Zirkusbranche

«Beat Breu hatte wohl eine zu romantische Vorstellung von der Zirkuswelt»

Wenn man den Wanderzirkus als Auslaufmodell bezeichnet, dann werden sie laut: Mario (23) und Tobias (26) Muntwyler gehören zur dritten Generation der Familie, die den Circus Monti betreibt. Dieses Jahr stehen sie zusammen in der Manege.

Tobias und Mario Muntwyler spielen sich auf dem Teuchelweiher schon mal warm. Der Circus Monti gastiert bis am Sonntag in Winterthur.

Tobias und Mario Muntwyler spielen sich auf dem Teuchelweiher schon mal warm. Der Circus Monti gastiert bis am Sonntag in Winterthur. Bild: Marc Dahinden

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Nicht nur Beat Breu träumt davon, einmal mit einem Zirkus mitzuziehen. Sie beide sind im Zirkus aufgewachsen. Ist das Zirkusleben so romantisch, wie man sich das vorstellt?
Tobias Muntwyler: Sicher nicht immer gleich romantisch. Es gibt sehr schöne Momente, beispielsweise wenn wir nach einer Vorstellung alle noch zusammensitzen, bei den Wagen, ums Zirkuszelt, wenn wir zusammen noch etwas unternehmen. Aber eben: Es ist auch mit viel harter Arbeit verbunden, die dem Zuschauer verborgen bleiben soll.
Mario Muntwyler: Wir haben nicht nur die Arbeit gemeinsam, sondern wir teilen auf der Tournée das ganze Leben. Ob das gleich romantisch ist? Ich weiss nicht. Aber doch, schön ist es schon.

Der Circus Monti geht seit fünf Jahren nur noch für vier Monate auf Tournée und steuert nur noch neun Spielorte an. Ist der Wanderzirkus ein Auslaufmodell?
Beide: Nein, nein, überhaupt nicht.
Tobias: Man darf einfach nicht stehen bleiben, muss den Zirkus immer weiterentwickeln, dem Publikum das bieten, was es will…

DasPublikum will in eine Welt eintauchen, in der man für ein paar Stunden alles andere vergessen kann.Tobias Muntwyler (26), Dritte Generation der Zirkus-Familie Muntwyler

Was will das Publikum denn?
Tobias: Das Publikum will in eine Welt eintauchen, in der es für ein paar Stunden alles andere vergessen kann. Der Circus Monti macht ein besonderes Programm, ein Gesamtkunstwerk, das einem für die ganze Vorstellung gefangen nimmt. Dies ist wohl auch ein Grund dafür, dass unser Stammpublikum in den Spielorten wächst.
Mario: Die verkürzte Saison hat sich bei uns bewährt. Das Publikum hat sich auch daran gewöhnt. Man ist mobiler als früher und fährt gerne in die nächste Stadt, um einen kulturellen Anlass zu besuchen. Dasselbe erleben wir auch bei uns in Wohlen, wo wir im November und Dezember unser Variété betreiben, das sehr gut läuft.

Aber Sie wären gerne länger auf Tournée?
Mario: Ich freue mich immer auf die Saison. Das Tournée-Feeling ist schon cool. Gleichzeitig sind es immer auch die vier Monate, in denen man weg von zu Hause ist.
Tobias: Der Entscheid, die Tournée zu verkürzen, fällte damals die ganze Familie gemeinsam. Und wir haben es nicht bereut. Ich schätze es sehr, dass man nun länger zu Hause ist, beim Freundeskreis, dass man im Heimatdorf leben, auch in einem Verein mitmachen kann…

Als Kind ist es das Grösste, im Zirkus aufzuwachsen.Zirkuskind Tobias Muntwyler

Ist das etwas, das man als Zirkuskind vermisst?
Tobias: Nein, als Kind ist es das Grösste im Zirkus aufzuwachsen. Da habe ich viele schöne Erinnerungen.
Mario: Ja, da profitiert man extrem. Man ist immer mit vielen Leuten zusammen, Artisten, die verschiedene Sprachen sprechen, lernt Französisch und Englisch...
Tobias: Aber ich erinnere mich auch daran, dass ich es jeweils bedauert habe, von den Freunden wegzuziehen. Damals gab es noch kein Facebook oder WhatsApp. Ich weiss noch, wie ich an die Kollegen Briefe geschrieben habe.

Wie alt waren Sie, als Sie das erste Mal aufgetreten sind?
Mario: Ich war sechs und trat mit einem Diabolo auf, gemeinsam mit Tobias und unserem Vater.
Tobias: Ich war neun Jahre alt und zeigte mit meinem Vater eine Perche-Darbietung, also eine Akrobatik-Nummer.

Das war einfach, um den Jö-Effekt abzuholen…
Tobias: Nein, wir waren nie in der Manege, nur um als Kind dazustehen. Wir mussten immer auch etwas können und etwas zeigen.
Mario: Wir durften entscheiden, ob wir mitmachen wollten. Wenn wir aber Ja sagten, gab’s kein zurück mehr. Dann mussten wir üben und auch durchhalten.

Der Circus Knie hat eine kleine Schule für die Kinder der Angestellten dabei. Wie lief das bei Ihnen?
Mario: Ähnlich. Wir hatten keinen ganzen Schulwagen, aber einen Wohnwagen, in dem wir die ganze Primar- und Oberstufenzeit - teils auch mit Kindern von anderen Mitarbeitern - unterrichtet wurden.

Sie haben beide eine KV-Lehre ausserhalb des Familienbetriebs gemacht. Wie hat das funktioniert?
Tobias: Das waren sehr lange Tage mit vielen Stunden im Zug. Wir waren beide auch noch in der Vorstellung. Also am Abend in der Manege, am Morgen früh auf und in den Lehrbetrieb, am Abend wieder zurück in die Vorstellung…
Mario: Wir haben aber beide die Lehre in einem Betrieb in unserem Heimatdorf in Wohlen in Firmen gemacht, die mit uns zu tun haben. So konnten wir teilweise zwei Tage pro Woche hier bei uns im Betrieb arbeiten, um nicht so viel reisen zu müssen.

Nur auf der Bühne zu stehen, ist mir zu wenig.Mario Muntwyler (23)

Ihr Vater, Zirkusdirektor Johannes Muntwyler, hat eine Ausbildung als Jongleur absolviert. Wollten Sie nicht auch voll auf die Zirkuskarriere setzen?
Tobias: Das stand nie zur Debatte. Unsere Eltern wollten immer, dass wir noch ein zweites Standbein haben. Ich finde das auch sinnvoll. Man weiss ja nie, ob man ewig Zirkus machen will.
Mario: Ich war nach meiner Lehre ein Jahr in Vaiétés und Dinner Shows als Jongleur unterwegs. Doch da habe ich gemerkt, dass mit etwas fehlt. Nur auf der Bühne zu stehen, ist mir zu wenig. Ich schätze es, nebenbei im Büro zu arbeiten, für einen Teil der Administration zuständig zu sein.

In der diesjährigen Vorstellung «Jour de fête» stehen Sie zusammen in der Manege. Wer kam denn auf die Idee für diese Nummer?
Tobias: Die Idee hatten wir schon länger. Jetzt verspürte ich wieder Lust aufzutreten. Darum hab ich schon Anfang Jahr das Training intensiviert.
Mario: Dann haben wir die Nummer zu dritt entwickelt und ab Juni eingeübt, zusammen mit meinem Jonglier-Kollegen von letztem Jahr.

Wieder zur Zirkus-Branche: Vor ein paar Wochen feierte der Circus Beat Breu hier auf dem Teuchelweiher Premiere. Was denkt man in der Branche über seinen gescheiterten Versuch, ins Zirkusgeschäft einzusteigen?
Tobias: Es ist immer schwierig, sich von aussen eine Meinung zu bilden. Aber das Beispiel zeigt vielleicht: Wie viele andere Leute auch, hatte Beat Breu wohl eine zu romantische Vorstellung von der Zirkuswelt. Wie in vielen anderen Branchen wird einem da nichts geschenkt. Hinter einem erfolgreichen Zirkusbetrieb steckt viel Arbeit. Die Zuschauerinnen und Zuschauer sollen das nicht sehen, die sollen es geniessen können. Aber hinter den Kulissen ist mehr nötig, als man denkt.

Wir hätten nicht gedacht, dass es den Circus Nock ‹breicht›.Mario Muntwyler zum Konkurs des Circus Nock

Der Zirkus Nock musste diesen Frühling aufgeben, der älteste Zirkus der Schweiz, der fast 160 Jahre unterwegs war. Ein Schock in der Branche?
Mario: Ja, das war ein trauriger Moment, als wir das hörten. Wir hätten nicht gedacht, dass es den Circus Nock «breicht», das war ein schönes Unternehmen mit guten Programmen. Schade.

In anderen Branchen setzt man für die Zukunft auf die Digitalisierung. Bei Ihnen auch? Gibt es bald eine Monti-App?
Tobias: Das ist nicht geplant. Wir sind auf Facebook und Instagram aktiv, und unsere Webseite, auf der man Tickets auch direkt ausdrucken kann, wird immer wichtiger. Aber ich glaube eher, dass der Zirkus ein Gegenpol ist. Wir sind ein Live-Erlebnis, ohne Handy und Internet. Es gefällt den Leuten, wenn sie einmal raus können, wegkommen von der digitalen Welt.

Winterthur hat noch einen zentralen Zirkusplatz. Andernorts sind solche Flächen längst überbaut.Mario Muntwyler

Der Circus Nock beklagte in seinem Abschiedsbrief, dass ein Zirkus an den Spielorten nicht mehr mit offenen Armen empfangen werde wie früher, gerade von den Behörden, die immer mehr Vorschriften machen...
Tobias: Die Regelungsdichte hat sicher zugenommen. Bewilligungen, Gebühren, Werbevorschriften… Aber an unseren Gastspielorten haben wir mit den Behörden ein gutes Einvernehmen.
Mario: Umso mehr schätzen wir, dass es hier in Winterthur mit dem Teuchelweiher noch einen so zentralen Zirkusplatz gibt. An anderen Orten werden solche Flächen mehr und mehr zugebaut. Auch das macht es für die Zirkusse nicht einfacher.

Jetzt beginnt dann hier gleich der Zeltaufbau. Sie müssen auch mit anpacken?
Mario: Ja, ich platziere zusammen mit meinem Vater beim Ankommen jeweils die Wagen, damit der Zirkusplatz steht. Dann bin ich mit dem Innenausbau des Zeltes beschäftigt. Daneben arbeite ich ganz unspektakulär im Bürowagen.
Tobias: Ich überwache den gesamten Zeltaufbau, helfe beim Aufbau des Buffetzeltes mit und verbringe viel Zeit am Steuer eines Gabelstaplers.

Erstellt: 03.09.2019, 16:22 Uhr

Programm und Geschichte

Der Circus Monti gastiert mit seinem 35. Programm «Jour de fête» bis am Sonntag auf dem Teuchelweiher in Winterthur. Wie für diesen Zirkus typisch ist das Programm ein Gesamtwerk, diesmal zum Thema Jahrmarkt. Für Konzept und Regie sind dieses Jahr die beiden Clowns Andreas Manz und Bernard Stöckli verantwortlich. Der Circus Monti setzt ganz auf Artisten, bei «Jour de fête» machen 14 Künstlerinnen und Künstler aus Frankreich, Kanada, den USA und der Schweiz mit.
Gegründet hat den Zirkus Guido «Monti» Muntwyler im Jahr 1985. Direktor ist gegenwärtig sein Sohn Johannes Muntwyler (55); Tobias (26) und Mario (23) gehören – wie der dritte Bruder Nicola (17) – zur dritten Generation, die mehr und mehr ins Familienunternehmen einsteigt.
Spielzeiten und Infos unter circus-monti.ch Wer den «Monti» in Winterthur verpasst: Vom 30. Oktober bis zum 24. November spielt er in Zürich auf dem Kasernenareal. (bä)

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