Winterthur

Am Bahnhof wird es eng und enger

Die Zahl der Fahrgäste Bahnhof Winterthur steigt Jahr für Jahr. Der Bahnhof Winterthur ist zu schmal für diesen Andrang. Neue und alte bauliche Hindernisse schränken Ideen zur Lösung ein.

Der Bahnhof Winterthur ist von Gebäuden eingeengt und lässt sich nur schwierig erweitern. In der Mitte im Vordergrund das Grundstück von Stellwerk II.

Der Bahnhof Winterthur ist von Gebäuden eingeengt und lässt sich nur schwierig erweitern. In der Mitte im Vordergrund das Grundstück von Stellwerk II. Bild: Marc Dahinden

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Die Situation im Bahnhof Winterthur erinnere ihn von Ferne an «Zustände wie in Tokio», sagte Stadtbaumeister Jens Andersen an einer Podiumsdiskussion im November 2018. Das war natürlich zugespitzt. Heute sagt Andersen: «Wohl sind die ‹Zustände in Tokio› etwas weit hergeholt, jedoch erkennt man klar, dass gewisse Perrons zu Stosszeiten an ihre ‹personenhydraulische› Grenze gelangen.»

Anders gesagt: Man tritt sich auf die Füsse. Das ist gegenwärtig bei der S12 von und nach Zürich der Fall. Sie fährt auf Gleis 7. Die Treppe in die Unterführung und der Bahnsteig vermögen zu Spitzenzeiten die Menschenmenge kaum zu fassen.

Der Bahnhof Winterthur wird ausgebaut. Unter den Gleisen entsteht die neue Unterführung im Nord. Doch im Vergleich dazu, was auf den Hauptbahnhof zukommt, ist das nur ein bescheidener Anfang. Im letzter Dezember erfolgte der für längere Zeit letzte Ausbauschritt des Zürich S-Bahnnetzes.

Nach Auskunft der SBB soll nun die Passagierzahl in Winterthur von 108000 im Jahr 2016 auf rund 150000 Personen im Jahr 2035 steigen. «Wir rechnen damit, dass dieser Anstieg mehr oder weniger linear erfolgt», sagt Raffael Hirt, Sprecher der Bundesbahnen. Dort, wo jetzt schon ein Gedränge herrscht, könnte man sich also bereits im Verlauf der 2020er Jahre wie eine Sardine in der Dose fühlen. Dies selbst wenn die neue Unterführung die Treppen und Abgänge für die ersten Jahre noch entlastet.

Die grosse Schleuse wird geöffnet

Der Big-Bang kommt aber erst 2035. Was dann geschieht, lässt sich mit einem Trichter erklären. Sechs Bahnlinien fahren von Norden in den Winterthurer Bahnhof ein. Sie laufen zum Teil durch das Nadelöhr Kemptthal wieder aus dem Trichter raus.

Wenn 2035 der Brüttener Tunnel eröffnet wird, wird aus dem Trichter ein Rohr. Damit öffnen sich die Schleusen. Die Kapazität für den Bahnverkehr um Winterthur wird sich sprunghaft erhöhen. Die Anzahl der Fahrgäste wird nochmals deutlich steigen. Der neue Tunnel verbindet nicht nur Winterthur mit Zürich, sondern die ganze Nordostschweiz mit dem Rest des Lands.

Einen Trumpf, um den Zugverkehr zu bewältigen hält die SBB in der Hand: Wenn das Nadelöhr Kemptthal beseitige ist, werden mehr Züge durch den Bahnhof durchfahren und weniger Züge in Winterthur wenden. Weil wenden Zeit kostet, steigt die Kapazität. «Der Bahnhof Winterthur könnte im besten Fall weiter mit sieben durchgehenden Gleisen funktionieren», sagt der Bahnexperte Philipp Morf.

Parkhaus im Weg

Doch genau wie auch Andersen sieht Morf das Problem in der Perronbreite. Früher oder später muss der Bahnhof Winterthur breiter werden. Daher hat die SBB in der Mitte der Rudolfstrasse eine Interessenlinie festgelegt. Vereinfacht gesagt, kann sich der Bahnhof bis zu dieser Linie hin verbreitern.

Stadtbaumeister Andersen sagt allerdings dazu: «Es ist offensichtlich, dass diese seitliche Erweiterung des Bahnhofs einen würdigen Stadtraum und eine zweiseitige Ausrichtung des Bahnhofs verunmöglichen würde.» Der letzte Satzteil bedeutet, dass der Raum für die Zugänge zum Bahnhof von der Neuwiesenseite her knapp wird.

Um dieses Dilemma zu lösen prüfe die Stadt Winterthur mit der SBB in einer gemeinsamen Planung städtebauliche Varianten. Dies «auch im Wissen darum, dass der Bahnhof in 20 bis 30 Jahren noch um mindestens ein zusätzliches Geleise erweitert wird», sagt Andersen. Was immer bei dieser Planung herauskommt: In der Rudolfstrasse hat kaum ein weiteres Gleis Platz.

Es wird allein schon schwierig, die Perrons breiter zu machen. Die Säulen des Parkhauses über den Gleisen stehen nämlich auf den Bahnsteigen. Um diese zu verschieben, müsste das Parkdeck weg. Mit diesem Bauwerk hat man 1987 Tatsachen geschaffen, die nun einer Lösung für den Bahnverkehr im Weg stehen.

Umstrittener Neubau

Unter Umständen ist SBB-Immobilien gerade dabei, dem Bahnhof jetzt noch ein zusätzliches Hindernis in den Weg zu stellen. Dies befürchtet zumindest der Architekt Elias Leimbacher. Geplant ist ein langes Bauwerk, das an das Gebäude mit der Raiffeisen-Bank im Erdgeschoss im Norden des Bahnhofplatzes anschliesst.

Unter dem Projektnamen «Stellwerk II» läuft derzeit ein Architekturwettbewerb, der laut SBB-Mediensprecher Hirt im August entschieden wird. «Es ist doch ein Widerspruch, wenn einerseits der Bahnhof zu eng ist, und wenn man anderseits,im vollen Wissen darum, neue Hindernisse schafft», sagt Leimbacher.

Wenn das neue Gebäude keine für den Bahnbetrieb notwendigen Nutzungen enthält, fehle ihm die eigentlich Berechtigung. Leimbacher vermisst die Weitsicht und eine gemeinsame Entwicklungsstrategie bei der Planung. Inzwischen wird das «Stellwerk II» bereits auf einer eigenen Homepage vermarktet.

Erstellt: 27.02.2019, 16:16 Uhr

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