Winterthur

Alle Vögel sind schon da

Um die Biodiversität in der Stadt Winterthur beurteilen zu können, zählt Christian Beerli Vögel. Gute Ohren sind dabei entscheidend.

Christian Beerli (32),?kennt jeden Vogel. Er zählt die Brutvögel für die Bestimmung der Biodiversität der Stadt Winterthur.

Christian Beerli (32),?kennt jeden Vogel. Er zählt die Brutvögel für die Bestimmung der Biodiversität der Stadt Winterthur. Bild: Nathalie Guinand

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Es ist frisch an diesem Samstagmorgen, die Vögel zwitschern und die letzten Nachtschwärmer sind auf dem Heimweg. Wegen ihnen ist auch Christian Beerli seit 5 Uhr auf den Beinen. Er startet beim Sportplatz Steinacker seine zweitletzte Brutvogelerhebung an diesem Tag.Wider Erwarten geht Beerli nicht über den Mattenbach zum Eschenbergwald, sondern quer über den Fussballplatz Richtung Tösstalstrasse. «Uns interessieren heute nur die Vögel in der Stadt», sagt Beerli, steckt den Feldstecher ein und macht einen Strich auf seinem Klemmbrett: eine Amsel.

Beerli kam eher zufällig zur Vogelbeobachtung. Klar habe er als Kind mit seinem Grossvater schon viel in der Natur unternommen. Aber erst im späteren Schulalter begann er Vögel zu beobachten. Mittlerweile ist er seit zehn Jahren für die Vogelwarte aktiv.

Indikator für die Biodiversität

Die von Orniplan bestimmte Route gibt genau vor, wo der 32-jährige Elektroingenieur die Vögel zu zählen hat. Orniplan betreut die Brutvogelerhebung im Rahmen des Cercle Indicateurs. «Sie haben die Strecken zuvor mit Winterthurer Vogelexperten abgesprochen», wie Carmen Günther von der Fachstelle Nachhaltige Entwicklung der Stadt Winterthur sagt. Für die Erhebung werden Routen mit unterschiedlichen Bebauungstypen kombiniert, um ein möglichst authentisches Gesamtbild zu bekommen. Das Brutvogelvorkommen ist ein verlässlicher Indikator für die ­Artenvielfalt und die Vielfalt von Lebensräumen für Tiere und Pflanzen in den Städten.

«Natürlich beherbergen andere Städte mit anderen geografischen Gegebenheiten andere Vögel, aber im Grossen und Ganzen sind sie ähnlich», sagt Beerli. Die Brutvogelerhebung ist ein Teil des Cercle Indicateurs. Der Cercle Indicateurs ist eine nationale Plattform für Städte und Kantone mit dem Ziel, den Stand und die Veränderung der nachhaltigen Entwicklung zu vergleichen.

Das Gemeinschaftsprojekt von Bund, Kanton und Städten wurde 2005 ins Leben gerufen. Die Brutvogelerhebung wurde 2012 das erste Mal durchgeführt. Damals zählten die Vogelbeobachter in Winterthur 29 verschiedene Brutvögel. Darunter auch den Alpensegler, der im Süden überwintert und bis zu seiner Rückkehr nach Winterthur nicht mehr absitzt. Die Vogelwarte Sempach konnte nachweisen, dass er während über 200 Tagen in der Luft schläft und isst.

Eindeutige Erkennung

Durch die einheitlichen Vorgaben des Projekts können die Zahlen auch unter den Städten verglichen werden. In diesem Vergleich lag Winterthur im Mittelfeld, weil grössere Gewässer mehr Vögel anlocken.

Um die Vögel zu erfassen, muss Beerli sie hören oder sehen, denn nicht alle Vögel pfeifen. «Nur die Männchen singen, die Weibchen haben höchstens Paarungsrufe», sagt er. Aber bei den Vögeln ist es wie bei den Menschen, die Männer sind da, wo die Frauen sind.

Die Seidenstrasse, die letzte Strecke an diesem Morgen, hat es Beerli speziell angetan. Es ist Winterthurs vogelreichste Strasse. Die grossen Gärten der Herrschaftshäuser und die einheimische Bepflanzung sorgen für ein optimales Umfeld. Hier bleibt Beerli wiederholt stehen, streckt den Kopf in die Höhe und lauscht genauer hin. Was der Normalbürger als Vogelgezwitscher wahrnimmt, seziert Beerli wie ein Chirurg.

«Das ‹rugúgu, gugu› der Ringeltaube kommt von links, der Buntspecht sitzt auf dem Baum rechts, dort ein Buchfink und siehst du den Hausrotschwanz vor uns?»,er kennt sie alle. Es brauche viel Training, bis man alle Vögel unterscheiden könne, sagt er.

Fazit noch nicht möglich

Die Zahlen werden Ende 2017 mit anderen Indikatoren des Cercle Indicateurs veröffentlicht. Ein erstes Fazit sei schwierig, sagt Beerli, aber die Stadt sei ein konstanter Lebensraum, der sich in vier Jahren nicht entscheidend verändert.

Die Begeisterung für die Vögel begleitet Beerli auch in die Ferien. «Die Vogelpopulation ist von Land zu Land verschieden, da bereite ich mich jeweils speziell vor», sagt er. Nein, seine Freundin komme nicht mit, Vogelbeobachtungsferien mache er mit Kollegen, das müsse sie sich nicht antun.

Erstellt: 23.05.2016, 20:05 Uhr

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