Winterthur

«Bei ethischen Fragen helfen Zahlen nicht»

Die Literatur des Alters beschäftigt neuerdings auch Mediziner. Die Winterthurerin Rahel Rivera, die einen «Kompass zur Altersbelletristik» geschrieben hat, erklärt warum. Und ob ein Happy End möglich bleibt.

«Männer schreiben über Krisen, Frauen über Befreiung», sagt Autorin Rahel Rivera Godoy-Benesch.

«Männer schreiben über Krisen, Frauen über Befreiung», sagt Autorin Rahel Rivera Godoy-Benesch. Bild: Heinz Diener

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Frau Rivera, Sie haben über hundert Altersromane gelesen...
Rahel Rivera: Nicht ganz, ich habe tausend Bücher gesichtet, ausgewertet habe ich etwa sechzig oder siebzig.

War das nicht wahnsinnig deprimierend?
Es gibt Bücher, die deprimierend sind. Das sind aber nicht unbedingt die wertvollen. Deprimierend sind vor allem jene, die sehr statisch sind, wo niemand sich verändert, zum Guten oder Schlechten. Aber die meisten Altersbücher sind nicht so. Es mag sein, dass jemand stirbt oder eine schlimme Krankheit hat. Aber das führt oft auch geistig zu einem Gewinn.

Man wird weise?
Ich glaube schon (lacht). Das ist wohl auch der Grund dafür, dass Altersliteratur so im Trend ist. Unsere Gesellschaft ist in einem Wandel; das Alter wird weniger stark mit Abbau in Verbindung gebracht als noch vor 20 Jahren. Die gesammelte Lebensweisheit ist wieder gefragter. Man sieht das auch bei Jugendlichen: Viele Maturarbeiten widmen sich den eigenen Grosseltern als Zeitzeugen.

Auch die Wissenschaften, etwa Medizin und Psychologie, beginnen sich zu interessieren. Was
bietet Literatur, was empirische Studien nicht können?
Sie leistet einen Beitrag zur Altersbildforschung. Man will heute nicht mehr nur wissen, wie man den alternden Körper unterstützen kann, sondern auch, was unsere Gesellschaft übers Alter denkt. Das hat nämlich einen ­direkten Einfluss aufs Wohlbefinden. Andererseits hat man in der Altersmedizin festgestellt, dass man oft mit ethischen Fragen konfrontiert ist, bei denen Statistiken allein nicht weiterhelfen. Zum Beispiel: Darf man 100 000 Franken ausgeben für die medikamentöse Behandlung eines Menschen, wenn er statistisch gesehen nur noch ein Jahr zu leben hat?

Und wie kann ein Roman helfen, solche ethischen Fragen zu beantworten?
Schriftsteller sind keine Wissenschaftler. Eher sind sie Ethiker. Literatur porträtiert einen Menschen in ganz vielen Facetten: sein soziales Umfeld, das Innenleben, die subjektive Sicht. Dies kann die wissenschaftliche Sicht nicht ersetzen, aber ergänzen. Eine Entscheidung ist letztlich immer eine persönliche. Doch je besser man die Faktoren kennt, desto sicherer kann man sich sein.

In der Demenzforschung wird erst seit den Nullerjahren die Sicht der Betroffenen miteinbezogen statt nur die der Pfleger. «Die Belletristik war diesem Trend voraus», schreiben Sie.
Das stimmt. Man dachte lange Jahre, es würde bald Medikamente gegen Demenz geben und die Forschung konzentrierte sich darauf. Inzwischen sieht es nicht mehr danach aus. Also muss man Möglichkeiten finden, die Pflege besser zu gestalten. Es geht also um die Frage, wie man Menschen so behandeln kann, dass sie sich möglichst wohlfühlen. Es gibt literarische Werke, die dank ihrer Erzählperspektive aus Sicht der demenzkranken Protagonisten auch Medizinern zur Lektüre empfohlen werden. Gleichzeitig sind solche literarischen Innensichten auch problematisch — sie bleiben eben Fiktion.

Wie erleben Schriftsteller ihr eigenes Alter?
Viele stürzen in eine Schreibblockade. Sie hatten über Jahrzehnte eine Routine gefunden, wussten, was ihnen guttut, damit der Schreibfluss funktioniert. Wenn die Umstände sich plötzlich rasch ändern, man auf den eigenen Körper zurückgeworfen ist, kann das existenzielle Krisen auslösen. Aber auch eine neue Radikalität. Am Ende des Lebens wird alles in Frage gestellt: Ideologie, Grundsätze, aber auch die literarischen Formen selbst.

Schreiben Frauen eine andere Altersliteratur als Männer?
Ich bin ganz sicher, dass sie das tun. Es gibt eine Tendenz, dass Männer mehr über Krisen schreiben, Frauen über einen Befreiungsprozess. Oft stirbt ihr Ehemann, oder sie beschliessen, sich zu trennen. Sie kommen mit Kunst in Berührung. Sie haben plötzlich Zeit und geniessen das. Es ist, als ob in der Frauenalters­literatur eine zweite Frauenbewegung entstehen würde.

In Buch und Film dominieren normalerweise junge Charaktere; am Ende steht oft die Heirat oder ein Erfolg. Und im Alters­roman? Ist ein Happy End dort überhaupt möglich?
Wenn ein Autor oder seine Figur die eigene Sterblichkeit, Krankheit oder den alternden Körper akzeptieren kann und inneren Frieden findet, ist das doch ein Happy End. Und wahrscheinlich ein realistischeres als im Bildungsroman, der mit der Heirat aufhört und alle Mühsal, die ­danach kommt, ausblendet (lacht).

(Der Landbote)

Erstellt: 05.04.2016, 23:24 Uhr

Zur Person

Rahel Rivera Godoy-Benesch (36) doktoriert und doziert an der Universität Zürich und unterrichtet Englisch am Gymnasium ­Rychenberg. Den «Kompass zur Altersbelletristik der Gegenwart» erarbeitete sie im Auftrag der Pro Senectute Schweiz. mig

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