Gerichtsfall

Berührungen im Aufwachraum – Arzt freigesprochen

Hat ein Arzt aus dem Raum Winterthur seine narkotisierte Patientin begrabscht? Oder wurde er von seiner Mitarbeiterin bösartig verleumdet? Das Bezirksgericht hatte eine schwierige Entscheidung zu treffen – und war sich uneins.

Hat sich ein Arzt aus der Region an einer narkotisierten Patientin vergangen? Das Bezirksgericht war sich nicht einig.

Hat sich ein Arzt aus der Region an einer narkotisierten Patientin vergangen? Das Bezirksgericht war sich nicht einig. Bild: Keystone (Symbolbild)

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Dass er die betäubte Frau am Oberkörper berührt hat, ist unbestritten. Doch fasste der Arzt der 21-Jährigen «mit beiden Händen unter die Kleidung und massierte ihre Brüste», wie die Staatsanwaltschaft ihm vorwarf?

Oder hatte der Mediziner die junge Patientin, die nach der OP noch narkotisiert war, bloss «sanft zurück auf die Liege gedrückt», weil sie sich im Schlaf bewegte? Vor Bezirksgericht stand am Mittwoch Aussage gegen Aussage.

Es geht um die Existenz

Passiert ist die strittige Szene bereits 2016. Für den Mediziner hatte sie schon vor dem Urteil ernste Folgen: Gerüchte machten «wie ein Lauffeuer» die Runde. Weil ihm die Gesundheitsdirektion während Monaten verbot, weibliche Patienten zu narkotisieren, halbierten sich seine Einkünfte.

«Ich stiess sie mit einer Hand sanft auf die Liege zurück.»Der angeklagte Arzt

Die Fallhöhe war also gross: «Es geht für meinen Mandanten um nichts weniger als seine berufliche Existenz», betonte der Verteidiger.

Entsprechend hart wurde um jedes Detail gekämpft. War das mutmassliche Opfer «im Spaghettiträger-Top», wie die Staatsanwaltschaft schilderte? Oder trug sie vielmehr «ein Shirt mit V-Ausschnitt, ein grünes Jäckchen und eine Jacke mit Cargo-Print», wie die Verteidigung geltend machte? Der Verteidiger führte gestenreich vor, wie stark der Arzt sich hätte verrenken müssen, um die Frau so zu berühren, wie die Anklage beschreibt.

«Er hatte grosse Augen»

Zum kritischen Zeitpunkt war die Hauptzeugin, eine Praxisangestellte, in einem durch einen Schrank abgetrennten Teil des Raumes damit beschäftigt, Operationsbesteck zu reinigen. Eine Kollegin half ihr dabei. Dass der Arzt in den OP-Saal zurückgekehrt war, bemerkte die erfahrene Mitarbeiterin erst, als sie ihn am Bett stehen sah.

«Er war rot im Gesicht und hatte grosse Augen», gab sie bei der Befragung zu Protokoll. Mehrere Sekunden habe sie zugeschaut, bevor sie laut ausrief: «Was suchen Sie da?»

«Kreuzzug gegen Männer»

Der Verteidiger konzentrierte sich darauf, die Glaubwürdigkeit der Zeugin zu untergraben. Diese hatte sich unmittelbar nach dem Vorfall krankschreiben lassen. «Sie hatte bereits beschlossen, die Stelle zu wechseln, weil ihr die Arbeit zu stressig war», argumentierte der Verteidiger. Nach ihrer Entlassung habe sie eine hohe Entschädigung gefordert.

«Das Gericht kann nicht ausschliessen, dass die Zeugin eine Fehlinterpretation traf.»Corinne Schibli, 
Bezirksrichterin

Die Hauptzeugin habe mehrfach gelogen und dramatisiert, sagte der Verteidiger. Unter anderem habe sie behauptet, ihr Chef habe Patienten geschlagen, was alle anderen Mitarbeiterinnen kategorisch verneinten. Sie befinde sich auf einem «Kreuzzug gegen männliche Gewalt», wovon ihre «Facebook»-Seite zeuge. Beide Zeuginnen hätten den Arzt wiederholt als «Schwein» tituliert.

Der Staatsanwalt sah hingegen «keinerlei Motive» für eine Fehlaussage. Beide Praxisangestellten hätten am Ende ihre Arbeit verloren – zu einem Zeitpunkt, wo eine gerade erst ihre Stelle angetreten hatte und die andere einer Lohnerhöhung zugestimmt hatte.

Beide Frauen hätten übereinstimmend ausgesagt, dass der Arzt sich bei ihnen «tausendmal entschuldigt» und sie um eine «zweite Chance» gebeten habe. «Das ist die Reaktion von jemandem, der genau weiss, dass er etwas Falsches getan hat», sagte der Staatsanwalt.

Am Ende stand es 2 gegen 1

Das Gericht nahm sich für die Beratung den ganzen Nachmittag Zeit. Und fällte letztlich eine Mehrheitsentscheidung, zwei zu eins Richterstimmen. Und das Urteil lautete: nicht schuldig.

Es sei ein Entscheid «in dubio pro reo», sagte die Vorsitzende, Corinne Schibli. «Das Gericht geht nicht so weit, die Zeugin der bewussten Falschaussage zu bezichtigen. Doch es kann auch nicht ausschliessen, dass sie eine Fehlinterpretation traf.»

Dass sie dem Angeklagten nicht wohlgesonnen war, dafür sprechen die Vorwürfe wegen angeblicher Gewalt, aber auch die Tatsache, dass sie mit ihrem Chef früher am besagten Tag eine Auseinandersetzung über eine Überzeit-Abrechnung gehabt hatte.

Der Arzt habe sich allerdings «nicht sehr geschickt» verhalten: Statt die Situation zu klären, habe er den Raum wortlos und fast fluchtartig verlassen. Ein Mitglied des Gerichts glaubte deshalb nicht an seine Unschuld.

Ob die Staatsanwaltschaft und das mutmassliche Opfer Berufung einlegen wollen, ist noch unklar. Die Frau ist seit der Strafuntersuchung traumatisiert und hat Mühe, Ärzten zu vertrauen.

(Der Landbote)

Erstellt: 07.02.2018, 19:02 Uhr

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