Zuzüger

Achtung, hier kommt die Stadt

Viele Gemeinden in der Region wachsen. Dieneuen Bewohner bringen Umbrüche mit sich. Dagegen sträuben sich nicht zuletzt die Auslöser des Wachstums.

Das Dorf Ossingen ist zwischen 2007 und 2015 von 1314 auf 1422 Einwohner gewachsen.

Das Dorf Ossingen ist zwischen 2007 und 2015 von 1314 auf 1422 Einwohner gewachsen. Bild: Heinz Kramer

«Linke Zuzüger aus der Stadt wirken sich leider negativ auf den Wähleranteil (der SVP) aus», schreibt Therese Schläpfer, Gemeindepräsidentin von Hagenbuch, in der Winterthurer SVP Zeitung. Als Linke bezeichnet sie auf Anfrage hin Sozialdemokraten und Grüne, oder allgemein: «Menschen mit Vorstellungen, die unseren Ideen entgegen stehen.»

Gemeinden wollen wachsen

Schläpfer hat Recht. Sowohl in der Region Tösstal wie im nördlichen Agglomerationsgürtel von Winterthur lässt sich feststellen: Je weniger eine Gemeinde wächst, desto besser schneidet die SVP in den Kantonsratswahlen ab. Das Umgekehrte gilt für die SP. Je höher das Bevölkerungswachstum, desto besser sind im Durchschnitt ihre Ergebnisse (siehe Grafik).

Vergrösserte Ansicht Die Zahlen beruhen auf den Ergebnissen der Kantonsratswahlen von 2007 bis 2015. Das Bevölkerungswachstum wurde im gleichen Zeitraum gemessen. In der Grafik gibt es eine Abweichung vom erwarteten Muster: In der Region Andelfingen-Thur verliert die SVP Stimmen in den Gemeinden mit einem Bevölkerungszuwachs von weniger als 10 % , statt dass sie dort überdurchschnittlich zulegen würde. Die Abweichung ist kleinen Gemeinden zuzuschreiben, in denen die Wahlergebnisse aufgrund lokaler Ereignisse besonders stark schwankten.

Trotzdem ist die SVP in allen 18 untersuchten Gemeinden weiterhin klar die stärkste Partei. Den niedrigsten Wert erzielte sie bei den Kantonsratswahlen 2015 in Thalheim mit 23,3 Prozent. In vier Gemeinden kam sie auf die absolute Mehrheit. Viele dieser von der SVP geprägten Gemeinden streben ein Bevölkerungswachstum an. Sogar Hagenbuch: «Wir würden gerne wachsen», sagt Schläpfer: «doch wegen der Kulturlandinitiative können wir kein Land mehr einzonen.»

Gute Steuerzahler erwünscht

Anders Ossingen: Dort wurde 2012 ein neuer Zonenplan bewilligt. Dies nur Monate bevor der Kulturlandschutz in Kraft trat. Darum wächst Ossingen: «Wir streben bis 2022 ein Wachstum von jährlich vier Prozent an», sagt Gemeindepräsident Martin Günthardt (siehe Text rechts).

«Unsere Ideen drohen unter zu gehen»Therese Schläpfer,
Gemeindepräsidentin Hagenbuch

Hochgerechnet auf die Bevölkerung der ganze Schweiz sind vier Prozent 336 000 Menschen. Zum Vergleich: Tatsächlich ist die Schweizer Bevölkerung 2016 um 90 600 Personen gewachsen. «Die Bevölkerung der Schweiz soll wachsen, wenn die Wirtschaft wächst», sagt Albert Rösti, Präsident der SVP Schweiz: «Das gegenwärtige Bevölkerungswachstum ist eindeutig zu hoch. Es muss gebremst werden.»

Für Gemeinden, die gute Steuerzahler anziehen wollen, habe Rösti aber Verständnis. Die Bevölkerungspolitik der stärksten Partei des Landes sieht auf Landesebene offenbar anders aus als in den Gemeinden.

Offener, liberaler Geist

«Die Strukturen in den Gemeinden werden durch die Zuzüger aufgeweicht» sagt die Käthy Furrer, Co-Präsidentin der SP Weinland. Sie berichtet von ihren Erfahrungen in Dachsen, wo sie Schulleiterin ist. Furrer widerspricht Schläpfer nicht. Sie ergänzt nur: «Mit den Linken kommen auch kluge Leute in die Gemeinden.» In Dachsen sind die Behördenmitglieder laut Furrer inzwischen fast alles Zuzüger.

«Mit den Linken kommen auch kluge Leute in die Gemeinden.»Käthy Furrer,
CO-Präsidentin SP Weinland

Um alle Behördenstellen zu besetzen, hätten die Dachsener eine interparteiliche Kommission gebildet, sagt Furrer: «Man ist zu Konzessionen bereit. Wenn eine fachlich kompetente Person aus der SP zur Verfügung steht, schlagen auch die anderen Parteien der Kommission diese zur Wahl vor. Das gilt auch umgekehrt.» Persönlich sei sie froh, über alle Zuzüger mit einem offenen, liberalen Geist.

Eine Baslerin im Dorf

Miraya Keller** wohnt mit ihrem deutschen Partner seit acht Jahren in Dänlikon*. «Ich hatte den Namen des Dorfs noch nie gehört. Ich musste zuerst auf einer Landkarte nachschauen, wo das liegt», sagt die Baslerin mit asiatischen Vorfahren.

«Als mein Freund eine Stelle in Wallisellen gefunden hatte, suchten wir im Umkreis von 30 Kilometern eine Wohnung. Wir wollten aufs Land, an einen Ort mit Anschluss an den öffentlichen Verkehr und ohne Fluglärm.» In Dänlikon haben sie eine Wohnung gefunden, die diese Anforderung erfüllt.

«Wenn ich offen sein darf, finde ich die Menschen in Dänlikon konservativ und spiessig.»Eine Zuzügerin

Keller macht nach eigenen Angaben in keinem Verein mit und war noch nie an einer Gemeindeversammlung. Ihrer Wohngemeinde bringt Keller gemischte Gefühle entgegen. Das Wohnumfeld stimme.

Sie sagt aber: «Wenn ich offen sein darf, finde ich die Menschen in Dänlikon konservativ und spiessig. Ich wurde anfangs schräg angeguckt und nicht gegrüsst. Sogar mein Basler Dialekt schien suspekt zu sein.» Ausser Nachbarn, die ihnen nahe stehen, wohnen alle Freunde des Paars ausserhalb Dänlikons.

Die beiden sind im Dorf Dänlikon angemeldet. Ihr Leben spielt sich aber in einer Stadt ab. Die digitale Vernetzung und die Mobilität machen es möglich. S-Bahnen und Autobahnen verbinden Wohnort, Arbeitsort und Vergnügungsstätten. Mirayas Stadt ist der Kanton Zürich.

Die Welt der Vergangenheit

«Unsere Ideen drohen unter zu gehen», sagt Therese Schläpfer. Politisch gesehen ist diese Furcht übertrieben. Doch wahrscheinlich meint sie damit etwas, was auch Furrer von der SP Weinland anspricht: «Früher waren die Bewohner der Dörfer unter sich. Jetzt kommt frisches Blut. Mit dem bäuerlich-gewerblichen Inseldasein auf dem Land ist es vorbei.»

*erfundener Ortsname **Name von der Redaktion geändert

(Christian Felix)

Erstellt: 06.12.2017, 14:31 Uhr

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Zum Beispiel Ossingen

Ein grüner Kachelofen, eine über die Jahrzehnte verzogene Deckentäfelung — die Ausstattung des Gemeindesaals lockt ein altes Wort hervor: Heimat. «Die Jungen sollen wieder ins Dorf zurückkehren», sagt Martin Günthardt, Gemeindepräsident von Ossingen.

Draussen ist der Morgen kalt und still. Eine Katze duckt sich im ersten Sonnenschein. «In vielen Einfamilienhäusern im Dorf wohnen nur noch ältere Menschen. Für sie wollen wir Mietwohnungen bauen. Dann können die Nachkommen in die Häuser ziehen», sagt Günthardt. Doch dies klappte bisher nur in Einzelfällen.

Sie ist romantisch,
diese Heimat im Weinland. Ossingen ist ein Bilderbuchdorf — Fachwerkhäuser, ein geschütztes Ortsbild, ein Badesee in der Nähe. Und doch kehrt selten jemand zurück, der hier einmal wegzog. Dafür kommen jetzt die Pendler. Zwischen 2007 und 2015 ist Ossingen von 1 314 auf 1 422 Einwohner gewachsen. Angepeilt sind 1 800 Bewohner. «Wir haben eine erstklassige Infrastruktur gebaut. Jetzt wollen wir sie auch nutzen», sagt Günthardt. Wozu diese Infrastruktur? «Sie wurde unter dem Vorgänger gebaut», so Günthardts Antwort.

Der wahre Grund kommt erst nach einigem Zaudern auf den Tisch. Im Jahr 2010 hatte die Gemeinde Ossingen laut Günthardt 5 000 Franken Schulden pro Kopf. Heute seien daraus 1 400 Vermögen geworden. Die Zuzüger zahlen Steuern. Darum sinkt jetzt auch der Steuerfuss: Von 129 Prozent 2016 auf 111 Prozent 2018. Das Bevölkerungswachstum ist ein Geschäftsmodell.

Günthardt ist SVP-Politiker. Die politische Haltung der Pendler betrachtet er dennoch nüchtern: «Die jungen Zuzüger wollen sich vor allen Dingen nicht mehr binden. Sie sind in der Tendenz parteilos.» Sie hätten ein ganz anderes Lebensbild als die «Ureinwohner», wie er sie nennt. Das stimmt sicher für Günthardt selbst. Er beteiligt sich zum Beispiel an der Regionalkonferenz Nordost. Das ist eine Plattform, die der Bevölkerung bei der Suche nach einem Endlager für Atommüll eine Mitsprache einräumt. An der Konferenz nehmen rund hundert Personen teil. «Raten Sie mal, wie hoch der Altersdurchschnitt dort liegt?» fragt der Gemeindepräsident und antwortet selbst: «mindestens sechzig.»

Im Osten des Ortkerns sind neue Wohnhäuser entstanden. In der Art der 1950er Jahre stehen sie schräg zur Neunforner Strasse, etwas grau, rein funktional, wie sonst wo in der Schweiz. Insgesamt gibt es hier siebzig neue Wohnungen. Ossingen hat 2012 drei Hektaren eingezont und der Wohnzone W3 zugeteilt. Das heisst, man darf darauf drei Vollgeschosse erstellen. «In der neuen Wohnzone müssen ein Drittel Mietwohnungen sein» sagt Günthardt.

Auf einem weiteren Baufeld entstehen Wohnungen der Winterthurer Genossenschaft GWG. In Kürze ziehen dort 150 Bewohner ein. «Ein Begrüssungsapéro für Neuzuzüger? — Wie bieten ein Programm für einen ganzen Tag» sagt Günthardt. Ob das Dorf für die neuen Bewohner je zur Heimat wird, bleibt trotzdem offen. Doch immerhin geht das Geschäftsmodell Wachstum auf in Ossingen.

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