Winterthur

Am weissen Ende der Zeit

Beat Schweizers Fotoausstellung «Anzeichen der Verlässlichkeit» entführt den Betrachter in den rohen russischen Alltag im Norden Sibiriens. Ein Blick hinter die Bilder.

Beat Schweizer: Dikson, Russland, Mai 2013. Ein Mann grilliert Schaschlik-Spiesse. Er erwartet Gäste zu seinem Geburtstagsfest und kam auf die Strasse, um die Fleischspiesse zuzubereiten. Foto: Beat Schweizer

Beat Schweizer: Dikson, Russland, Mai 2013. Ein Mann grilliert Schaschlik-Spiesse. Er erwartet Gäste zu seinem Geburtstagsfest und kam auf die Strasse, um die Fleischspiesse zuzubereiten. Foto: Beat Schweizer

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er ist ein Hüne und entspricht so gar nicht dem Klischee des typischen Berners. Beat Schweizer spricht schnell und ohne Denkpausen. Es geht um sein Projekt. «Anzeichen der Verlässlichkeit», hat er es getauft, und dafür den «nördlichsten Norden Sibiriens» bereist. 52 Fotos hat er für seine aktuelle Ausstellung in Coalmine ausgewählt. Sie zeigen die «Anomalie des Alltags» an drei Orten am nördlichen Ende der Welt.

Der Fotograf interessiert sich schon lange für die Länder «östlich von Wien», wie er sie nennt. 2007 war er für eine Reportage im Kosovo. Seither hat er fast alle Länder im Osten Europas bereist und auch eine Zeit lang in Russland gewohnt.

«Ich möchte den Menschen auf meinen Bildern etwas zurückgeben.»

Heute lebt Schweizer wieder in Bern, seit vier Jahren zusammen mit seiner russischen Frau. Ihn ziehe es immer wieder in den Norden Russlands. «Als wäre da ein Magnet», sagt er. Seine Frau, die aus Moskau stammt, teile diese Vorliebe nicht wirklich.

Seine Reportage-Reisen unternimmt Schweizer mit dem Schriftsteller Urs Mannhart. In Russland hatten sie ausserdem eine Übersetzerin dabei. Seine Russischkenntnisse reichten für einfache Konversationen, sagt Schweizer. Das Buch zur laufenden Ausstellung erscheint kurz vor Weihnachten.

Es ist dreisprachig verfasst, in Russisch, Deutsch und Englisch. Schweizer sagt über das Buch: «Das tönt vielleicht abgedroschen, aber ich möchte den Menschen auf meinen Bildern etwas zurückgeben.»

In der Nickel-Stadt

Mit dem Titel «Anzeichen der Verlässlichkeit» zitiert Schweizer den grössten Arbeitgeber von Norilsk: den Rohstoffkonzern Nornickel. Dieser bewirbt sich selbst auf Plakaten als «Symbol der Verlässlichkeit». Die Stadt Norilsk befindet sich auf 69 nördlicher Breite. Ihre 175 000 Einwohner leben direkt oder indirekt vom Abbau der Nickelerze. Das Material ist gefragt, es wird für Legierungen und für die Herstellung von rostfreiem, hochbelastbarem Stahl gebraucht.

Aber da ist auch die Kehrseite. Die Förderung von Nickel beschädigt die Umwelt und belastet die Gesundheit der Bevölkerung.

Die Vergangenheit der Stadt ist düster, Norilsk wurde 1935 als Gulag, als sozialistisches Arbeitslager gegründet. «Das muss schrecklich gewesen sein», sagt Schweizer. Gefangene seien mit ihren Haaren am Kopfkissen festgefroren. Heute darf man die Stadt nur mit einer Bewilligung betreten.

Die russischen Behörden nehmen es mit diesen Papieren sehr genau. Als Schweizer 2013 das erste Mal nach Dikson reiste, eine ebenfalls gesperrte Stadt noch etwas weiter nördlich, hatte er dafür zwar eine Bewilligung, nicht aber für Norilsk, worüber sein Reiseweg führte. «Ich durfte dann drei Jahre nicht mehr einreisen.»

82 Tage am Stück bleibt es im Winter dunkel in Dikson, Polarnacht. Während der Sowjetzeit war es die nördlichste Stadt weltweit, dann verlor sie an Bedeutung. Dass es den Ort überhaupt noch gibt, ist nur dem Umstand zu verdanken, dass Russland seine Grenze absichern will.

Der Staat zahlt hohe Löhne

Die Menschen arbeiten als Grenzschützer oder Mechaniker, betreiben einen Dorfladen oder übermitteln Wetterdaten nach Moskau. Hier wird nichts produziert, werden keine Rohstoffe abgebaut. Der Staat zahlt den Einwohnern hohe Löhne. Wer länger als fünf Jahre bleibt, erhält bis zu zweieinhalbmal so viel wie ein Beamter in Moskau.

Als Ausländer falle man in Dikson natürlich auf, sagt Schweizer. «Wen wir auch angetroffen haben. Es hiess immer: Wir wissen schon, wer ihr seid.» Das Besondere steckt in der Tiefe von Schweizers Bildern, hinter der Alltäglichkeit. Da ist zum Beispiel das Portrait der jungen Christina, die ein Kind erwartet und sich Sorgen macht, weil das nächste Spital 700 Kilometer entfernt liegt.

Warten auf bessere Zeiten

Triberka, der dritte Ort, den Schweizers Ausstellung zeigt, liegt südwestlich von Dikson. Seit dem Niedergang der Küstenfischerei ist das Dorf entvölkert. Nachdem der russische Konzern Gazprom vor ein paar Jahren angekündigt hatte, das sogenannte Stockman-Feld in der Barentsee zu erschliessen, eines der grössten Gasvorkommen überhaupt, schöpften die Bewohner neue Hoffnung.

Unterdessen stagniert das Projekt aber, weil sich die Förderung in der Arktis wegen des Schiefergasbooms in den USA nicht mehr rechnet. Schweizer und Mannhart besuchten das Dorf 2012. Sie seien damals die ersten Ausländer seit Jahren gewesen. Unterdessen ist das Dorf etwas bekannter, auch dank dem russischen Film «Leviathan», der dort gedreht wurde.

Schweizer blieb an jedem der drei Orte zwischen drei und sechs Wochen. «Wir verbringen viel Zeit mit diesen Menschen», sagt er. Es brauche diese Zeit, um einen Draht, um Vertrauen aufzubauen. «Es ist für mich eine Frage der Verantwortung diesen Leuten gegenüber», sagt er. «Schliesslich sind sie später in meiner Ausstellung und im Buch. Sie sollten wissen, warum und wofür ich sie fotografiere.»

Geduld und Glück

Seine Fotos seien höchst selten Schnappschüsse, sagt Schweizer. Gestellt seien sie aber nie. «Auch wenn immer wieder Leute zu mir sagen: Der ist doch bestimmt nicht einfach zufällig da gesessen.» Schweizers Methode ist Geduld und oft auch ein kleines Bisschen Glück. «Man kommt in eine Situation, spricht mit den Leuten und spürt, dass sich etwas aufbaut, man probiert etwas, ist noch nicht zufrieden, irgendwann hat man dann das Bild, das man möchte.»

So wie in dem Bild, das eine Strasse in Dikson zeigt. Das Wetter ist garstig, zwischen zwei Containern hat ein Mann ein Feuer gemacht. Als er da hinzugekommen sei, sei nicht viel gelaufen, erzählt Schweizer.

Irgendwann habe er erfahren, dass der Mann beim Feuer Geburtstag habe und sich zur Feier einen Schaschlik zubereiten wollte. Später kam ein Freund hinzu. «Nach etwa zwei Stunden hatte ich das Bild. Es sind diese Momente beim Fotografieren, die ich mag, sie sind wie ein Filmstill.»

Anzeichen der Verlässlichkeit: Coalmine, Turnerstrasse 1. Bis 21.12. Buchvernissage: 20.12., ab 18 Uhr.

Erstellt: 16.11.2018, 12:50 Uhr

Der Fotograf Beat Schweizer lässt sich viel Zeit. Foto: PD

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!