Winterthur

«Bei der Unterwäsche hört das Mittelalter auf»

Martin Suter (47) richtet mit dem Verein Turnei an diesem Wochenende auf dem Teuchelweiherplatz ein Mittelalterspektakel aus. Ein Gespräch über Ritterspiele und die Grenzen einer Illusion.

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Was bringt einen erwachsenen Mann dazu, das Mittelalter nachzuspielen, gefällt Ihnen die Gegenwart nicht?
Matin Suter: Nein, nein, ich lebe gerne in der Gegenwart und würde zum Beispiel nie auf unser Gesundheits- oder Rechtssystem verzichten wollen. Meine Begeisterung fürs Mittelalter rührt aus der Kindheit her. Ich habe, wie viele andere auch, «Ritterlis und Prinzessin» gespielt. Davon ist ein Stück hängen geblieben.

Sie haben als Kind also zu viele Ritterfilme gesehen.
Bei mir lief das weniger Film und Fernsehen als übers Spielen. Ich bin auf einem Bauernhof nahe der Burg zur Lägern aufgewachsen. Dort habe ich als Kind oft gespielt. Auch an Besuche in der Kyburg kann ich mich erinnern.

Mittelalter-Events sind zuletzt richtig populär geworden. Ist der Höhepunkt jetzt erreicht?
Das glaube ich nicht. Wir haben noch nicht alle Kreise erreicht mit unserem Mittelalterspektakel. Gut, einige sagen über uns: «Die spinnen, die machen Fasnacht im Sommer». Es gibt aber andere, die laufen vorne mit normaler Kleidung aufs Gelände und kommen hinten mit einer Ritterrüstung wieder raus. Die kommen dann auch wieder.

Impressionen vom Mittelalterspektakel Trüllikon 2013. Turnei.ch via Youtube

Was kostet eine Ritterrüstung im 21. Jahrhundert?
Die kostet schnell einmal ein paar Tausend Franken. Die meisten fangen mit etwas Einfacherem an, einem Gewand, das gibt es für wenige Hundert Franken.

Bei aller Verkleidung, Sie machen auch ernst – mit einem Ritterturnier. Sich mit der Lanze vom Pferd zu stossen, scheint mir ein gefährliches Hobby.
Das ist auch kein Hobby. Das sind Profis, die das machen. Wir haben eine Stunt-Truppe aus Deutschland engagiert. Die Lanzen, muss man wissen, sind präpariert, mit einem ganz leichten Holz an der Spitze, das beim Aufprall zersplittert. Und dann tragen die Ritter ja eine Rüstung und darunter einen sogenannten Gambeson, eine Art gefütterte Jacke, das federt die Stösse ab.

Auch Schwertkämpfe werden bei Ihnen ausgefochten – ist das auch bloss eine Show?
Es gibt beides, reine Showcases und echte Vollkontaktkämpfe, wo man den Sieger ausmacht. Tatsächlich richten wir in Winterthur dieses Jahr zum ersten mal solche echten Kämpfe aus.

Dann sind Sie hoffentlich gut versichert.
Es gibt natürlich Regeln, die man einhalten muss, zum Beispiel darf man nicht auf die Halspartie stechen. An sich sind die Risiken nicht grösser als beim Ringen oder Schwingen, wenn man diese Sportarten auf Wettkampfstufe betreibt. Ich selber habe allerdings einmal an einem Vollkontaktturnier teilgenommen. Ich bin kurzfristig eingesprungen, weil es zu wenig Teilnehmer hatte, und hatte danach zwei gebrochene Rippen. Für mich war klar: Das mache ich nie wieder.

Wenn, was nicht zu hoffen ist, etwas passieren würde, eilt aber nicht etwa der Medicus herbei?
Nein, bei Sicherheit, Hygiene und Sanität sind wir ganz modern. Wir leben nur die schönen Seiten des Mittelalters. Auf dem Platz ist der Samariterverein Winterthur für uns im Einsatz.

Wo hört die Mittelalter-Illusion sonst auf?
Bei der Gastronomie zum Beispiel. Die Stände sehen altertümlich aus, aber sie sind verschraubt. Sie haben Strom, wer will, kann eine gekühlte Cola trinken. Und bei der Kleidung hört das Mittelalter für die meisten bei der Unterwäsche auf.

Gibt es denn keine Regeln, um die Gegenwart auszusperren?
Für die Besucher gibt es die nicht. Für die Marktfahrer – wir reden von etwa 500 Leuten – gibt es ein Reglement, das besagt, dass man Uhren und Brillen abziehen und das Handy verstauen soll. Ich lasse meine Brille auch weg und sehe dann einfach nicht mehr so gut. Ich musste das zuerst lernen – an meiner ersten Veranstaltung trug ich noch eine Sonnenbrille, das kam nicht gut an.

(Landbote)

Erstellt: 14.07.2017, 17:08 Uhr

Martin Suter, Präsident des Mittelalterspektakel-Vereins Turnei.ch: «Einige laufen vorne normal angezogen rein und kommen hinten mit einer Rüstung raus.» (Bild: zvg)

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