Winterthur

«Bei den Impfungen soll der freie Markt spielen»

Die Ärzte müssten die Konkurrenz beim Impfen nicht fürchten, sagt Christoph Berger, selber Arzt und Präsident der Eidgenössischen Impfkommission. Die Apotheker würden nur übernehmen, was bei den Ärzten durch die Maschen fällt.

Christoph Berger, Präsident der Eidgenössischen Impfkommission.

Christoph Berger, Präsident der Eidgenössischen Impfkommission. Bild: pd

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Seit letztem Jahr kann man sich auch in vielen Apotheken gegen die Grippe impfen lassen. Übernehmen die Apotheken nun das Impfgeschäft von den Ärzten?
Christoph Berger: Aus meiner Sicht sind immer noch primär die Hausärzte für die Grippeimpfung zuständig. Das Bundesamt für Gesundheit empfiehlt die Grippeimpfung ja vor allem denjenigen Personen, bei welchen eine Grippeerkrankung schwerer und mit höherem Komplikationsrisiko verlaufen könnte. Also vor ­allem Menschen über 65 Jahren oder solchen, die bereits ein geschwächtes Immunsystem haben oder an einer chronischen Krankheit leiden. Gerade dieser Personenkreis geht sowieso schon deswegen zum Arzt. Da ist es speziell die Aufgabe der Ärzte, daran zu denken, dass die Grippeimpfung nötig ist.

Wieso braucht es dann das Angebot der Apotheker?
Es dient all denen, die gesund sind und deshalb wenig zum Doktor gehen oder gar keinen Hausarzt haben. Man kann sich ja auch impfen lassen, wenn man nicht zu einer Risikogruppe gehört. Dadurch schützt man sich selbst und erhöht auch die Durchimpfungsrate. Es zirkulieren dann ­also weniger Viren in der Schweiz.

Strebt der Bund langfristig eine so hohe Durchimpfungsrate an, dass es gar nicht mehr zu einer Grippeepidemie kommen kann?
Nein, es geht primär darum, Risikopersonen zu schützen. Ansonsten müsste man ja eine flächendeckende Kampagne fahren und alle gesunden Personen impfen lassen. So etwas ist aber nur innerhalb von Spitälern oder Heimen sinnvoll.

Wer sich in einer Apotheke ­impfen lassen will, kann dies nur in bestimmten Geschäften tun. Wieso ist es noch nicht überall möglich?
Die Apotheker brauchen eine Zusatz­ausbildung, um impfen zu dürfen. Sie müssen so ausgebildet werden, dass sie erkennen können, welche Impfungen fehlen, und wissen, was beim Impfen zu beachten ist. Wenn kein besonderes Risiko vorhanden ist und es keine zusätzlichen Abklärungen braucht, sollen die Apotheker die Impfungen vervollständigen. Ansonsten braucht es einen Arzt.

Welche Impfungen dürfen die Apotheker heute verabreichen?
Neben der Grippeimpfung kann man sich im Kanton Zürich heute auch gegen die von Zecken übertragene Krankheit FSME sowie gegen Hepatitis A und B impfen lassen.

In Solothurn und Neuenburg können Apotheker auch gegen Masern impfen. Das wäre doch auch in den übrigen Kantonen denkbar. Der Bund wollte ja die Masern in der Schweiz per Ende 2015 ausrotten. Gescheitert ist das Projekt dann an einer zu ­tiefen Durchimpfungsrate.
Bei den Masern wird ein Le­bend­impfstoff verabreicht. Die Keime sind zwar stark abgeschwächt, vermehren sich aber noch im Körper. Deshalb muss man sich sicher sein, dass beim Patienten wirklich keine Immunschwäche besteht. Es spricht aber nichts dagegen, dass in Zukunft auch Zürcher Apothekerinnen und Apotheker bei Erwachsenen die Masernimpfung verabreichen. Die nötigen Abklärungen können sie genauso gut vornehmen. Anders sieht es aber bei kleinen Kindern aus: Sie sollten immer für eine vorgängige Besprechung zum Arzt.

Sind Sie also generell offen für eine Ausdehnung der Impfbewilligung auf weitere Krankheiten?
Ja, insbesondere bei Totimpfstoffen, bei denen eine Erkrankung durch die Impfung ausgeschlossen ist. Dazu zählen zum Beispiel Diphtherie oder Tetanus.

Die Impfbewilligungen vergeben die Kantone. Derzeit ist den Apotheken das Impfen aber in rund einem Drittel der Kantone nur mit ärztlichem Rezept oder gar nicht erlaubt. Woran liegt das?
Einerseits gibt es in einigen Gebieten einfach zu wenig Apotheker, die über eine entsprechende Zusatzausbildung verfügen. Auf der anderen Seite wollen gewisse Ärzteverbände das Impfen auch nicht an die Apotheken abgeben. Da braucht es in jedem Kanton eine Diskussion zwischen Apothekerverband und Kantonsarzt. Die Idee ist noch relativ neu und braucht noch mehr Zeit bis zu einer flächendeckenden Umsetzung. Aber es gibt Kantone wie Zürich, in denen es bereits gut funktioniert.

Einige Ärzte fürchten sich also vor der neuen Konkurrenz?
Klar, aber das müssen sie gar nicht. Meiner Ansicht nach sollte das Impfen primär bei den Ärzten angesiedelt sein. Was aber bei ­ihnen durch die Maschen geht, können die Apotheker auffangen und somit eine zusätzliche Aufgabe übernehmen.

Was sagen Sie den Ärzten, die sich wehren?
Diejenigen, die sich aufregen, sollen ihre Aufgabe wahrnehmen, auf fehlende Impfungen hinweisen und diese dann auch verabreichen. Wenn sie das tun würden, bliebe für die Apotheker nicht viel Arbeit.

Vielleicht sind die Apotheken einfach kundenfreundlicher. Sie haben deutlich längere ­Öffnungszeiten und verlangen keine Anmeldungen.
Wenn die Apotheken attraktiver sind, müssen sich die Ärzte halt anpassen. Für mich spielt da der freie Markt.

Erstellt: 17.12.2016, 09:52 Uhr

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