Winterthur

Bei der Sozialhilfe bleibt Winterthur zurück

In Winterthur beziehen prozentual viele Menschen Sozialhilfe, obwohl Risikogruppen untervertreten sind. Für die hohe Sozialhilfequote in der Stadt gibt es einen anderen Grund.

Winterthur verzeichnet verhältnismässig viele Sozialfälle.

Winterthur verzeichnet verhältnismässig viele Sozialfälle. Bild: Marc Dahinden (Symbolbild)

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Auf einer Medienkonferenz im Oktober stellte die Schweizer Städteinitiative Sozialpolitik Zahlen und Grafiken zu den Sozialhilfequoten in den Schweizer Städten vor. Die Städteinitiative ist eine Sektion des Schweizerischen Städteverbandes. Die Sozialhilfequote drückt aus, wie viel Prozent der Bevölkerung von der Sozialhilfe abhängig sind.

Ein Blick auf eine Übersichtskarte der Städteinitiative zeigt ein eindeutiges Bild (siehe Grafik). Städte mit einer hohen Sozialhilfequote, rot eingezeichnet, liegen alle im Westen des Landes. Ausser Winterthur.

Wobei die Stadt bei der grafischen Darstellung etwas Pech hat. Mit einer Sozialhilfequote von 5,6 Prozent liegt Winterthur gerade knapp über der Grenze von 5,5 Prozent, bei der eine Stadt rot eingezeichnet wird. Zürich bleibt mit einer immer noch hohen Quote von 4,8 Prozent bei Rosa.

Lesebeispiel: Biel hat eine hohe Sozialhilfequote, darum sattrot, und gleichzeitg sehr viele Fälle, darum Kreis fast so gross wie für Bern. Zug hat eine kleine Quote, darum dunkelblau, und wenig Fälle, darum Kreis kleiner als in Wil. Zürich, gross und rosa, verschwindet im Gewirr der Vororte.

Zwischen Aarau und Müstair

«Das Niveau der Sozialhilfequote Winterthurs fällt im Städtevergleich nicht auf.» Dies stellte das Berner Büro Bass 2016 aufgrund älterer Zahlen in einer Studie im Auftrag des Stadtrats fest. Demgegenüber steht die Tatsache, dass Winterthur die höchste Sozialhilfequote unter den grossen Städten östlich von Aarau aufweist. Im breiten Speckgürtel um Zürich herum ist fast alles mit Blau eingefärbt, der Farbe für eine geringe Quote.

In den letzten fünf Jahren stieg gerade in den mittelgrossen Städten Winterthur, St. Gallen und Luzern der Anteil der Sozialhilfeabhängigen deutlich an. In anderen Städten stagnierte er oder ging sogar zurück. Luzern und St. Gallen wiederum weisen Quoten von nur 4,1 Prozent beziehungsweise 4,6 Prozent auf.

Die hohe Sozialhilfequote in Winterthur hat finanzielle Folgen: Vom Nettosteuerertrag von 440 Millionen Franken im Jahr 2017 gingen knapp 60 Millionen in die Sozialhilfe. Das heisst mehr als jeder siebte eingenommene Franken.

Risikogruppen in Winterthur

Der Vergleich von Winterthur mit anderen Städten wirft also doch Fragen auf. In der Regel gibt es in einer Stadt eine hohe Sozialhilfequote, wenn viele ihrer Bewohner von Armut bedroht sind. Dabei unterscheidet man Risikogruppen. Es erstaunt nun aber, dass von diesen Risikogruppen viele in Winterthur untervertreten sind:

  • Dazu gehören die Ausländer. Winterthur hat von allen grossen Städten mit 23,9 Prozent den geringsten Ausländeranteil.
  • Eine weitere Risikogruppe sind Flüchtlinge. Mit 0,8 Prozent bleibt Winterthur im Mittelfeld.
  • In Winterthur ebenfalls ungewöhnlich niedrig ist der Anteil der Einzelhaushalte. Sie zählen ebenfalls zu den Risikogruppen. In Winterthur gibt es nur 37,9 Prozent Einzelhaushalte. In Zürich sind es 45,2 Prozent.
  • In einer Risikogruppe schwingt Winterthur allerdings obenauf: Es sind die Kinder. In der zweitgrössten Stadt des Kantons Zürich sind 17,8 Prozent aller Bewohner unter 17 Jahre alt. Das ist ein Rekordwert. Der Durchschnitt aller Städte liegt bei 15,9 Prozent.

Alle Risikogruppen zusammengenommen, dürfte Winterthur eine höchstens durchschnittliche Sozialhilfequote aufweisen.

Die Bevölkerungsstruktur allein kann die hohe Sozialhilfequote somit nicht erklären

Alte Industriezentren

Auffällig auf der Karte ist eine Reihe roter und rosa Punkte von Yverdon über Biel, Winterthur bis Rorschach. Es sind alles Städte mit einer industriellen Vergangenheit. Diese Industriezentren haben in den letzten Jahrzehnten massiv Arbeitsplätze verloren.

Das wirkt bis heute nach. Noch immer kommen in Winterthur 26 Prozent der Arbeitslosen aus dem industriellen Sektor. In Zürich sind es nur die Hälfte. Aus Arbeitslosen werden oft Sozialhilfefälle. Dieter P. Wirth, Leiter Soziale Dienste der Stadt Winterthur, sagt: «Bei den Arbeitslosen in Winterthur fällt auf, dass der Anteil an Hilfsfunktionen ähnlich hoch ist wie in Biel, nämlich jeweils über die Hälfte.» Auch das ist ein ganz wesentlicher Faktor.

In Winterthur ist die Anzahl von Beschäftigten pro Einwohner mit 0,66 geringer als in vergleichbaren Städten. Der Arbeitsmarkt des Grossraums Zürich steht den vielen Hilfskräften nur bedingt als Ersatz zur Verfügung. Wenig qualifizierte Arbeitskräfte haben überall Mühe, eine Stelle zu finden. Ganz allgemein drückt das vergleichsweise geringe Pro-Kopf-Einkommen in Winterthur die Sozialhilfequote nach oben.

Wirth: «Die tiefe Steuerkraft pro Person gibt einen Hinweis darauf, dass die Winterthurerinnen und Winterthurer finanziell weniger gut dastehen als zum Beispiel Personen in Luzern.» Das alles sind Folgen davon, dass in Winterthur die Industrie lange der beherrschende Wirtschaftssektor war.

Probleme sind hausgemacht

Gelegentlich wird angeführt, das Sozialhilfebezüger in die Städte flüchten. Für Winterthur stimmt das über die Jahre hinweg gesehen nicht. Wirth sagt: «Über 76 Prozent aller neuen Sozialhilfebeziehenden wohnten bereits vorher in Winterthur. Nur 6,8 Prozent der neuen Fälle bezogen zuvor schon in einer anderen Gemeinde Sozialhilfe. Zuzüge und Wegzüge von Personen mit Sozialhilfe hielten sich in etwa die Waage.»

Die Gründe für die Probleme im Sozialbereich liegen an Winterthur selbst. Sie sind im schwierigen Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsstadt zu finden.

(Der Landbote)

Erstellt: 08.11.2018, 09:00 Uhr

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