Winterthur

Sie rennt, wenn's brennt

Astrid Reinhard ist seit fünf Jahren Offizierin bei der freiwilligen Feuerwehr und hat viele Grosseinsätze der Feuerwehr miterlebt. Dabei hat sie gelernt, sich in der Männerdomäne durchzusetzen.

In voller Montur: Je nach Einsatz kommt zur Ausrüstung von Astrid Reinhard noch das 20 Kilo schwere Atemschutzgerät dazu.

In voller Montur: Je nach Einsatz kommt zur Ausrüstung von Astrid Reinhard noch das 20 Kilo schwere Atemschutzgerät dazu. Bild: Madeleine Schoder

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Ob sie schon einmal an Ihre Grenze gekommen sei? Nein, sagt Astrid Reinhard bestimmt und etwas stolz. Auch wenn die aktuelle Hitze die Arbeit noch anstrengender mache, sei sie noch nie so weit gewesen, dass sie körperlich nicht mehr konnte. Auch die Betreuung durch einen speziell geschulten Mitarbeiter, um psychisch belastende Ereignisse zu verarbeiten, hat die 33-Jährige noch nie in Anspruch genommen.

Auch wenn: An einem ihrer ersten Einsätze gab es viele unschöne Bilder zu sehen. «Daran kann ich mich noch gut erinnern. Das war ein Autobahnunfall, bei dem viele Kinder verletzt wurden. Wenn Kinder involviert sind, belastet das nochmals mehr.» Es habe ihr noch immer geholfen, schwierige Einsätze danach noch mit Kollegen zu besprechen.

Zielstrebig und im Laufschritt geht Astrid Reinhard durch die Gänge des Feuerwehrdepots. Für die Fotos steht sie wenig später in voller Montur in der Fahrzeughalle. Sie ist schmal, keine 1.65 gross, ihre zierliche Figur verschwindet beinahe in der zehn Kilo schweren Ausrüstung aus Einsatzhose und –jacke sowie Helm und Stiefel.

Feuerwehreinsatz an Heiligabend

Schon als 15-Jährige war sie bei der Jugendfeuerwehr. «Das Interesse für die Feuerwehr liegt in unserer Familie. Mein Vater war über 30 Jahre lang Kommandant bei der Feuerwehr Winterthur und heute sind mein Bruder und ich bei der freiwilligen Feuerwehr Winterthur.» In ihrer Familie sei es nichts Aussergewöhnliches, wenn am Esstisch plötzlich erst der eine, dann die anderen zwei aufspringen und davonrennen. «Das ist an Weihnachten einmal vorgekommen, als wir alle für einen grösseren Einsatz aufgeboten wurden.»

Sie wollte mehr Verantwortung übernehmen

Reinhard arbeitet als medizinische Praxisassistentin in einem Ärztezentrum. Mit ihrem Chef hat sie vereinbart, dass sie die Arbeit liegen lassen kann, wenn ihr Pager surrt und einen grösseren Einsatz meldet. Zuletzt war das vor einem halben Jahr der Fall.

Seit fünf Jahren ist Reinhard Offizierin, als einzige Frau unter zwölf Männern. Seither delegiert sie die Aufträge der Einsatzleitenden an ihre Kolleginnen und Kollegen. «Ich wollte mehr Verantwortung übernehmen.» Das männerlastige Team sei für sie nie ein Hindernis gewesen. «Ich habe gelernt, mich durchzusetzen.» Sich durchzusetzen, das liegt ihr, das spürt man auch abseits eines Feuerwehreinsatzes. Reinhard redet geradeheraus und selbstbewusst, unterbrochen wird sie nicht gerne.

«Besonders bei Grosseinsätzen wie beim Brand am Neumarkt ist es unglaublich wichtig, dass man sich im Team aufeinander verlassen kann.»Astrid Reinhard

Bei der freiwilligen Feuerwehr schätzt sie den Ausgleich zu ihrem Job. «Ich werde hier mit ganz anderen Aufgaben konfrontiert.» Reinhard war vor Ort, als es 2012 am Neumarkt brannte. «Dieser Einsatz war körperlich sehr hart. Da die Häuser alle alt und direkt aneinander gebaut sind, hat sich das Feuer schnell ausgebreitet.» Auch den Grossbrand der ehemaligen Ziegelei in Dättnau 2015 hat Reinhard miterlebt. «Besonders bei Grosseinsätzen wie diesen ist es unglaublich wichtig, dass man sich im Team aufeinander verlassen kann.» Am wenigsten möge sie Strassenrettungen. «Ich bin nicht die Stärkste», sagt Reinhard und lacht ein wenig beschämt. «Wenn wir Personen aus den Autos bergen und dabei manchmal die Autodächer abnehmen müssen, ist das schon sehr anstrengend.»

Mit ihrem Ehemann Markus Reinhard, Gemeinderatsmitglied der SVP und ebenfalls Offizier der freiwilligen Feuerwehr, wohnt Reinhard in Winterthur, Kinder haben die beiden keine. In der freiwilligen Feuerwehr gebe es fast keine Mütter mit kleinen Kindern. «Die Vereinbarung von Familie und Feuerwehr ist mit kleinen Kindern sicher schwieriger. Die Einsätze lassen sich nicht planen und während eines Einsatzes kann man sich auch schlecht ausklinken, um stillen zu gehen.»

Reinhard betont, dass Feuerwehrfrauen ihren Job genauso gut machen wie Männer. «Wir brauchen im Ernstfall schnell gute Lösungen und fähige Leute, das ist es, was zählt.» Die freiwillige Feuerwehr sei kein reines Männerteam, und in der Offiziersrunde sei es noch nie Thema gewesen, dass sie die einzige Frau sei. «Meine Kollegen reissen natürlich ab und an Witze, aber immer mit dem nötigen Respekt. Ausserdem kann ich auch einmal einen Spruch kontern», sagt Reinhard. Wichtig sei es, sich zu behaupten und den Job gut zu machen. «Und ich habe ja auch ein bisschen Selbstvertrauen.»

Erstellt: 02.08.2019, 15:16 Uhr

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