weiterbildung falsch gelaufen ist.

In den nächsten Jahren werden die Gemeinden die Sozialhilfe für vorläufig Aufgenommene und Flüchtlinge bezahlen müssen, für die bisher der Bund aufkam. Rechnen Sie deswegen mit Mehrausgaben?
Prognosen zur Sozialhilfequote sind immer Annahmen. Vorläufig aufgenommene Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren ist eine grosse Herausforderung. Das beschäftigt uns seit fünf Jahren. Für das kommende Jahr sehen wir keinen ausserordentlichen Anstieg der Kosten. Auch bei den vorläufig Aufgenommenen ist es wichtig, in die Bildung zu investieren, insbesondere in die Grundbildung. Die Beispiele, in denen das gelingt, zeigen, dass sich die Anstrengungen lohnen. Aber wir müssen ehrlich sein. Bei vorläufig Aufgenommenen und Flücht­lingen ohne Ausbildung ist die vollständige Integration in den Arbeitsmarkt ähnlich realistisch, wie bei einem ausgesteuerten über 45-Jährigen ohne Berufsausbildung.

Erstellt: 30.09.2019, 18:07 Uhr

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.