Nachruf

Sie hat Architektur zur öffentlichen Sache gemacht

Zum Tod von Architektur- und Kunsthistorikerin Irma Noseda (1946–2019).

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Sie war Feuer und befeuerte alle in ihrer Umgebung. So wird die Architektur- und Kunsthistorikerin Irma Noseda (1946–2019) in Erinnerung bleiben. Sie verkörperte Engagement, Leidenschaft, Arbeitskraft, Verstand und eine scharfe Urteilsfähigkeit. Und diese Eigenschaften brauchte sie in den frühen Neunzigerjahren in Winterthur.

Im Nachgang zu den legendären SIA-Werkstattgesprächen in der Sagi (heute Fotomuseum) über die Entwicklung des Industrieareals Sulzer Stadtmitte war klar geworden, dass eine von der Stadt und Firmen unabhängige Architekturinstitution ihre Stimme einbringen musste. Zu tief sass der Schock über die Horrorvision «Winti Nova». Aus diesen Erfahrungen heraus wuchs das nun bald ein Vierteljahrhundert alte Forum Architektur Winterthur (FAW). «Wir mussten rasch eine professionelle Geschäftsleiterin engagieren», sagte Gründungsmitglied Heinrich Irion. Die damals 50-jährige Irma Noseda, die sich längst einen Namen als Forscherin, Publizistin und Redaktorin geschaffen hatte, war die perfekte Besetzung auf dem Stuhl der ersten Geschäftsleiterin des FAW.

Noseda war auch ein Glücksfall in dieser Pionierphase, in der Begeisterung allein nicht reicht, um sich in der Öffentlichkeit und gegenüber der Stadt Anerkennung und Autorität zu verschaffen. Noseda verfügte über Charisma, dirigierte und koordinierte eine Gruppe ähnlich Gesinnter, darunter schon damals namhafte Architekten wie Heinrich Irion, Josi Kisdaroczi sowie der erste FAW-Präsident Stephan Piotrowski. Alle waren sie beflügelt von der Mission, Architektur und Städtebau zur öffentlichen Sache zu machen und Einspruch zu erheben, wenn etwas in der Stadtentwicklung schiefzulaufen drohte – mit Ausstellungen, Debatten und Publikationen. «In den nächtlichen Sitzungen, die bis in den Morgen dauerten, wurde auch heftig diskutiert und gestritten», schildert Irion die Gründerzeit des FAW. «Ohne Irma hätten wir das solide Fundament nicht legen können, das heute noch das FAW trägt», ist er überzeugt.

Die auch an nationalen Diskursen über die Schweizer Architektur beteiligte Noseda war sich nicht zu schade, im jungen Forum Architektur auch als Mädchen für alles zu wirken. «Selbst ihre eigene Entlöhnung musste sie bei Sponsoren eintreiben», weiss Irion. Bis 2005 bewohnte sie in der Stadthausstrasse eine Wohnung mit prächtiger Rokokodecke. Nosedas elegant behuteter Auftritt war voller Grandezza und stets von einem Hauch von Extravaganz begleitet. Nicht nur diese Erscheinung fehlt im Stadtbild – auch der rote Sportwagen ihres Lebenspartners Bruno Jenny. Und viele vermissen ihre deutliche Stimme, die ein Ausdruck des leidenschaftlichen Engagements für gute Architektur war. Am 18. Januar ist Irma Noseda in Savognin an einem Hirntumor gestorben und am 1. Februar in der dortigen Kirche Son Martegn von dieser Welt verabschiedet worden.

Erstellt: 08.02.2019, 13:49 Uhr

Die Architektur- und Kunsthistorikerin Irma Noseda ist kürzlich verstorben. (Bild: pd)

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