Naturschutz

Baufirma darf keine Kunst aufstellen, weil seltene Orchideen blühen

Die Stadt bewilligte auf einer Wiese der Implenia an der Zürcherstrasse ein Kunstobjekt. Weil auf der Wiese aber geschützte Orchideen wachsen, beschwerte sich ein Anwohner. Nun muss die Stadt zurückstutzen.

Die blassgelben Orchideen sind sehr selten. Sie brauchen Jahre, bis sie blühen wie hier Mitte Mai.

Die blassgelben Orchideen sind sehr selten. Sie brauchen Jahre, bis sie blühen wie hier Mitte Mai. Bild: PD

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Ihre Blüten sind blassgelb, sie kommt in der Natur nur in kleinen Gruppen vor und ist in keinem Blumenladen der Schweiz erhältlich: Die seltene Orchideenart «Weisses Waldvögelein» wächst mitten in der Stadt, auf einer Wiese an der Zürcherstrasse auf Höhe der Markthalle 41. Auf dieser Wiese wollte die Grundeigentümerin Implenia eine Kunstinstallation aufstellen, eine Lokomotive, die nachts leuchtet. Die Stadt erteilte Anfang Mai die Baubewilligung, kurz darauf wurde ausgesteckt.

Ob die Lokomotive gebaut werden darf, ist jetzt aber unklar: Denn alle Orchideen und somit auch jene auf besagter Wiese sind per Gesetz geschützt. Wer die Pflanzen pflückt, ausgräbt oder vernichtet, macht sich strafbar. Die Bussen können je nach Schwere des Delikts mehrere Zehntausend Franken betragen.

Ein Anwohner, der sich als Hobbybotaniker bezeichnet und in einem Verein für Naturschutz engagiert ist, hat sich deshalb bei der Stadt beschwert. «Beim Weissen Waldvögelein handelt es sich um eine botanische Rarität», sagt er. Bis solche Orchideen auf einer Wiese wachsen, dauere es Jahrzehnte. «Die kleinen Pflänzchen brauchen selbst schon neun Jahre, bis sie zum ersten Mal blühen.» Als er bemerkte, dass auf der Wiese gebaut werden soll, sei er sofort zum Bauamt gegangen, um dort auf das Problem aufmerksam zu machen.

Stadt wusste von nichts

In einem Mail forderte der Orchideenfreund die Stadt dazu auf, das Bauvorhaben zu stoppen. Die Stadt selbst wurde sich überhaupt erst durch diesen Hinweis des Problems bewusst, wie Lukas Mischler vom Departement Bau auf Anfrage sagt. Die Angelegenheit ist nun bei der kantonalen Fachstelle für Naturschutz in Abklärung.

Dass das Weisse Waldvögelein äusserst wertvoll ist, bestätigt auch Roland Amsler, der in seinem Orchideen-Shop in Sirnach über 6000 Orchideenarten züchtet. «Die Orchideen an der Zürcherstrasse sind ein schönes Grüppchen, sie sind auf jeden Fall schützenswert.» In Winterthur selbst gebe es nicht viele Standorte, an dem die Blume wachse, sagt Amsler.

«Aufwand für Zucht enorm»

Er selbst kenne nur noch Exemplare am Südhang der Villa Georg Reinhart. Zudem kommen die Waldvögelein nur in kleinen Gruppen vor. «Viele verschwinden wieder, wenn die Bedingungen nicht mehr stimmen. Wegen des Klimawandels und der zunehmend trockenen Sommer sind sie zusätzlich bedroht.»

Die blassgelbe Orchidee braucht laut Amsler einen mageren, kalkigen Grund, damit sie wachsen kann. Amsler vermutet, dass in der Nähe kalkhaltiges Lägernkies ausgeschüttet wurde und sich darin Samen befunden haben. Kaufen kann man die Blume nicht. «Der Aufwand, sie zu vermehren, ist enorm.» Die Samen müssten im Labor unter sterilen Bedingungen zum Keimen und die jungen Pflänzchen anschliessend am Boden akklimatisiert werden. «Am Schluss würden Sie Hunderte von Franken für eine einzige Pflanze bezahlen, sofern die Aussaat überhaupt erfolgreich war.»

Die Stadt will die Orchideen nach Möglichkeit umpflanzen, damit die Lokomotive doch realisiert werden kann. «Beispielsweise an die ‹Chöpfi›, wo bereits solche Orchideen wachsen», sagt Mischler. Bei geschützten Pflanzen ist es aber Sache des Kantons, allfällige Ausnahmebewilligungen für eine Umpflanzung zu prüfen. Im Moment klärt die Fachstelle für Naturschutz ab, ob es einen geeigneten Standort gibt. Hinzu kommt, dass eine Fachperson sich der Orchideen annehmen müsste. Eine Versetzung wäre laut Amsler sehr aufwendig. Die Pflanzen mit Wurzeln müssten grosszügig am besten nach dem Verblühen mit der Erde ausgegraben und dann vorsichtig an einen geeigneten Standort umgepflanzt werden.

«Sensibilisierung fehlt»

Der Anwohner findet das keine gute Idee: «Ich habe die kleine Wiese über Jahre beobachtet. Es wachsen dort auch viele andere, insbesondere für Wildbienen, attraktive Pflanzen. Die Wiese ist ein wertvoller Lebensraum.» Er ist enttäuscht über das Vorgehen der Stadt: «Ich wohne seit bald zehn Jahren im Quartier und sehe, dass von Jahr zu Jahr die naturnahen Flächen zerstört werden. Die Sensibilisierung für das Thema Biodiversität ist noch nicht im Bauamt angekommen.»

Das Weisse Waldvögelein an der Zürcherstrasse ist mittlerweile verblüht, laut dem Anwohner bildet sie nun Samenkapseln aus. Dass heisst, die Orchideen blühen nächstes Jahr wieder – sofern ihr Lebensraum bis dann erhalten bleibt. (Der Landbote)

Erstellt: 11.06.2019, 21:13 Uhr

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