Prozess

Anklageschrift belastet die Ex-Stiftungsräte schwer

Ein verwirrt wirkender Bruno Stefanini und zwei Stiftungsräte, die unbeirrt nach der Macht greifen: Dieses Bild zeichnet die Anklage im Prozess gegen Umit Stamm und Markus Brunner.

Im Haus an der Metzggasse 20 fand im Januar 2014 die folgenreiche Sitzung statt, mit einem kaum verständlichen Bruno Stefanini.

Im Haus an der Metzggasse 20 fand im Januar 2014 die folgenreiche Sitzung statt, mit einem kaum verständlichen Bruno Stefanini. Bild: Marc Dahinden

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Heute ist mir persönlich soweit alles klar… das darf gar nie… gar nie… darf das… eine Stiftung geben… für diesen riesen Ballon… Stefanini Immobilien, sagen wir jetzt einmal, generell einfach… und das passiert… auf… zufälligen Ideen, wo man damals hatte… von den Kindern, welche da gewesen sind… ich habe gesagt, gut das ist… das ist im Prinzip die Basis, nicht? Damals verständlich (unverständliches Wort) die Firma Stefanini… früher ein bisschen gewesen nicht.»

Es sind diffuse Bruchstücke wie dieses, mit dem die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift den Immobilienkönig und Kunstsammler Bruno Stefanini zitiert. Angeklagt sind die zwei früheren Stiftungsräte der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG) Umit Stamm und Markus Brunner. Beide müssen sich am Montag vor dem Bezirksgericht wegen Urkundenfälschung verantworten.

Reputation in Gefahr

Das Strafmass ist dabei eher nebensächlich. Für beide Beschuldigten fordert die Staatsanwaltschaft bedingte Geldstrafen, von 67200 Franken im Falle von Brunner, von 52200 Franken im Falle von Stamm. Hinzu kämen bei einem Schuldspruch eine Busse und Verfahrenskosten.

Aber es geht in dem Prozess um etwas anderes: die Reputation zweier einst einflussreicher Männer. Die langjährigen Weggefährten von Bruno Stefanini hatten mit dessen Kindern in einem Rechtsstreit bis vor Bundesgericht um die Kontrolle über die Stiftung gestritten. Stets betonten sie, nur den Willen des Stifters umzusetzen.

Nach der Niederlage vor Bundesgericht im Sommer vor einem Jahr, sehen sie sich nun einem Strafprozess gegenüber. In der Sache geht es um eine Sitzung des Stiftungsrates, die am 9. Januar 2014 in einem Zimmer an der Metzgasse 20 stattfand, respektive um deren Wiedergabe im Sitzungsprotokoll. In der Sitzung wollten Brunner und Stamm gemäss Anklage eine Änderung der Stiftungsurkunde erwirken. Konkret sollte das Recht, den Stiftungsrat zu bestellen, auf diesen selbst übergehen, wenn Bruno Stefanini nicht mehr in der Lage wäre, seine Pflichten wahrzunehmen. Laut Stiftungsurkunde stand dieses Recht Stefaninis Nachkommen zu.

Trifft zu, was die Staatsanwalt schildert, sind Brunner und Stamm zielstrebig und skrupellos vorgegangen. Die Sitzung hatten sie kurzfristig anberaumt, Stiftungsrätin Isabelle Messerli erst am Nachmittag informiert. Als diese mitteilte, sie sei verhindert, und einen Ersatztermin vorschlug, hat man sie laut Anklage im Glauben gelassen, die Sitzung sei verschoben. In der Sitzung verlangten Brunner und Stamm ihre Abwahl. Stefaninis Hinweis, man müsste wohl eine kurze Sitzung mit ihr machen, wiesen sie zurück. In der Folge stimmte auch er der Abwahl zu.

«Markus Brunner hat das Protokoll der Sitzung bewusst falsch abgefasst.»Staatsanwaltschaft

Im Sitzungsprotokoll wird die Abwesenheit Messerlis, die der Änderung der Stiftungsurkunde potenziell im Weg stand, laut Anklage so dargestellt, als hätte Messerli sich entschuldigt, die Abwesenheit also bewusst in Kauf genommen. Es ist laut der Staatsanwaltschaft eine von mehreren wahrheitswidrigen Darstellungen, die den Tatbestand der Urkundenfälschung begründen. Markus Brunner habe das Protokoll der Sitzung «bewusst falsch abgefasst». Insbesondere habe nicht Bruno Stefanini durch die Sitzung geführt, sondern Brunner und Stamm hätten das Wort geführt, und zwar in einer Weise, in der sie den «deutlich eingeschränkten Bruno Stefanini jeweils dorthin lenkten, wo sie ihn letztlich haben wollten». Von einem ausgeglichen intellektuellen Verhältnis habe keine Rede sein können. «Dass Bruno Stefanini keine vollständigen Sätze bildete und ihm der Konflikt um die Machtverhältnisse innerhalb der Stiftung (...) erneut erläutert werden musste, vermerkte Markus Brunner im Protokoll nicht.»

«Auch das noch»

Den Verlauf der Sitzung dokumentiert laut verlässlicher Quelle eine Tonaufnahme. Anders sind die detaillierten Beschreibungen auch nicht zu erklären. Die in der Anklageschrift zitierten Passagen zeigen einen Stifter, der sich fast nur in schwer deutbarer Satzfragmenten äussert. «Das würde ich nur so beiläufig noch sagen… äh nicht dass ein wichtiges Dokument sondern einfach, weil sie ist ja die einzige, welche jetzt darunter leidet…», sagte Stefanini etwa, ohne dass sich den Anwesenden erschloss, ob er von seiner Tochter oder von Messerli sprach.

Die Anklageschrift liest sich bisweilen wie die Wiedergabe eines absurden Theaters, in dem die Figuren aneinander vorbei reden. Dazu trägt auch Stiftungsrat Ernst Keller bei, der wiederholt auf eine mögliche Steuerproblematik aufmerksam macht, den Verlauf der Sitzung aber nicht hinterfragt. Als Stefanini nach einer Weile aufs Klo muss und seine Assistentin gerufen wird, flüstert Stamm «Scheisse». Und Brunner: «Auch das noch».

Erstellt: 21.10.2019, 18:23 Uhr

Artikel zum Thema

Im Streit um die Stefanini-Stiftung kommt es zum Strafprozess

Winterthur Am Montag stehen zwei frühere Stiftungsratsräte von Stefaninis Stiftung wegen Urkundenfälschung vor Bezirksgericht. Eine Tonaufnahme könnte den beiden zum Verhängnis werden. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben