Stadttalk

«Bei Wasser und Brot entwickelt kein Mensch Fähigkeiten»

Die Wiedereingliederung von ehemaligen Gefangenen ist Annette Keller, Direktorin des Frauengefängnisses in Hindelbank, ein grosses Anliegen.

Stadtalk in der Coalmine: Moderator Christian Huggenberg im Gespräch mit Gefängnisdirektorin Anette Keller.

Stadtalk in der Coalmine: Moderator Christian Huggenberg im Gespräch mit Gefängnisdirektorin Anette Keller. Bild: Madeleine Schoder

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In der Justizvollzugsanstalt (JVA) Hindelbank wohnen und arbeiten hundert eingewiesene Frauen im Alter zwischen 20 und 74 Jahren. Ein Drittel wurde wegen Tötungsdelikten verurteilt, ein Drittel ist mit dem Betäubungsmittelgesetz in Konflikt geraten und ein Drittel hat Betrugs- und Diebstahldelikte begangen.

Die Nationalitätenvielfalt zeigt sich jeweils bei der monatlichen Einführung für die Neueintretenden. Etwa die Hälfte der Frauen haben Kinder. Bis zum Alter von drei Jahren dürfen Kinder mit ihren Müttern im Gefängnis leben. Tagsüber, während die Frauen sieben Stunden in der Wäscherei, der Nähwerkstatt oder der Verpackungsstrasse arbeiten, besuchen die Kleinen im Dorf eine Kindertagesstätte.

Etwa die Hälfte der Frauen im Gefängnis haben Kinder. 

Aktuell leben vier Kleinkinder in der JVA. Sind die Kinder älter als drei Jahre, werden sie in einer Pflegefamilie fremdplatziert, besuchen aber ihre Mütter regelmässig.

Auf der Suche nach Arbeit

Die Eingewiesenen sind auf sieben Wohngruppen verteilt, nicht nach Delikten oder Nationalitäten getrennt, sondern bewusst gemischt. Das Bildungsniveau ist bei den meisten eher tief. «Diese lebendige Mischung einer Zwangsgemeinschaft ist eine Herausforderung sowohl für die Verurteilten wie auch für die Betreuenden», sagt Annette Keller, seit sechs Jahren Gefängnisdirektorin in Hindelbank. «Unser Auftrag ist es, den Frauen eine Arbeit zur Verfügung zu stellen und gleichzeitig mit ihnen zu arbeiten, damit sie nach ihrer Entlassung nicht rückfällig werden.»

«Die Zwangsgemeinschaft ist eine Herausforderung sowohl für die Verurteilten wie auch für die Betreuenden»

Für maximal 107 Frauen ist die 55-jährige Gefängnisdirektorin stets auf der Suche nach Arbeit. Um die Dienstleistungen der JVA besser bekannt zu machen, hat sie eine modern gestaltete, pfiffig getextete kleine Werbebroschüre mit dem Titel «Frauenpower für Ihr KMU» produzieren lassen. Das Titelbild ziert eine Frau mit rotem Haarband und blauer Arbeitsbluse, die den Ärmel hochkrempelt und ihren muskulösen Oberarm zeigt.

«Power» scheint auch die Direktorin zu haben: Die zierliche kleine Frau mit der angenehm pastoralen Stimme hat eine beachtliche Karriere hinter sind: In Ermatingen am Bodensee aufgewachsen, hat sie sich zuerst zur Primarlehrerin ausbilden lassen, ein paar Jahre unterrichtet, später dann aber eine Landwirtschaftsschule absolviert. Als internationale Wahlbeobachterin reiste sie zwischendurch unter anderem in Länder wie Südafrika, Armenien, Tadschikistan und die Ukraine.

Anschliessend studierte sie Theologie und wurde Pfarrerin. «Ich bin aber zu wenig heilig», erklärte sie den erneuten Berufswechsel, der sie in den Sozialdienst der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern führte und in diesem Zusammenhang dann auch mit der JVA Hindelbank in Kontakt brachte.

Einsicht ist das Wichtigste

Ihr ist der «humane Vollzug» ein grosses Anliegen. Sie beschreibt ihr Gefängnis als «gut gesichertes Heim», das den Eingewiesenen einen Ort zum Leben gibt und sie auf ein deliktfreies Leben nach der Entlassung vorbereitet. Bildungslücken sollen nachgeholt werden. Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Psychiater, Therapeuten, drei Geistliche und Pflegefachkräfte unterstützen die Frauen mit den «belasteten Biografien», sich später «draussen» zurechtzufinden. «Einsicht ist das Wichtigste, um nicht rückfällig zu werden», sagt Keller. «Bei Wasser und Brot entwickelt der Mensch keine Fähigkeiten.»

Der Spardruck macht aber auch ihrer Institution zu schaffen. Was würde sie mit einem 20-Millionen-Geschenk machen? «In die Prävention investieren, mehr Personal einstellen und auf dem Areal ein Haus bauen, in dem Gefangene am Wochenende mit ihren fremdplatzierten Kindern wohnen können.»

Erstellt: 02.05.2017, 12:54 Uhr

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