Winterthur

Beim KSW sind die Ärztinnen auf der Überholspur

In leitenden Positionen sind Ärztinnen an Spitälern noch immer deutlich in der Minderheit. Das Kantonsspital Winterthur jedoch scheint eine eher frauenfreundliche Arbeitgeberin zu sein.

Die Oberärztinnen sind am Kantonsspital Winterthur inzwischen in der Überzahl.

Die Oberärztinnen sind am Kantonsspital Winterthur inzwischen in der Überzahl.

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Der «Fall Urwyler» sorgte schweizweit für Schlagzeilen. Die heute 43-jährige Anästhesistin Natalie Urwyler wollte am Berner Inselspital Karriere machen, die fachlichen Qualitäten dafür hätte sie zweifellos mitgebracht.

Als angehende Professorin forschte Sie an der renommierten Stanford-Universität in Kalifornien, wurde vom Nationalfonds gefördert und erarbeitete sich zusätzliche 200 000 Franken an Forschungsgeldern.

An der Insel hatte sie sich mit dem Klinikleiter angelegt und eine aufsichtsrechtliche Beschwerde gegen ihn eingelegt. Denn weder wurde ihr als junger Mutter gewährt, das Pensum auf 80 Prozent zu reduzieren, noch durfte sie weiter an der Uni forschen oder dozieren. Urwyler wurde 2014 wegen eines «gestörten Vertrauensverhältisses» entlassen. Sie zog gegen das Spital vor Gericht und bekam in erster Instanz «betreffend Gleichstellungsgesetz» recht. Es habe sich um eine «Rachekündigung» gehandelt.

Die Juristen der Insel sehen es anders. Sie zogen das Urteil weiter, wie vor zwei Monaten bekannt wurde.

Chefärztinnen in Minderheit

Der «Fall Urwyler» löste eine mediale Debatte zur Macho-Kultur und zu Gleichstellung an Spitälern aus. Ärtzinnen würden während der Schwangerschaft kaum geschont, und junge Mütter stiessen an eine gläserne Decke, weil sich in leitenden Positionen bisher die Modelle Teilzeit oder Co-Leitungen noch nicht durchgesetzt haben.

Das Kantonsspital Winterthur liegt auf sämtlichen Stufen über dem nationalen Schnitt

Der sogenannte Gender-Gap widerspiegelt sich im tiefen Frauenanteil in den Chefetage (siehe Grafik). Der Trend, dass seit 13 Jahren mehr Frauen als Männer ein Medizinstudium abschliessen, verebbt auf Stufe Assistenzarzt. Seit 2013 hat sich der Frauenanteil bei leitenden Ärzten bei 22 bis 24 Prozent eingependelt, und eine Stufe Höher bei den Chefärzten bei 10 bis 12 Prozent.

Das Kantonsspital Winterthur (KSW) liegt auf sämtlichen Stufen über dem nationalen Schnitt, auch bei den Oberärztinnen, die seit zwei Jahren in Winterthur in der Überzahl sind. Verteilt auf sämtliche, auch nicht-medizinische Berufe, erzielt das KSW bei den obersten Chefposten einen Frauenanteil von 23 Prozent. Bei leitenden Funktionen liegt er gar über 50 Prozent, erklärt durch die Frauendominanz in der Pflege.

Die Entwicklung des Anteils der Ärztinnen in leitenden Positionen beim KSW.

Kein KSW-Fördermodell

Woher der KSW-Vorsprung rührt ist unklar. Ein offizielle Gender-Policy, sowie frauenfördernde Laufbahnmodelle hat das Spital jedenfalls nicht eingeführt. Die «gleichberechtigte Förderung von Frauen» sei aber ein «zentrales Anliegen» und «bei Kaderstellen eine ausgeglichene Verteilung zwischen den Geschlechtern gewünscht», heisst es auf Anfrage.

Für schwangere Ärztinnen gelten beim KSW die gleichen Bedingungen wie für alle anderen Angestellten: Maximal neun Stunden Arbeitszeit pro Tag und 16 Wochen Mutterschaftsurlaub. Als öffentlich-rechtliche Anstalt ist das Spital ans kantonale Personalgesetz gebunden.

Man versuche aber, so der Spital-Sprecher, individuelle Arbeitspensen nach Möglichkeit zu gewähren. Beruf und Privatleben sollen gut miteinander vereinbar sein. Die hausinterene Kindertagesstätte «La Luna» bietet 42 Tagesplätze, die das KSW einkommensabhängig subventioniert.

«Ich wurde gefördert»

Als in allen Belangen fairen und flexiblen Arbeitgeber erlebte die Gynäkologin Juliette Schmid-Lossberg (38) das KSW. Dort hatte sie 2008 als Assistenzärztin im Departement für Gynäkologie begonnen und es 2017 als Fach- und Oberärztin wieder verlassen. Heute arbeitet sie in einer Praxis im Zürcher Seefeld.

Ihre zwei Kinder bekam sie während der Zeit am KSW, durfte nach der Schwangerschaft selber bestimmen, wann sie wieder einsteigen wollte und ging mit dem Pensum von 100 auf 60 Prozent runter, ohne auf Widerstände zu stossen. Für den Facharzttitel brauchte die Ärztin teilzeitbedingt etwas länger. «Aber ich durfte genau so oft operieren und kompliziertere Eingriffe machen wie andere auch», erzählt sie.

Diskriminiert worden sei man als Frau oder Mutter am KSW definitiv nicht. «Wer aufsteigen wollte und das Zeug dazu hatte, wurde auch entsprechend gefördert.» Das Departement Geburtshilfe und Gynäkologie leitet beim KSW ein Mann, ihm stehen zwei Chefärztinnen zur Seite. Mit einem Anteil von schweizweit über 60 Prozent ist die «Gyni» eine typische Frauendomäne – ganz im Gegensatz zur Chirurgie, die mit 78 Prozent nach wie vor in Männerhand ist.

«Viel liegt noch im Argen»

Dass die Männer-Dominanz an den Spitälern langsam zu bröckeln beginnen könnte, glaubt auch Adelheid Schneider-Gilg, die Präsidentin des Verbandes Ärztinnen Schweiz. Vieles aber liege aber nach wie vor im Argen.

Weder frauenfreundliche Rahmenbedingungen noch die Lohngleichheit seien derzeit die Norm. Im Interview sagt Schneider aber auch: «Vielleicht müssen sich die Frauen teilweise selber etwas an der Nase nehmen und selbstbewusster auftreten.» (siehe Interview).

Erstellt: 29.05.2018, 16:41 Uhr

Dr. Adelheid Schneider-Gilg ist Präsidentin des Verbandes ­Ärztinnen Schweiz.

Nachgefragt

Adelheid Schneider-Gilg vom Verband Ärztinnen Schweiz zum Thema Gleichberechtigung an Spitälern.

Wie verbreitet ist die Macho­kultur in den Spitälern noch immer? Die Frauen sind doch in der Mehrheit?
Adelheid Schneider-Gilg: Ja, aber in leitenden Positionen sind sie nach wie vor deutlich untervertreten. Welche Mitarbeiterkultur vorherrscht und ob Ärztinnen zumindest ähn­liche ­Kar­rie­re­chancen haben, ist von Spital zu Spital etwas verschieden. An dem Modell, dass ein Chefarzt eine Klinik allein ­führen sollte, verbunden mit einer 80-Stunden-Woche, wird aber vielenorts nicht gerüttelt. De facto werden Frauen so benachteiligt. Sie müssen sich entscheiden: Karriere oder Familie? Daran hat auch der Fall Ur­wyler bis jetzt rein gar nichts geändert. Auch an der Lohn­schere nicht.

Was schlagen Sie vor?
Wichtig und einfach umzusetzen wären beispielsweise Kinderbetreuungen vor Ort. Chefarztstellen sollten auch als Co-Leitungen möglich sein, mit maximal zwei 80-Prozent-Stellen zum Beispiel, und auch als Leitender Arzt können Mann und Frau Teilzeit arbeiten, wozu auch immer mehr Männer bereit wären.

Und Quoten, wie Sie Natalie Urwyler oder die Chefin der Frauenklinik des Triemli ­fordern?
Ich persönlich stehe Quoten kritisch gegenüber, in unserem Verband gehen die Meinungen in dieser Frage auseinander. Wenn zwei gleich gut qualifizierte Kandidaten sich auf einen Chefposten bewerben, sollte die Frau den Zuschlag bekommen, ganz klar.

Gäbe es überhaupt genügend Bewerberinnen?
Es wird immer mehr geben, weil sich das Geschlechterverhältnis in den letzten Jahren bei den Absolventen und auch in den Spitälern umgedreht hat, auch wenn es immer noch klare Männerdomänen gibt, wie die Chirurgie. Wahrscheinlich sollten junge Ärztinnen karrieremässig mehr gecoacht werden. Was man in anderen Branchen sieht, ist leider auch bei den Medizinern nicht anders: Frauen sind selbstkritischer, trauen sich weniger zu und treten bei Bewerbungen und Lohnverhandlungen weniger selbstbewusst auf. Vielleicht müssen auch sie sich ­etwas aufraffen.

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