Axa-Winterthur

«Beim Kaffee im Axa-Hauptsitz wird nun mehr Deutsch gesprochen»

Nach drei Jahren als CEO der Axa Schweiz wird Antimo Perretta Europa-Chef der Versicherung. Für ihn ist das aber kein Grund, näher zum Hauptsitz in Paris zu ziehen.

Der abtretende Axa-CEO Antimo Perretta: «Wir bleiben auch lokal in Winterthur sehr engagiert.»

Der abtretende Axa-CEO Antimo Perretta: «Wir bleiben auch lokal in Winterthur sehr engagiert.» Bild: Madeleine Schoder

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Herr Perretta, Sie kommen mit etwas Verspätung zum Interview. Nehmen Sie es an ihren letzten Arbeitstagen als CEO der Axa-Winterthur etwas lockerer?
Antimo Perretta: Ha, wo denken Sie hin! Meine Arbeitseinstellung ist jeden Tag die gleiche, insbesondere da ich ja im selben Unternehmen bleibe. Nein, ich bin in den Stau geraten weil ich zu Hause etwas später abgefahren bin, da ich heute meinen 55. Geburtstag feiere. (Das Gespräch fand am 20. Dezember statt.)

Oh, da gratulieren wir. Zu unseren Fragen: Wenn jemand als Mitarbeiter bei der Axa neu anfängt, was ist heute anders als bei Ihrem Antritt als CEO 2014?
Geblieben ist, dass wir nach wie vor die grösste Versicherung der Schweiz und der grösste private Arbeitgeber in Winterthur sind. Die Winterthur-Versicherung hat eine 142-jährige Geschichte. Es war mein Ziel, dass ich sie meinem Nachfolger in einem ebenso guten oder besseren Zustand übergeben kann, wie ich sie von meinem Vorgänger übernommen habe. Das ist mir zusammen mit meinem Team gelungen. Denn wir konnten vieles weiterentwickeln: Wir haben unsere Abläufe digitalisiert. Ein Zeichen für den Wandel ist, dass wir bei uns das «Du» eingeführt haben.

Gilt die Du-Kultur eigentlich auch bis zum Chef?
Ja, klar, vom Lernenden bis zu mir als CEO. Wir konnten damit ein starkes Zeichen setzen.

«Man vertraut nach wie vor mehr dem Menschen, als der Maschine.»Antimo Perretta

Was hat sich für die Versicherten im Vergleich zu 2014 geändert?
Wir stehen in engerem Kontakt mit unseren Kunden, sind einfacher und klarer geworden. Wir verstehen uns als Partner unserer Kunden in allen Lebenslagen. Darum haben wir auch in zwei neue Bereiche investiert: in die Mobilität, wo wir in den nächsten Monaten Neuheiten ankündigen werden, und in den Gesundheitsbereich, in den wir bereits erfolgreich eingestiegen sind.

Ziel waren da 10 000 Policen bis Ende Jahr.Ist das erreicht?
Ja, sogar übertroffen. Wir liegen im Moment bei über 11 000.

Viele Kunden bleiben Ihnen ein Leben lang treu. Trotzdem legt die Axa viel Wert auf die Digitalisierung. Warum eigentlich?
Wir haben verstanden, dass die Digitalisierung unser ganzes Leben verändert. Heute kauft man keine einzelnen CDs mehr, sondern hört mit Spotify einfach Musik, zahlt also nicht mehr für Produkte, sondern für Lösungen. Mit diesem neuen Verhalten entstehen neue Kundenerwartungen – auch an uns als Versicherung.

Verlieren die klassischen Agenturen in den Quartieren und Dörfern durch die Digitalisierung an Wichtigkeit?
Sie bleiben wichtig, ihre Rolle verändert sich aber. Wenn es um eine grosse Entscheidung geht, vertraut man nach wie vor dem Menschen, und nicht der Maschine. Darum wird die Beratung für persönliche, spezialisierte Produkte wichtig bleiben.

Sie haben auch den Namen «Winterthur» abgeschafft, der Namenszusatz fällt diesen Frühling weg. Ist Ihnen dieser Entscheid schwer gefallen?
Es war der ideale Moment dafür. Denn die Axa vereinheitlicht derzeit weltweit ihren Markenauftritt. Wir hätten also sowieso alle Dokumente in die Hand nehmen müssen. Wir haben zudem immer gesagt, dass dieser Schritt kommt, wenn die Marke bekannt genug ist. Das ist nun der Fall.

Die Stiftung Generationen-Dialog hat das Zentrum am Obertor im Februar 2017 geschlossen. Die Axa hat sich damit aus dem öffentlichen Leben in Winterthur zurückgezogen. Warum?
Seit der Gründung der Stiftung hat sich viel verändert. Zum Beispiel sind vergleichbare Kursangebote entstanden, etwa in der Migros-Klubschule. Darum haben wir die Stiftung neu ausgerichtet. Sie fokussiert nun stärker auf die Herausforderungen der älter werdenden Gesellschaft.

Das Engagement ist nun aber national, nicht mehr lokal.
Wir bleiben auch lokal sehr engagiert. Die Axa ist etwa Mitglied des House of Winterthur sowie bei der Handelskammer und der Arbeitgebervereinigung Winterthur. Bei der 750-Jahr-Feier der Stadt 2014 haben wir einen wichtigen Beitrag geleistet, auch ich selbst bin da mehrmals in der Stadt aufgetreten. Zudem sind wir über unsere Agenturen sehr gut in der Gesellschaft verankert.

«Wozu soll ich nach Paris ziehen, wenn ich danach doch in ganz Europa herumreise?»Antimo Perretta

Im Vergleich zu Ihren Vorgängern haben Sie sich in Winterthur aber wenig sehen lassen.
Das würde ich nicht sagen. Ich habe den Austausch mit der Stadt immer sehr gepflegt. Unser Neujahrsapéro ist in Winterthur nach wie vor ein wichtiges gesellschaftliches Ereignis. Aber ja: Da Winterthur nicht mehr das internationale Zentrum des Unternehmens ist, hat diesbezüglich ein Wandel stattgefunden.

Stichwort internationaler Hauptsitz: Sie werden ab Januar Europa-Chef der Axa und sind zuständig für Grossbritannien, Deutschland, Belgien, Schweiz, Italien und Spanien. Wo haben Sie ab Januar ihr Büro?
Hier in Winterthur, an der General-Guisan-Strasse.

Sie gehen nicht nach Paris?
Ich gehe jeweils montags nach Paris zur Konzernleitungssitzung. Ich fahre am Sonntagabend mit dem TGV hin. Ich bin Europachef, mein Arbeitsort ist also Europa. Mein Stab hat 16 Mitarbeiter, auch sie arbeiten an mehreren Standorten in Europa.

Man kann also nicht sagen, dass Winterthur der neue Axa-Europa-Hauptsitz wird?
Nein, das nicht. Ich werde ein kleines Büro hier haben, nur ein paar Türen weiter den Gang entlang. Dieses Büro hier übernimmt mein Nachfolger Fabrizio Petrillo, es ist ja das CEO-Büro

Ihren Arbeitsplatz belassen sie sicher in der Schweiz, weil es sich hier steuergünstig wohnen lässt? Frankreich gilt ja als Steuerhölle, im Gegensatz zu ihrem Wohnort Herrliberg.
Der Steuerfuss von Herrliberg ist für mich nicht entscheidend. Es geht um etwas anderes: Wozu soll ich meinen Lebensmittelpunkt verlegen und mit der Familie umziehen, wenn ich dann sowieso meistens unterwegs bin? Es macht mehr Sinn, wenn ich als einziger in Europa herumreise und die anderen am jetzigen Ort bleiben. Auch unser Hund hätte sicher etwas gegen einen Umzug, dem gefällt es dort, wo er jetzt ist.

Wozu braucht Axa einen Europa-Chef?
Mein Ziel ist es, dass die sechs Ländergesellschaften mehr sind, als nur auf dem Papier verbundene Firmen, sondern sich im Sinne von Best-Practice austauschen und voneinander lernen. Es gibt viele Möglichkeiten zur engeren Kooperation: Im Moment führen beispielsweise vier Länder zum gleichen Zeitpunkt unabhängig voneinander ein ähnliches IT-System ein, da könnte man sicher noch mehr zusammenarbeiten. Dann bin ich auch für die Nachfolgeplanung der nationalen Geschäftsleitungen zuständig und habe bei Personalentscheiden auf dieser Stufe ein Vetorecht.

In Grossbritannien hat die Axa 2016 fast eine Viertelmilliarde Franken Verlust eingefahren. Ist es Ihr Job, da aufzuräumen?
Die Zahl täuscht: In Grossbritannien wurden die staatlichen Vorgaben für die Risikosicherheit verändert, darum sind viele Rückstellungen nötig. Auch diese Ländergesellschaft ist gut unterwegs, da muss man überhaupt nicht aufräumen.

Mit der Aussage zu ihrem Vetorecht in Kaderbesetzungen haben Sie die nächste Frage eigentlich schon beantwortet: Haben Sie Ihren Nachfolger Fabrizio Petrillo selbst bestimmt?
Ernannt hat ihn der Verwaltungsrat, aber ich habe Fabrizio Petrillo zur Wahl vorgeschlagen.

Die Axa setzt auf Frauenförderung: Bei Ihrer Nachfolge war eine Frau aber kein Thema.
Das stimmt nicht. Auch Frauen waren in der engeren Auswahl.. Für mich sind aber immer die Person und ihre Fähigkeiten entscheidend, nicht das Geschlecht.

Dem Verwaltungsrat haben Sie einen Einervorschlag vorgelegt?
Ja. Fabrizio Petrillo ist die ideale Besetzung. Als bisheriges Geschäftsleitungsmitglied steht er für Kontinuität. Er wird die Grundsatzentscheide, die wir getroffen haben, weiter berücksichtigen, das Unternehmen aber gleichzeitig auf seine eigene Art und und mit seinen eigenen Zielen weiterentwickeln.

Mit Thomas Buberl und ihnen sind zwei Deutschsprachige Chefs der französischen Axa. Pas de problème pour les Français?
Es spricht für dieses Unternehmen, dass einzig die Leistung zählt. Die Konzernsprache ist ohnehin Englisch. Es ist allerdings so, dass in der Kaffeeecke am Hauptsitz im Matignon in Paris nun häufiger Deutsch gesprochen wird. Daran muss sich die ältere Generation der Axa-Leute in Frankreich wohl erst gewöhnen, für die jüngeren ist das aber sicher nicht mehr wichtig. Und wie gesagt: Entscheidend ist einzig, dass wir gute Arbeit leisten. (Landbote)

Erstellt: 27.12.2017, 13:32 Uhr

Infobox

Antimo Perretta war von 2014 bis 2017 Chef der Axa-Winterthur. In der Geschäftlsietung der Axa war der 55-Jährige bereits seit 2007, zuvor als Leiter Distribution und Leiter Kollektivleben. Vorher war er Geschäftsleitungsmitglied der Swiss Life.

Ab Januar 2018 wird Perretta Europa-Chef der Axa. Dort ist er für sechs Ländergesellschaften mit 41 000 Mitarbeitern zuständig. Diese Gesellschaften erwirtschaften 2,8 Milliarden Franken Gewinn, rund 40 Prozent des Gesamtergebnisses der Axa. (bä)

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