Winterthur

Abstimmung basierte auf falschen Zahlen

Die Zahl der Arbeitsplätze pro Einwohner ist in Winterthur höher als bisher angenommen. Tatsächlich ist das Teilziel der 2016 versenkten GLP-Initiative «Schaffe und Wohne z Winterthur» längst erreicht.

Auf 100 Einwohner kommen in Winterthur gut 65 Arbeitsplätze.

Auf 100 Einwohner kommen in Winterthur gut 65 Arbeitsplätze. Bild: Marc Dahinden

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Bis im Jahr 2020 müsse die Zahl der Arbeitsplätze in Winterthur von 63 auf 65 pro 100 Einwohner steigen: Das hatte die GLP-Initiative «Schaffe und Wohne z Winterthur» gefordert, die im Juni 2016 an der Urne scheiterte. Wie sich jetzt zeigt, war die Vorlage weitgehend vergebens. Der angestrebte Wert ist längst erreicht.

Das Bundesamt für Statistik hat kürzlich eine neue Übersicht über die Arbeitsstellen in der Schweiz publiziert. Laut dieser provisorischen Zählung waren Ende 2015 auf Winterthurer Stadtgebiet 70 633 Personen beschäftigt. Stellt man dies der Einwohnerzahl zum gleichen Zeitpunkt (108 268) gegenüber, ergibt sich die sogenannte Arbeitsplatzdichte: 65,2 besetzte Stellen pro 100 Einwohner.

Erhebliche Abweichungen

Das liegt aber nicht daran, dass der Wirtschaftsstandort Winterthur sprunghaft gewachsen wäre. Noch immer wächst der Arbeitsstellenmarkt in Winterthur langsamer an als die Bevölkerung (1,1 gegenüber 1,4 Prozent im Jahr 2015). Der Grund ist viel banaler: Vor der Abstimmung über die GLP-Initiative ist mit falschen Zahlen operiert worden.

Im Städtevergleich nimmt Winterthur weiterhin einen der hinteren Ränge ein.

Laut der Abstimmungszeitung, die damals an alle Stimmbürger geliefert wurde, lag die Arbeitsplatzdichte 2013 bei 63. Das waren die zum Zeitpunkt aktuellsten verfügbaren Zahlen. Wie die Stadtentwicklung jetzt auf Anfrage schreibt, revidierte das Bundesamt für Statistik die Zahlen im Herbst, also nach der Abstimmung. Die Abweichungen waren teils erheblich. Tatsächlich betrug die Arbeitsplatzdichte in Winterthur nämlich seit der Einführung der neuen Statistik der Unternehmensstruktur (Statent) 2011 immer mindestens 65.

Arbeitsplätze pro 100 Einwohner/Innen. Für eine vergrösserte Ansicht hier klicken.

Damit ist die Arbeitsplatzdichte nicht so tief wie bis anhin angenommen und die GLP-Forderung erfüllt. Im Städtevergleich nimmt Winterthur aber weiterhin einen der hinteren Ränge ein (siehe Grafik). Erklären lässt sich das schlechte Abschneiden vor allem durch die Nähe Winterthurs zur Wirtschaftsmetropole Zürich und durch das Fehlen kantonaler Verwaltung. Schliesslich handelt es sich bei den meisten anderen grossen Städten um Kantonshauptorte.

Ganz am Ziel angekommen ist Winterthur dennoch nicht, ginge es nach der GLP-Initiative: Sie verlangte nebst der erwähnten Arbeitsplatzdichte für 2020 nämlich 70 Arbeitsplätze pro 100 Einwohner bis im Jahr 2030. Das dürfte viel schwieriger zu erreichen sein als mit einer statistischen Bereinigung.

(Der Landbote)

Erstellt: 12.09.2017, 17:15 Uhr

Beat Meier, GLP

Nachgefragt

«Auch die neuen Daten belegen eine Stagnation»

Die Arbeitsplatzdichte in ­Winterthur ist höher als bisher ­angenommen. Ist das Teilziel Ihrer Initiative damit erreicht?
Beat Meier: Mit dem methodischen Wechsel von der früheren Betriebszählung zur neuen, AHV-basierten Strukturerhebung erfolgt nur scheinbar ein Sprung nach oben. Entscheidend ist für die Stadt Winterthur natürlich nicht die Höhe des absoluten Werts, sondern die Entwicklung der Zahlen und der Vergleich mit den anderen Städten. Und hier belegen auch die neuen Daten eine Stagnation in Winterthur.

Winterthur bleibt im Städtevergleich ein Schlusslicht, ist aber die grösste Stadt ohne kantonale Verwaltung. Vergleichen Sie da nicht Äpfel mit Birnen?
Der Hauptstadteffekt ist nicht so gross, wie man meinen könnte. In Kantonshauptorten wie Basel oder Zürich ist der Anteil von Arbeitsplätzen in der öffentlichen Verwaltung sogar kleiner als bei uns, in Schaffhausen oder St. Gallen vergleichbar. Unsere Benchmark war ohnehin stets die Stadt Biel. Diese ist in einer ähnlichen Situation, sie hat eine De­industrialisierung durchgemacht und ist keine Kantonshauptstadt. Trotzdem ist ihre Arbeitsplatzdichte massiv höher.

Nach dem Volks-Nein zu Ihrer Vorlage verfolgte der Stadtrat die «Impulsstrategie Arbeits­plätze». Mit Erfolg?
Eine Strategie zu formulieren, ist eine Sache, den Tatbeweis zu erbringen, eine andere. Der städtische Umgang mit vorhandenen Industrieflächen zeigt mir, dass immer noch das Gegenteil geschieht. Beispielsweise bei den frei gewordenen Flächen von Rieter in Töss: Hier könnte der Stadtrat beweisen, dass ihm etwas an Industrieflächen liegt. Doch jetzt hat er bereits verlauten lassen, dass er dort neue Wohnnutzungen als Möglichkeit sieht – es geschieht also dasselbe wie in Neuhegi und im Werk 1. Damit macht sich der Stadtrat seine Aufgabe, die Arbeitsplatzdichte zu erhöhen, selber immer schwerer.

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