Lagerplatz

Architekten-Tetris mit alten Bauteilen

Beim nächsten Bauprojekt auf dem Lagerplatz wählen die Architekten einen radikalen Ansatz: Für die Aufstockung eines Kopfbaus verwenden sie ausschliesslich Bauteile von Gebäuden, die gerade abgerissen wurden.

Der heute zweistöckige Anbau der Halle 118 soll um drei Etagen aufgestockt werden – mit Bauabfällen.

Der heute zweistöckige Anbau der Halle 118 soll um drei Etagen aufgestockt werden – mit Bauabfällen. Bild: Enzo Lopardo

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Bei diesem Bauprojekt müssen die Architekten von hinten nach vorne denken, vom Ende an den Anfang. Was Abbruchgebäude in der Region an Material hergeben, bestimmt, wie das Gebäude aussehen wird, innen wie aussen. «Zirkuläres Bauen» nennt das stadtzürcher Baubüro in situ diesen Ansatz. Einen griffigeren Begriff dafür gibt es noch nicht.

Gebaut wird dabei, wenn möglich, ausschliesslich aus Bauabfällen, so auch beim neusten Projekt auf dem Lagerplatz. Dort der zweistöckige Anbau der Halle 118 (siehe Bild) um drei Etagen aufgestockt werden.

Die leicht gestaffelt-überhängende Südfassade leuchtet backstein-rotorange: Es könnte die Blechfassade der ehemaligen Ziegler Druckerei in der Grüze sein, wo der «Landbote» einst gedruckt wurde.

Sie wird entkernt, ein Teil wird abgerissen und zu einem kleinen Einkaufs-Center umgebaut. Die Ostfassade prägt eine 29-jährige Treppe, die bis vor Kurzem noch an einem Bürogebäude in Zürich-West emporging.

Deren Granitplatten der Fassaden werden nun zu Bodenplatten und einige Fenster werden mit denjenigen der Ziegler-Druckerei und alten Hallen-Fenster des Werk1 eine (uneinheitliche) Reihe bilden. Die Aussenwände werden mit Strohballen gedämmt und innen mit Lehm verputzt.

«Radikalstes Projekt»

Rund 80 Prozent der verbauten Substanz sollen aus alten Bauteilen bestehen. «Es ist unser bisher radikalstes Projekt», sagt Architekt Pascal Hentschel von in situ. Weil die Bauteile ganz verwendet und nicht neu aufbereitet werden, ist der zirkuläre Ansatz im Übrigen auch radikaler als das sogenannte Down-Cycling, bei dem beispielsweise alte Klinker energieaufwendig zermalmt und zu Schotter werden.

Neuer Job-Typus kreiert

Die rückwärtsorientierte die Bauweise vom Material zum Gebäude hat auch einen neuen Job-Typus kreiert: den Bauteil-Spotter.

«Noch ist die anfängliche Skepsis gross,»

Er ist mit Abbruchunternehmen und Branchenkennern in Kontakt oder fährt mit offenen Augen durch die Stadt, um vielversprechende Abbruchobjekte frühzeitig zu erkennen und den Besitzer anzuschreiben.

Den Kontakt zur Besitzerin der ehemaligen Druckerei vermittelte der Verein Wiederverwerkle, am Zürcher Bürogebäude, derzeit ein fassadenloser ockergelber Klotz, führte Hentschels Arbeitsweg vorbei. «Noch ist die anfängliche Skepsis bei den Besitzern gross, wenn man nach den alten Bauteilen fragt», sagt der Architekt.

Von den schätzungsweise 7,5 Millionen Tonnen Bauabfall, die in der Schweiz jährlich anfallen, werden nur etwa 0,1 Prozent direkt wiederverwertet, der Rest wird entsorgt oder rezykliert. Bei in situ geht man davon aus, dass sich zehnmal mehr wiederverwerten liesse.

Atelier für den Lagerplatz

Für jedes der drei neuen Obergeschossen sind jeweils mehrere bis rund 60 Quadratmeter grosse Ateliers für Startups und Kleingewerbler geplant. Dafür gibt es auf dem Lagerplatz gemäss der Arealbesitzerin Stiftung Abendrot eine grosse Nachfrage.

Alle sonstigen Flächen sind vermietet. Im Gebäude 190 – im langen Riegel entlang der Strasse Zur Kesselschmiede – werden im Zuge der Sanierung des Daches im Estrich ebenfalls Ateliers eingerichtet, jedoch 15 kleinere. Sie sollten, falls die Baubewilligung ohne Verzug erteilt wird, schon nächsten Herbst bezugsbereit sein. Bei der Aufstockung dauert es mit Frühling 2020 noch etwas länger.

Ohnehin fehlen beim Patchwork-Bau noch ein paar Element, nachdem die Bauteil-Spotter derzeit Ausschau halten: unter anderem, nach einem rollstuhlgängigen Lift.

(Der Landbote)

Erstellt: 16.08.2018, 15:58 Uhr

Forschung

Das Projekt zur Aufstockung des Anbaus der Halle 118 aus alten Bauteilen wurde wissenschaftlich begleitet. Beim ZHAW-Institutes für konstruktives Entwerfen untersuchten die Studierenden, ob es für das «zirkuläre Bauen» bei der Konstruktion und Architektur eigene Strategien braucht.

«Das Potenzial, mit dem Ansatz räumlich und atmosphärisch unkonventionelle Architektur zu machen, ist gross, tatsächlich gerade, weil die Auswahl an Bauteilen beschränkt ist», meint der Dozent Marc Loeliger.

Master-Studenten der ETHZ untersuchen die umweltrelevanten Aspekte (Abfall, Ressourcen, Lebensdauer etc.). Die wichtigsten Erkenntnisse der Master-Arbeiten und des Master-Studios sollen in ein Buch zum Thema einfliessen.

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