Winterthur

«Ansteckend wie eine Grippe»

Die Häufung von Krankheitsfällen und Kündigungen im Kader der Stadtpolizei wirft Fragen auf. Für den Winterthurer Coach Erich L. Weber ist die reine Arbeitsbelastung nur einer der Faktoren, die zu solchen Krisen führen können.

Erich L. Weber ist Experte für Burn-out-Prophylaxe.

Erich L. Weber ist Experte für Burn-out-Prophylaxe. Bild: pd

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Ferndiagnosen sind heikel. Doch im Fall der Stadtpolizei, wo sich Krankheitsfälle und Kündigungen häuften, ist das öffentliche Interesse gross. Für die Lokalpolitiker scheint klar: Schuld sind die knappen Ressourcen und die Arbeitsbelastung. Erich L. Weber (Bild) hat seit 1987 Dutzende Unternehmen und Hunderte Einzelpersonen gecoacht und ist unter anderem Experte für Burn-out-Prophylaxe. Seine Erkenntnis: Kaderleute müssen wie Spitzensportler funktionieren – und entsprechend betreut und geschult werden.

Herr Weber, kann Spardruck krank machen?
Erich L. Weber: In meiner Arbeit betrachte ich sieben Faktoren, wenn es um die Gesundheit geht. Zwei möchte ich herausgreifen: stabiles Selbstwertgefühl und ­gesunde Arbeitsbedingungen. Grundsätzlich stellt sich bei der Polizei die Sinnfrage weniger als in anderen Branchen, denn die Beamten erfüllen zweifellos eine wichtige Aufgabe. Wenn jedoch laufend Sparübungen durchgeführt werden oder Kritik an der Arbeit geäussert wird, schlägt das aufs Selbstbewusstsein. Man fragt sich: Was ist mein Job wert? Bei den Arbeitsbedingungen ist mittlerweile mit dem neuen Polizeigebäude Besserung in Sicht, aber erst nach langem ­Ringen.

Sie haben also ein gewisses ­Verständnis für die Situation?
Was mich erstaunt, ist, dass es so weit kommen konnte. Bei der Polizei handelt es sich um die städtischen Angestellten, die mit am besten psychologisch geschult sind.

Was hätten sie denn tun sollen? Oder anders gefragt: Was empfehlen Sie Ihren Kunden, die von einem Burn-out betroffen sind?
Mental- und Entspannungstraining. Sie müssen lernen, sich ­abzugrenzen. Jeder Sportler braucht heute ein Mentaltraining, um Spitzenleistungen zu erbringen. Aber im Kader, wo ebenfalls Höchstleistungen erwartet werden, kommt man einfach morgens zur Arbeit und fängt an. Dabei spielt man im Winterthurer Führungskader lohnmässig in der Nationalliga A.

Sie wollen sagen, die effektiven Verhältnisse im Betrieb sind gar nicht so entscheidend?
Von zehn Burn-out-Betroffenen, die ich coache und schule, ist die reine Arbeitsbelastung nur bei ein bis zweien das Hauptproblem. Entscheidender sind Dinge, die das Individuum selbst steuern kann. Etwa das Verhältnis zum Körper. Die meisten Kaderpersonen vernachlässigen ihren Körper, essen das Falsche oder bewegen bzw. entspannen sich zu wenig. Auch die richtigen Gedanken sind entscheidend. Selbstkompetenz, Widerstandsfähigkeit und mentale Stärke kann man trainieren.

Trotzdem, das Arbeitsklima spielt doch bestimmt eine Rolle.
Ja, da kommt die Massenpsychologie ins Spiel. Ist jemand angeschlagen und denkt negativ, ist das ansteckend wie eine Grippe. Wird ständig über Stress geredet, sehen wir plötzlich auch überall Stress.

Mit Verlaub, manche Arbeitspensen sind einfach zu gross.
Wir sind viel leistungsfähiger, als wir glauben. Im Vergleich zu den meisten anderen Ländern sind die Arbeitsbedingungen in der Schweiz sehr human.

Mehr Ressourcen allein lösen das Problem also nicht?
Es hilft. Aber man kann die Arbeitsbedingungen verbessern, wie man will, am Ende zählt die individuelle Belastbarkeit. Sie muss trainiert werden. Leider passiert dies oft erst, wenn es zu spät ist.

Ist es im hierarchischen Polizeibetrieb, wo niemand Schwäche zeigen möchte, schwieriger, sich Hilfe zu suchen?
Nein, das glaube ich nicht. Auch in der Wirtschaft dürfen Sie keine Schwäche zeigen, sonst sind Sie weg. Es gibt eher mehr Möglichkeiten, da es sich um relativ sichere Arbeitsstellen handelt.

(Der Landbote)

Erstellt: 28.01.2017, 09:22 Uhr

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