Winterthur

«Apostel Paulus hatte einen massiven Flash!»

Der Winterthurer Theologieprofessor Ralph Kunz erklärt, warum es sich lohnt, sich vom Hier und Jetzt abzustossen, rüber ins Jenseits. Mani Matter passierte dies beim Coiffeur.

Theologieprofessor Ralph Kunz zur «Nacht der Spiritualität».

Theologieprofessor Ralph Kunz zur «Nacht der Spiritualität». Bild: Stefan Walter

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Herr Kunz, wie darf ich mir das Jenseits vorstellen, ohne die Engelchen, die auf Wölklein sitzen, oder Dämonen, die mit dem Dreizack fuchteln?
Verabschieden Sie sich ruhig von diesem Bild. Um Himmel und Hölle geht es bei der Nacht der Spiritualität nicht. Zunächst grundsätzlich: Das Jenseits kann man sich ohne das Diesseits, das Hier und Jetzt, nicht vorstellen. Denn um in ein Jenseits zu gelangen, muss man sich vom Diesseits abstossen.

Abstossen? Man flieht gedanklich und ist kurz weg?
Ja, ein bisschen wie in einem Traum. Dort schreiten wir über – oder transzendieren – in eine andere Welt, räumlich und zeitlich und in verschiedenen Dimensionen. Die Wissenschaft unterscheidet zwischen kleiner, mittlerer und grosser Transzendenz. Bei der kleinen Transzendenz erinnern wir uns an das, was gestern war, oder merken, was morgen kommt, bei der mittleren sind Zeiten und Räume grösser und bei der grossen Transzendenz stösst man sich vielleicht bis zu Gott ab oder ans Ende der Welt.

Und das funktioniert übers Träumen am besten?
Nicht unbedingt. Man kann sich auch lesend, fantasierend, meditierend oder betend in andere Räume und Zeiten bewegen. Viele Leute behaupten auch, dass sie «vom Jenseits überrascht» wurden, durch ein Déjà-vu oder Zufälle, die «so gar nicht sein können». Irritierend sein können auch sogenannte Wachträume, die man so intensiv und realistisch erlebt, dass man Traum und Realität teils tagelang nicht mehr auseinanderhalten kann.

Weniger intensiv, aber auch bleibend: das metaphysische Gruseln.
Genau, Mani Matter hat es in seinem Lied «Bim Coiffeur» schön beschrieben. Er sass im Coiffeurstuhl, vor ihm ein Spiegel und hinter ihm einer, sodass sich die Spiegel gegenseitig spiegelten, sodass er sich im scheinbar endlos langen Korridor seines Spiegelbildes verschwinden sah: «Vor Chlupf han i mys Muul ufgsperrt, da sy im Korridor grad hundert Müler mit ufgange win e Männerchor! E Männerchor us mir alei, es cheibe gspässigs Gfüel. Es metaphysischs Grusle het mi packt im Coiffeurgstüel.» Manchmal reicht ein Spiegel, um eine kleine Out-of-Body-Erfahrung in uns auszulösen. Aber ich kann mir vorstellen, dass es gruseligere Dinge gibt. Wenn Menschen behaupten, sie hören Stimmen.

Von verstorbenen Angehörigen zum Beispiel? Glauben Sie denn an Geister?
Verstorbene Angehörige sind keine Geister. Sie ruhen in Frieden. Man sollte aufpassen, dass man nicht Kraut und Rüben vermischt. Meinen Glauben reserviere ich für Gott.

Wir stossen uns gerne vom Diesseits ab, auch mit Drogen. Streift man bei einem LSD-Trip das Jenseits auch?
Sie sprechen verschiedene Zustände an: Trance, Rausch und Halluzination. Ich würde nicht ausschliessen, dass man auch bei einem Trip eine Begegnung mit der anderen Welt machen kann, die das Leben verändert. Aber Sie müssen keine Magic Mushrooms essen, um die Engel zu hören. Manchmal reicht schon eine Bach-Arie.

Die Kirchen organisieren eine «Nacht der Spiritualität». Sollen die Besucher dort dazu ermuntert werden, mit dem Heiligen Geist in Kontakt zu treten?
Ja, das sollte jede Veranstaltung der Kirche. Es geht aber auch darum, unser Denken für Grenzgänge zu öffnen. Das ist auch für Freidenker oder Angehörige anderer Religionen interessant. Es geht um die Frage, was uns eine Begegnung mit dem Heiligen Geist an neuen Einsichten schenkt. Wenn wir aufhören, alles für «jenseits!» zu erklären, was wir nicht erklären können, macht das erfüllte Leben im Diesseits mehr Sinn.

Welche jenseitigen Begegnungen gab es in der christlichen Tradition?
Ein bekanntes Beispiel ist das Damaskuserlebnis des Saulus von Tarsus. Jesus erschien ihm, als Saulus noch Christenverfolger war, und sprach zu ihm als Lichtgestalt. Danach war Paulus, wie er fortan hiess, tagelang blind. Auf Neudeutsch: Er hatte einen massiven Flash! Oder nehmen Sie das Beispiel unseres Nationalheiligen Niklaus von Flüe. Der Seelenarzt C. G. Jung hat sich spätermit dessen Visionen und Spiri­tualität eingehend befasst. Jung war sehr beeindruckt vom Gesicht des Mystikers. Er meinte, es widerspiegle sich in dessen Zügen die Spuren einer unglaublich kraftvollen Vision. Niklaus habe in die Tiefen der Seele Gottes geschaut. Wenn das nicht aufregend ist!

Ralph Kunz ist Theologieprofessor an der Universität Zürich und forscht zum Schwerpunkt Praktische Theologie. Nacht der Spiritualität mit Vorträgen und Workshops, Samstag, 16.30–24 Uhr, Eulachpark.

Erstellt: 26.10.2018, 14:14 Uhr

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