Winterthur

Bekommen Chauffeure genug Anerkennung?

Als ein Fahrer am Ende seiner 25-jährigen Dienstzeit abtritt, erhält er kein Dankeswort – «typisch für Stadtbus», meint er und sagt: «Chauffeure als unterste Kaste werden im Betrieb nur kritisiert.» Stadtbus betont, die meisten Fahrer seien zufrieden.

Busfahrer unter Druck: Passagiere wollen ihre Anschlüsse erreichen, das Management bessere Bewertungen erzielen (Symbolbild).

Busfahrer unter Druck: Passagiere wollen ihre Anschlüsse erreichen, das Management bessere Bewertungen erzielen (Symbolbild). Bild: Marc Dahinden

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Peter Schenk ist traurig und enttäuscht von seinem alten Arbeitgeber. Nach fast 25 Jahren bei Stadtbus hatte der Chauffeur am 28. Dezember seinen letzten Arbeitstag. Sein Dienst endete um 21.30 Uhr – und niemand sagte ihm Adieu. «Es war keiner da, kein Teamleiter oder sonst jemand. Ich fuhr im Zug nach Hause und das Herz tat mir weh. Ab und fort und das wars.»

Es war keiner da, niemand. Ich fuhr im Zug nach Hause und das Herz tat mir weh. Peter Schenk über seine fehlende Verabschiedung nach 25 Dienstjahren

Sein letzter Arbeitstag fiel in die Ferienzeit, mit den entsprechenden Absenzen; dennoch hatte Schenk eine Verabschiedung erwartet. «Ich habe gewartet und gedacht, vielleicht kommt im neuen Jahr noch ein Kärtchen. Doch nichts kam.» Einzig an einem Pizzaplausch gab es ein kleines Geschenk – privat organisiert von Arbeitskollegen.

In den letzten Jahren arbeitete der heute 68-Jährige als Aushilfsbusfahrer auf Abruf. Zu seiner ordentlichen Pensionierung vor gut sechs Jahren, räumt er ein, habe er eine Karte und einen Gutschein der Jungen Altstadt erhalten.

14-stündige Bereitschaft, Sonntags- und Nachtarbeit

Schenks Erklärung für seinen stillen Abgang: «In der neuen Direktion hat es nur noch Managementtypen. Die sind weit weg von uns Busfahrern, es gibt keine Wertschätzung mehr für unsere Arbeit.» Dabei sei das eine strenge und nicht sonderlich grosszügig entlöhnte Arbeit. Es gebe Tage mit 14-stündiger Dienstbereitschaft (mit entsprechenden Fahrpausen), viel Sonntags- und Nachtarbeit, am Wochenende mit Schichten von 22 bis 5 Uhr, nicht immer mit dem angenehmsten Publikum.

Der Dank dafür? «Als Chauffeur ist man in der untersten Kaste. Man bekommt nur eins auf den Deckel.» Wolle man diese Problematik mit Vorgesetzten besprechen, komme das mitunter nicht gut an. Der stete Druck setze den Fahrern zu und die Arbeitsmoral sinke.

Das Problem ist der Gewerkschaft VPOD bekannt. Bei Re­gionalsekretär Georg Munz ­häufen sich Meldungen wegen fehlender Anerkennung, wie er sagt. Weiter­gehend äussern will er sich nicht, da im Moment ­Gespräche mit der Stadtbus­Führung, unter anderem zu diesem Thema, stattfinden.

«Als Chauffeur ist man in der untersten Kaste. Man bekommt nur eins auf den Deckel.»Peter Schenk

Bei Stadtbus selber widerspricht man den Darstellungen. Die mit den Chauffeuren durchgeführten «Barometergespräche» zeugten von einer hohen Zufriedenheit, sagt Sprecher Reto Abderhalden; konkret seien rund 80 Prozent zufrieden oder sehr zufrieden. Der Sprecher bestätigt, dass es Veränderungen gegeben habe, formuliert diese aber anders: Zur Erreichung der vom Verkehrsverbund ZVV gesetzten Vorgaben seien die Vorgesetzten angehalten, «ihre Führungsrolle in verstärktem Ausmass wahrzunehmen».

«Daher werden gute Mitarbeiter gefördert, während Abweichungen von den Erwartungen im Sinne der laufenden Verbesserungsmassnahmen konsequent angegangen werden und notwendige Leistung mit Nachdruck eingefordert wird.»

Was Chauffeur Schenk betrifft, so sei dieser 2011 «mit allen üblichen Ehren» ordentlich pensioniert worden, namentlich mit einem Essen mit dem Vorgesetzten, Junge-Altstadt-Gutscheinen im Wert von 500 Franken, einem gravierten Kugelschreiber und einem Pensionierungsschreiben.

In den letzten Jahren habe der Fahrer, der «dem Betrieb stets kritisch gegenüberstand», als Aushilfschauffeur durchschnittlich nur noch 20 Prozent gearbeitet und schliesslich «von seinem Recht Gebrauch gemacht, sich im letzten Dezember an seinem ­einzigen Arbeitstag formlos vom Betrieb zu verabschieden».

Kader kann Chauffeure ­jederzeit bewerten

Was vielen Chauffeuren missfällt: Seit einiger Zeit können Kaderangestellte, wenn sie in einem Bus mitfahren, die Chauffeure jederzeit betriebsintern bewerten. Die Folge für die Fahrer können laut Schenk Rügen oder schlechte Mitarbeiterbeurteilungen sein. Da sei es nicht verwunderlich, dass viele Chauffeure schon nach kurzem wieder kündigten.

«Stadtbus hat weder einen Personalmangel noch ein Rekrutierungsproblem.»

Abderhalden bestätigt, dass 2016 ein solches Bewertungssystem eingeführt wurde, jedoch würden die Bewertungen mehrheitlich positiv ausfallen. Zweck des Systems sei es, die Leistung von Mitarbeitern aus Sicht des Fahrgastes zu bewerten. Dies soll bei der Verbesserung von Dingen helfen, die oft von Kunden beanstandet werden (zum Beispiel zu lautes Radio im Führerstand oder unvollständiges Tenue).

Die Einführung des Bewertungsmechanismus habe sich positiv ausgewirkt, so der Stadtbus-Sprecher, und schnell zu besseren Bewertungen geführt.

Keineswegs gebe es einen Exodus von Chauffeuren, betont Abderhalden: «Stadtbus hat weder einen Personalmangel noch ein Rekrutierungsproblem.» Von den derzeit 188 Fahrern (Anzahl Vollzeitstellen) hätten im letzten Jahr nur drei gekündigt, was als «unerhebliche Fluktuation» eingestuft werden dürfe.

Zu den Arbeitsbedingungen merkt der Stadtbus-Sprecher an, die 14-stündige Bereitschaft werde nur rund 25-mal jährlich eingefordert und die Nacht- und Sonntagsarbeit mit gesonderten Zulagen entschädigt. Die Chauffeure von Stadtbus sind in der Lohnklasse 7 eingeteilt und verdienen demzufolge zwischen 5300 und 7700 Franken monatlich; die durchschnittlichen Zu­lagen gibt man mit rund 300 Franken an.

(Der Landbote)

Erstellt: 27.02.2018, 18:05 Uhr

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