Geschichte

Als Winterthur sich reformierte

Über die Reformation in Zürich wird viel geschrieben und geforscht. Doch was geschah vor 500 Jahren eigentlich in Winterthur? Der Historiker Peter Niederhäuser hat einige erstaunliche Geschichten gesammelt.

Ein Stück Winterthurer Reformationsgeschichte: Der tragische Sturz des Mönchs Sebastian Hegner im Jahre 1561, dargestellt in der Chronik von Johann Jakob Wick.

Ein Stück Winterthurer Reformationsgeschichte: Der tragische Sturz des Mönchs Sebastian Hegner im Jahre 1561, dargestellt in der Chronik von Johann Jakob Wick. Bild: Aus dem Buch «Reformation in Winterthur»/Zentralbibliothek Zürich

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Die Winterthurer Reformationsgeschichte liegt weitgehend im Schatten. Während über Zürich und seinen Reformator Huldrych Zwingli umfangreich geforscht und geschrieben wird, ist über die Vorgänge in Winterthur in dieser Epoche des Umbruchs nur wenig bekannt. Dieses Wenige sammelt derzeit Peter Niederhäuser, Historiker und Präsident des Heimatschutzes. Im Rahmen des Reformationsjubiläums hat er im Auftrag der reformierten Kirche ein lesenswertes Büchlein zum Thema herausgegeben. Mit erstaunlichen Details und Anekdoten. Drei Beispiele:

1 Wie Zwingli beinahe Winterthurer wurde

Der Rat von Winterthur suchte im Herbst 1517 einen neuen Pfarrer – und schrieb deshalb an Huldrych Zwingli, damals noch Priester in Einsiedeln. Ob der Rat sich tatsächlich Zwingli als Stadtpfarrer wünschte oder sich bloss einen Hinweis auf einen anderen möglichen Kandidaten erhoffte, ist unklar. Jedenfalls wurde im Brief eine attraktive Stelle und auch eine «hübsche Hauswohnung» angepriesen.

Phantasievolles Historienbild zur angeblichen Berufung Zwinglis nach Winterthur. Aus dem Buch «Reformation in Winterthur»/Zentralbibliothek Zürich

Wie wäre die Reformation wohl verlaufen, wenn Zwingli damals nach Winterthur gekommen wäre? Bekanntlich zog der Pfarrer ein Jahr später nach Zürich und die Geschichte nahm dort ihren Lauf. «Der Brief aus Winterthur ist historisch bemerkenswert, weil er zeigt, wie der Wandel der Kirche schon vor der Reformation begonnen hat», erklärt Historiker Niederhäuser. So suchte nicht der Bischof einen neuen Priester, sondern der Rat der Stadt. Bereits ab 1500 sind in Winterthur sogenannte «Prädikanten» belegt, Priester, die keine herkömmliche Messe lasen, wie Niederhäuser erklärt, sondern auf Deutsch fürs breite Volk predigten, ganz im Sinne der späteren Reformation.

2 Wie viele Liter Wein beim Bauernsturm von Töss getrunken wurden

4000 unzufriedene Bauern versammelten sich am 5. Juni 1525 in Töss. Gemäss den Aufzeichnungen des Chronisten Laurenz Bosshart stürmte die aufgebrachte Menge mit «wildem Geschrei» das Kloster Töss – und hatte es dabei vor allem auf den Weinkeller abgesehen. Dem Zürcher Bürgermeister gelang es nur mit Mühe und der Mithilfe von Winterthurer Ratsherren, die Protestierenden zu beruhigen. Erst am nächsten Tag zerstreute sich die Demonstration. Die Schadensbilanz des Bauernsturms für das Kloster Töss: Zwei Ochsen, 30 Schafe, 30 Saum Wein (rund 4500 Liter) und unzählige Brotlaibe waren weg.

Der Bauernsturm in Töss, dargestellt in der Reformationschronik von Heinrich Bullinger. Aus dem Buch «Reformation in Winterthur»/Zentralbibliothek Zürich

«Die Bauernaufstände jener Zeit brachten den Zürcher Stadtstaat an den Rand des Abgrunds», sagt Peter Niederhäuser. Die Obrigkeit griff mit Härte durch: Einer der Rädelsführer, Heini Süsstrunk aus Hünikon, wurde 1526 zum Tode verurteilt. «Ob sich die Lebensverhältnisse für die Landbevölkerung durch die Reformation tatsächlich verbessert haben, ist weitgehend unerforscht.» Viele Abgaben, die das Volk zuvor an die Kirche zu leisten hatte, wurden weiterhin eingezogen, nun einfach vom Staat. Niederhäuser sagt: «Die Reformation wird im Zuge des 500-Jahr-Jubiläums bejubelt, teils sicher zu Recht. Aber es ist nicht so, dass sie allen Bürgerinnen und Bürgern Freiheit und Demokratie brachte.»

3 Wo der letzte Mönch aus Winterthur sein unrühmliches Ende fand

Eine weitere kuriose Anekdote rund um die Winterthurer Reformation, ist jene Sebastian Hegners, des «letzten Mönchs aus Winterthur». Er war in Winterthur aufgewachsen und wurde kurz nach 1500 von seinen Eltern ins Kloster Rüti gebracht. Als das Kloster 1525 aufgehoben wurde, flüchtete der Abt mit einem Teil der Klosterschätze. Hegner und seine Mönchskollegen harrten im Kloster aus. Sie leisteten Zürich einen Eid, Messen waren ab sofort verboten, die Mönche erhielten jedoch eine Rente und behielten ihr Wohnrecht.

«Die meisten Mönche wurden nicht vertrieben», erklärt Niederhäuser. «Die Reformation war keine Revolution. Die Obrigkeit suchte nach pragmatischen Lösungen.» 1557 flüchtete Hegner dann doch ins katholische Rapperswil und zelebrierte wieder Gottesdienste. Von dort aus forderte er von Zürich die Rückgabe des Klosters Rüti an den Mönchsorden. Nach langen Verhandlungen verzichtete er zwar auf alle Ansprüche, erhielt von Zürich aber eine grosszügige Entschädigung.

Der letzte Gang des letzten Mönchs aus Winterthur. Aus dem Buch «Reformation in Winterthur»/Zentralbibliothek Zürich

Nach diesen Streitereien wurde die Nachricht vom Tod Hegners in Zürich wohl mit einer gewissen Genugtuung aufgenommen. Der tragische Unfall wurde in der Nachrichtensammlung von Johann Jakob Wick sogar bebildert: Der letzte Mönch aus Winterthur starb am 10. November 1561, als er beim nächtlichen Gang auf den Abort unglücklich stürzte.

Mehr Informationen: - Ökumenischer Diskussionsabend «Ein anderer Blick auf das Reformationsjubiläum». Referent: Peter Niederhäuser. Montag, 10. September, 19.30 Uhr, Pfarreiheim St. Peter und Paul, Laboratoriumstrasse 5. - Das 40 Seiten starke Büchlein «Reformation in Winterthur – Im Schatten von Zürich und Konstanz», herausgegeben vom Stadtverband der Reformierten Kirche, lag letzte Woche der Zeitung «reformiert» bei. Es kann in der Buchhandlung Obergass gekauft werden.

Erstellt: 06.09.2018, 11:02 Uhr

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