Zeitreise

Als am Obertor noch Kutschen,Trams und «Fröleins» verkehrten

Am Obertor reihte sich früher Lädeli an Lädeli, es gab mehrere Bäcker und Metzger sowie viele Beizen. Die hundertjährige Charlotte Hug nimmt uns mit in die ­1920er-Jahre – und erinnert sich an Fuhrwerke und «Fröleins».

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Wie die meisten Gassen der Altstadt war auch das Obertor lange nicht asphaltiert, höchstens teilweise gepflästert. Geteert wurden die Altstadtgassen erst Ende der Zwanziger-, Anfang der Dreissigerjahre. «Bei Schnee und Regen war das immer eine ziemliche Sauerei», erinnert sich Charlotte Hug.

Autos gab es damals erst wenige (1929 waren in Winterthur ganze 611 Automobile angemeldet), dafür waren noch zahlreiche Kutschen und Fuhrwerke unterwegs. In der Familie von Charlotte Hug war beides vorhanden: «Mein Onkel besass damals schon ein Auto – fürs Geschäft aber hatten wir ein Fuhrwerk mit einem Pferd namens Rösi, auf dem ich manchmal sogar aufsitzen ­durfte», erzählt sie.

«Fürs Geschäft hatten wir ein Fuhrwerk mit einem Pferd namens Rösi, auf dem ich manchmal sogar aufsitzen durfte.»Charlotte Hug

Beides war in einem Stall im unmittelbar angrenzenden ­Hin­ter­hof des Wilden Mannes untergebracht. «Herr Hirling, unser Magaziner, kümmerte sich darum», sagt sie – und schon fällt ihr eine Geschichte dazu ein: «Mein Grossvater, August Baer, war Bezirkstierarzt, und mein ­lediger Onkel Hans, der bei uns im Parterre wohnte, war Kantonstierarzt. Deshalb waren zu jener Zeit im Hinterhof-Stall noch mehrere Pferde unter­gebracht.»

Diese Stallungen an der Neustadtgasse 36 seien noch bis in die 1950er-Jahre bestehen geblieben.

«Es Meitli faart nid Velo!»

Damals gab es aber auch noch das Tram: Die Linie vom Bahnhof bis zum Stadtrain wurde am 28. Januar 1915 eingeweiht und führte durchs Obertor – bis zu ihrer Einstellung am 5. Oktober 1951 übrigens. Charlotte Hug ­erinnert sich noch gut: «Das Tram hielt genau vor unserem Haus, und unten bei der Kurve vom Graben ins Obertor quietschte es häufig.»

Um dieses Gekreische in Grenzen zu halten, wurden die Tramschienen beziehungsweise die Kurven regel­mässig von einem eigens dafür angestellten Tramschienenschmierer geölt.

«Abwart Seiler knöpfte uns jeweils 50 Rappen ab, wenn er uns mit dem Velo erwischte.»Charlotte Hug

Einmal sei sie mit dem Velo in die Tramschienen geraten, erzählt Hug. «Ich wollte immer gerne Velofahren, doch zu Hause hiess es nur: ‹Es Meitli faart doch nid Velo!›» Erst nachdem sie mit einem ausgeliehenen Fahrrad fast mit einem Auto kollidiert war, erhielt sie ihr eigenes.

In die Kantonsschule im Lee durfte sie damit aber nicht fahren: «Abwart Seiler knöpfte uns jeweils 50 Rappen ab, wenn er uns mit dem Velo erwischte», sagt sie. Und so sei sie halt Tag für Tag brav über den damals noch bestehenden Schwalmenacker-Bahnübergang oder – wenn sie nicht zu spät kommen wollte – über die ­Palmstrasse-Passerelle in die Schule Lee getrottet.

Zehengymnastik im Renault

«Der Verkehr am Obertor machte mir keinen Eindruck, höchstens die Haldengut-Brauerei­gespanne mit den mächtigen Pferden», sagt Hug. Ihre Eltern hätten sich ihrer Lebtag nie ein Auto angeschafft, «aber mein – damals noch zukünftiger – Mann, der hatte bereits früh eines. Es war ein grüner Renault Saloon, Typ Pariser Taxi.»

Das sei eine «viereckige, alte, gräss­liche Kiste» mit Jahrgang 1932 gewesen, die innen mit Plüsch ausgeschlagen war. Alle Freunde hätten Freude daran gehabt, dass er ein Auto hatte, und davon auch profitiert, «aber im Winter, wenn wir damit zum Skifahren fuhren, froren mir fast die Füsse ab – da half nur noch Zehen­gymnastik!»

Als es noch «Fröleins» gab

Zu den Läden, Geschäften, Gewerbebetrieben am Obertor sagt Charlotte Hug: «Ich kann gar nicht alle aufzählen, da gab es wahnsinnig viele Läden! Eigentlich müsste man sagen Lädeli, da die meisten sehr klein waren.»

«An der Fasnacht kugelten sie jeweils sturzbetrunken aus dem Weissen ­Bären!»Charlotte Hug

Unmittelbar angrenzend an ihr Elternhaus, das Obertor 1 (Ecke General-Guisan-Strasse, die ­damals noch Platanenstrasse hiess), folgte der Wilde Mann, ein Gasthaus mit sehr langer Geschichte, das gleichzeitig Pferdewechsel- und Poststation war. Auf ihn folgte in der Nummer 5 der Velomech Strässler, dessen Nachfolger Otto Häfeli hiess. In der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre entstand hier das Lebensmittelgeschäft Simon, später ein VéGé-Laden (Frau Meier und Familie Paravicini).

Diese Tradition wurde bis heute weiter­geführt, zuerst vom Rägeboge, dann vom Ultimo Bacio. Das Eckhaus zur Neustadtgasse, das Obertor 7, beherbergte das Restaurant Sternen, wo es im ersten Stock gelegentlich Tanz gab. Ihm wurde schon in den 1930er-Jahren ein Cigarrenhaus an­ge­gliedert. Später befand sich dort das Wullestübli von Fräulein Reich – das sei aber en «alti Jumpfere» gewesen, die alles besser wusste, erinnert sich Charlotte Hug amüsiert.

Beizen und Süffel

Auf der gegenüberliegenden Strassenseite des Wilden Mannes gab es übrigens zwei weitere Beizen: zuoberst das Schwert und gleich daneben das Restaurant Zum weissen Bären. Und weiter unten auf der gleichen Strassenseite, in der Nummer 32, befand sich das Restaurant Fortuna – zusammen mit den­jenigen auf der anderen Obertor-Seite macht das insgesamt sieben Wirtschaften.

«Früher hatte es viele Beizen, aber auch viele Süffel – die ganze Neustadt war voll davon», erinnert sich Charlotte Hug lebhaft. «An der Fasnacht kugelten sie jeweils sturzbetrunken aus dem Weissen ­Bären!»

(Der Landbote)

Erstellt: 29.08.2017, 18:15 Uhr

Obertor Geschichten - Folge 3/4

Das Leben und der Wandel am Obertor

Charlotte Hug (Bild) hat am 21. Juni 2017 ihren 100. Geburtstag gefeiert. Die letzten 97 Jahre lebte sie am Obertor.

Für den «Landboten» hat Alex Hoster ausführliche Gespräche mit Charlotte Hug geführt. In einer kleinen Serie blickt er gemeinsam mit ihr zurück auf ihr Leben und den Wandel der Altstadt – eine exemplarische Zeitreise in vier Folgen.

Sie lesen heute Folge 3 über Leben, Gewerbe und Wandel am Obertor.red

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