Kulturförderung

Auf Stiftungen ist nicht mehr Verlass

Gewichtige Kulturförderinstitutionen verabschieden sich vom lokalen Engagement. Dennoch gelingt es Winterthurer Kulturhäusern, sich zu behaupten.

Roter Teppich für die lokale Kultur, das war einmal. Gewichtige Förderstiftungen haben ihren Schwerpunkt auf nationale und internationale Engagements verlagert.

Roter Teppich für die lokale Kultur, das war einmal. Gewichtige Förderstiftungen haben ihren Schwerpunkt auf nationale und internationale Engagements verlagert. Bild: Foyer Volkart Stiftung: Matthias Jurt

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Vor 18 Jahren verabschiedete sich die Volkart Stiftung aus Winterthur. Nicht physisch, ihren Sitz hat sie nach wie vor im Herzen der Stadt und bietet dort Kulturschaffenden in der Coalmine Bar und in der Fotogalerie eine Plattform. Doch den Fokus legte sie 2001 auf soziale Projekte von nationaler und internationaler Bedeutung. Der Grossteil des Stiftungsvolumens kommt nicht mehr lokalen Projekten zugute. Drei Millionen Franken übergab sie damals der Kulturstiftung Winterthur, welche die lokalen kulturellen Engagements unterstützen sollte. Doch die Kulturstiftung wurde 2016 aus dem Handelsregister gelöscht. In den 30 Jahren ihres Bestehens hat sie immerhin 6 Millionen Franken an die zeitgenössische Kultur vergeben.

Auch die Robert und Ruth Heuberger Stiftung hat sich aus vielen lokalen Engagements verabschiedet. Die Zäsur fand mit dem Generationenwechsel von den Eltern auf Sohn Günter Heuberger statt. Von der verfügbaren Stiftungsvergabesumme in der Höhe von jährlich immerhin noch 500'000 Franken fliesst heute der Grossteil, nämlich 300'000 Franken an den internationalen Thinktank «Club of Rome», der seit über zehn Jahren – dank den Heubergers – seinen Sitz in Winterthur hat. Der Rest geht an Jugend- und Kindertheaterprojekte. Laut Günter Heuberger unterstützt die Familie «vieles auch aus der privaten Schatulle».

Mäzene bleiben weg

Längst bekannt ist, dass Mäzene wie die Heubergers und früher die Reinharts, Sträulis oder Hahnlosers immer seltener werden. Reiche Geldgeberinnen und Geldgeber wohnen mehrheitlich am Zürichsee oder stammen aus dem Basler-Teig, der Bezug zu Winterthur fehlt und damit die Bereitschaft, das hiesige Kulturschaffen grosszügig zu unterstützen.

«Der Grossteil der Leistung wird nicht durch Geld-, sondern durch Sachsponsoring erbracht.»Laura Bösiger, 
Co-Geschäftsleiterin Musikfestwochen

Geld für das Kulturschaffen aufzutreiben war noch nie ein Kinderspiel. Die geschilderte Ausgangslage in Winterthur macht die Geldsuche jedoch noch ein Stück anspruchsvoller. Nichtsdestotrotz finden Kulturveranstalter Geldquellen. Das hat sich etwa im Rahmen der temporären städtischen Sparmassnahme «Balance 14+» gezeigt, die bisher grosszügig unterstützte Häuser wie Technorama und Musikkollegium dazu zwang, den Gürtel enger zu schnallen, oder eben kreativ zu werden in der Geldsuche. Und siehe da: Beide Häuser konnten die Ausfälle mit neuen Geldgebern überbrücken oder gar zusätzliches Geld gewinnen.

So hat das Technorama in zwei amerikanischen Unternehmen neue Partner gefunden. Ausserdem fungiert die lokal verankerte Firma Kistler unter den grosszügigen Sponsoren. Das Engagement für das Musikkollegium fällt durch eine Vielzahl von Legaten durch verstorbene Mäzene auf. Zu den grossen Geldgebern zählen auch mehrere Finanzinstitute. Früher haben hier die Winterthur Versicherungen unter Führung von einheimischen Patrons - namentlich Peter Spälti - gewirkt. Heute ist das Unternehmen Teil des französischen AXA-Konzerns - die Identifikation mit dem Schweizer Standort hat kaum mehr Bedeutung.

Mehr Sachleistungen

Auch die am Sonntag zu Ende gegangenen 44. Winterthurer Musikfestwochen mussten in den vergangenen Jahren kreativ werden, da vermeintlich sichere Geldquellen versiegten, und Grosssponsoren in einer Flut von Konkurrenzveranstaltungen immer schwerer zu gewinnen sind. Was früher – auch bei den Musikfestwochen – grosse national operierende Firmen abdeckten, leisten heute die lokalen KMU, die sich mit dem Festival vor der Haustüre identifizieren.

So waren heuer nebst den grossen Geldgebern Stadt Winterthur und Kanton Zürich die Bierbrauwerkstatt Doppelleu, die Franz-Garage, der Internet-Provider Init7 oder die Maag-Recycling zu finden. «Der Grossteil ihrer Leistung wird nicht durch Geld-, sondern durch Sachsponsoring erbracht», sagt die abtretende Co-Geschäftsleiterin Laura Bösiger. «Der Geldkuchen wird nicht grösser, aber die Kosten, um ein Festival zu finanzieren, werden laufend höher, so sind kostenlose Infrastruktur, Transporte oder auch vergünstigte Getränkelieferungen durch unsere Partner von höchster Bedeutung». Geld fliesse auch seitens lokaler und nationaler Stiftungen, diese legten sich allerdings nicht wie früher auf mehrere Jahre fest. Dies mache die Planung schwieriger.

Der Kuchen wird nicht grösser, die Kosten aber steigen, die Anforderungen ebenfalls. Und die Bittsteller werden mehr. Das kürzlich verselbstständigte Theater Winterthur hat neu die Möglichkeit, die Privatwirtschaft und private Stiftungen um Geld zu ersuchen, und könnte damit die Geldflüsse in der Kulturlandschaft Winterthur merklich verändern. Gleichzeitig befindet sich die von Bettina Stefanini geleitete Stiftung Kunst, Kultur und Geschichte im Umbruch. Nicht auszuschliessen, dass sie sich auch lokal engagieren wird.

Erstellt: 20.08.2019, 16:37 Uhr

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117 Stiftungen sind in Winterthur aktiv

Laut dem aktuellen Stiftungsreport von Swissfoundations, dem Verband der Schweizer Förderstiftungen mit Sitz in Zürich, weist die Bilanzsumme der Schweizer Förderstiftungen fast 100 Milliarden Franken aus. Mit 2240 Stiftungen hat der Kanton Zürich die grösste Stiftungsdichte, konkret sind die meisten in der Stadt Zürich angesiedelt. Dies ist auf die starke Rolle Zürichs als internationaler Finanzplatz zurückzuführen, wie der Report erläutert. Das Stiftungskapital im Kanton Zürich liegt bei total 5,61 Milliarden Franken.

Gerade mal 117 Stiftungen haben ihren Sitz in Winterthur. Laut Swissfoundations engagieren sich 40 von ihnen im sozialen Bereich, 39 für Kultur und Freizeit, 26 setzen den Fokus auf Bildung und Forschung, 13 haben sich der Umwelt und 12 der Gesundheit verschrieben. Wie viel Kapital zur Erfüllung des Stiftungszwecks in Winterthur zur Verfügung steht, lässt sich nicht eruieren, viele Stiftungen sind verschwiegen und machen ihr Vermögen nicht öffentlich.

Fakt ist, dass die Volumina der Stiftungen sehr unterschiedlich sind, so verfügt gut ein Viertel der Stiftungen im Kanton Zürich über 90 Prozent des Gesamtvermögens. Kleine Stiftungen machen die Hälfte der Förderinstitutionen aus und teilen sich gerade mal 2,2 Prozent des Gesamtvermögens. Laut Swissfoundations hat sich das Gesamtvermögen der Schweizer Förderstiftungen seit der letzten Bestandesaufnahme im Jahr 2012 um 30 Prozent erhöht. Dies sei eine gute Nachricht für die Zivilgesellschaft und für gemeinnützige und öffentliche Institutionen, denn damit dürfte auch für sie mehr Geld zur Verfügung stehen. Ob die Stiftungen ihr Geld gemäss ihrem Stiftungszweck einsetzen, überprüfen je nach Reichweite der Stiftungen der Bund, die Kantone, die Bezirksräte oder die Gemeinden.

Der Schweizer Stiftungsreport wird jährlich von Swissfoundations, dem Zentrum für Stiftungsrecht (Uni Zürich) und dem Center for Philanthropy Studies (Uni Basel) herausgegeben. (kal)

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