Winterthur

«Auf dieses Mitleid kann ich gerne verzichten»

Ein ­freikirchlicher Sexualberater ­will einsamen Schwulen ­helfen – und sie «verändern». ­Damit löst er viel Leid aus, sagt der Geschäftsleiter von Pink Cross, Bastian Baumann.

Ein Vortrag auf Einladung der EDU hat eine Kontroverse zum Thema Homosexualität ausgelöst.

Ein Vortrag auf Einladung der EDU hat eine Kontroverse zum Thema Homosexualität ausgelöst. Bild: Shotshop/Keystone

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Rolf Rietmann ist Freikirchler, Theologe und Sexualberater. Diese Woche referierte er auf Einladung der EDU in Winterthur zum Thema Homosexualität («Landbote» von gestern). Der Inhalt des Vortrags war kontrovers. So seien Schwule oft einsam oder aber gewalttätig, sagte Rietmann. Sie werden in seinen Worten zu «Betroffenen» – als ginge es um eine Krankheit oder einen Schicksalsschlag. Bastian Baumann, Geschäfts­leiter von Pink Cross, überrascht das wenig.


Herr Baumann, was halten Sie von solchen ­Aussagen?
Bastian Baumann: Die ganze Sichtweise von Herrn Rietmann und vielen Freikirchen gründet auf dem Verständnis, dass nur heterosexuelle Paare gottgegeben sind. Andere Lebensformen stellen eine Abweichung dar und müssen «geheilt» werden. Das sind Aussagen und Weltbilder, die ich überhaupt nicht teile. Die Wissenschaft im Übrigen auch nicht.

Jeder seriöse Wissenschaftler stützt heutzutage die Annahme, dass Homosexualität höchstwahrscheinlich angeboren ist. Nur weiss man bisher noch nicht, wie und warum es dazu kommt. Bastian Baumann, Pink Cross

Es gibt auch christliche lesbisch-schwule Gruppen. Gehen Religion und Homosexualität denn ohne Widersprüche nebeneinanderher?
Ich denke, das können Sie hundert Menschen fragen und Sie bekommen hundert verschiedene Antworten. Religion ist Interpretationssache. Leider wird sie auch häufig missbraucht, um andere zu beeinflussen oder zu unterdrücken. In Gottes Namen wird allerlei behauptet, ohne dass sich dieser dazu äussern könnte. Ich bin der Überzeugung: Wenn einer eine Linie zieht, um andere auszugrenzen, dann würde sich Jesus auf die Seite jener stellen, die ausgegrenzt werden.

Bei Rolf Rietmann hat man nicht den Eindruck, dass er offen homophob ist. Eher mitleidig.
Auf dieses Mitleid kann ich verzichten, ich bin weder krank noch unglücklich. Andere Meinungen kann ich akzeptieren, aber im Mitleid schwingt ja mit, dass Homosexualität etwas ist, das behandelt gehört. Mit solchen Aussagen löst Rietmann unsägliches Leid aus bei jenen Menschen, die er anspricht. Diese Menschen haben Schwierigkeiten, weil sie nicht der Norm entsprechen. Sie bräuchten Unterstützung auf ihrem Weg. Stattdessen wird ihnen vermittelt, sie müssten sich verändern. Diese «Heilungs­geschichten» sind deshalb etwas vom Grausamsten, was die Freikirchen in der Schweiz hervorbringen, und sie basieren auf der falschen Annahme, dass man sich die Sexualität aussuchen könne.

Er sagt schliesslich, dass es kein ­Schwulen-Gen gebe.
Das zu behaupten, ist schlichtweg eine Anmassung. Jeder seriöse Wissenschaftler stützt heutzutage die Annahme, dass Homosexualität höchstwahrscheinlich angeboren ist. Nur weiss man bisher noch nicht, wie und warum es dazu kommt.

Rietmann rät Freikirchen, Schwule einzuladen, weil sie oft einsam seien. Würden Sie einer solchen Einladung folgen?
Ich als Atheist: nein. Rolf Rietmann will Schwulen helfen, die sich einsam oder unverstanden fühlen. Dabei vergisst Rietmann, dass es ihnen genau wegen dieser Freikirchen, die andere ausgrenzen, erst so schlecht geht. Um beim Terminus zu bleiben: Diese Freikirchen bieten ein Medikament an, dabei sind sie selber die Krankheit.

(Landbote)

Erstellt: 27.05.2016, 11:36 Uhr

Bastian Baumann, Pink Cross (Bild: pd)

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