Pensionierung

Berufsschulen steht Wechsel bevor

Zwei grosse Winterthurer Berufsschulen verlieren demnächst ihre Spitze. Der Rektor und die Rektorin werden pensioniert. Auch wenn sie einen sauber aufgeräumten Laden hinterlassen, so erwarten ihre Nachfolgerin und ihr Nachfolger grosse Baustellen.

Hanni Wipf, Rektorin des ZAG, und Paul Müller, Rektor der BFS, gehen Anfang nächsten Jahres in den Ruhestand.

Hanni Wipf, Rektorin des ZAG, und Paul Müller, Rektor der BFS, gehen Anfang nächsten Jahres in den Ruhestand. Bild: Madeleine Schoder

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Im kommenden Jahr werden die Rektorate aller drei kantonal geführten Berufsschulen in Winterthur neu besetzt. Die Rektorin des Zentrums für Ausbildung im Gesundheitswesen, Hanni Wipf, und der Rektor der Berufsfachschule Winterthur (BFS), Paul Müller, verabschieden sich bereits Anfang nächsten Jahres in den Ruhestand. Zeit für einen Rück- und einen Ausblick auf die Berufsbildungslandschaft Winterthur.

Der Zufall will es, dass Sie fast gleichzeitig pensioniert werden. Was hinterlassen Sie Ihrer Nachfolgerin beziehungsweise Ihrem Nachfolger?
Hanni Wipf: Das ZAG ist gut vorbereitet auf den Wechsel, auch auf der Führungsebene. Die grosse Herausforderung, nämlich das Wachstum des Zentrums, wird bestehen bleiben. In diesem Kontext müssen gewisse Dinge anders gestaltet werden, ich hoffe aber und wünsche meinem Nachfolger, dass er eine Kultur pflegen und behüten kann, die sich bewährt hat.

Paul Müller: Unsere Schule verfügt über hervorragende Abteilungsleiterinnen und -leiter. Ich könnte heute aufhören, und die Schule läuft. Auch bei uns herrscht ein gutes Klima, und ich hoffe, dass meine Nachfolgerin die Schule nach ihrem Gusto weiterentwickeln kann. Auch sie wird grosse Herausforderungen vorfinden, so wird aufgrund des Wachstums der Schule ein neuer Campus für die BFS und die benachbarte Kaufmännische Schule mit 36 Schulzimmern in Angriff genommen, der Bezug ist das Jahr 2023 oder 2024 geplant. Und mit dem voraussichtlichen Entscheid des Bildungsrates im Februar werden die Berufsschulen des ganzen Kantons Zürich in Richtung Kompetenzzentren umgestaltet.

Auch das ZAG wächst enorm, im Gesundheitswesen herrscht Personalnot. Spüren Sie den Druck, möglichst viele junge Leute auszubilden, um die Versorgungssicherheit zu garantieren?
Wipf: Der Druck ist von allen Seiten zu spüren: von der Politik, der Gesellschaft und den Ausbildungsstätten. Es gibt genug Bewerbende in der Aktivierung Höhere Fachschule (HF) und Orthopädie HF. Engpässe gibt es aber in der Pflege und auch in der Begleitung der Lernenden und Studierenden in der Praxis.

ZU DEN PERSONEN
Paul Müller studierte Germanistik, Pädagogik und Philosophie, arbeitete als Gymnasial- und Berufsschullehrer und Rektor an der Berufsschule Bülach und an der Schweizer Schule in Rom. Seit 2009 führt er die Berufsfachschule (BFS) mit Ausbildungsschwerpunkt Soziale Berufe und Detailhandel. Die BFS beschäftigt rund 200 Lehrpersonen und bildet jährlich 3800 Lernende aus. In seiner Zeit als Rektor haben rund 15000 Studierende und Lernende die Ausbildung durchlaufen.
Hanni Wipf Stengele ist ausgebildete Pflegefachfrau mit Weiterbildung in Pädagogik und Management. Sie baute 2005 das Zentrum für Ausbildung im Gesundheitswesen (ZAG) auf. Von anfänglich 350 Studierenden und Lernenden ist die Schule auf eine Zahl von rund 3000 Studierenden und Lernenden (Grundbildung und Vollzeitausbildungen HF) sowie 200 Lehrpersonen gewachsen. In ihrer Zeit haben rund 7000 angehende Gesundheitsfachleute die Aus- oder Weiterbildung absolviert. (kal)

Worauf sind Sie stolz, wenn Sie auf Ihre Zeit als Rektorin bzw. Rektor zurückblicken?
Müller: Wirhaben die sogenannte Doppelstruktur auf der Stufe Abteilungsleitung eingeführt.Das war – wie viele andere Entscheide auch – ein Gemeinschaftswerk von Schul- und Abteilungsleitung sowie Schulkommission. Das hat dem Klima und den Organisationsabläufen in unserer so stark wachsenden Schule gutgetan.

Wipf: Eine grosse Herausforderung war die Überführung von der Personalverordnung in die Mittelschul- und Berufsbildungsverordnung. Die Löhne der Lehrpersonen waren bis 2013 tiefer angesetzt, als jene der Kolleginnen und Kollegen in anderen Berufsschulen. Das konnten wir korrigieren. Und natürlich war der Aufbau des ZAG eine grosse Aufgabe, wir haben mit Erfolg 25 Schulen und damit 25 verschiedene Kulturen zu einem Zentrum zusammengeführt.

Es heisst, dass Fusionen oft an den unterschiedlichen Kulturen scheitern. Wie haben Sie sie geschafft?
Wipf: Bildlich gesprochen habe ich in meinem ganzen Berufsleben immer etwas zu grosse Schuhe angezogen und bin dann reingewachsen. Mein Erfolgsrezept ist wohl, dass ich nahe bei und mit den Leuten arbeite und nie glaube, alles selber bestimmen zu müssen. Gut gelungen ist uns auch die Zusammenarbeit in der Grundbildung und der höheren Fachschule sowie innerhalb der Ausbildungsprogramme. Es ist gut gekommen, wie wir rückblickend sagen können, auch dank den Mitarbeitenden der ersten ZAG-Stunden.

Wie haben Sie Ihre Rolle als Frau in der obersten Führungsetage erlebt?
Wipf: An sich war dies keine Besonderheit für mich. Was mich eher beschäftigt ist, dass viele Berufsschulen im Gesundheitswesen seit einigen Jahren mehrheitlich von Männern geführt werden. Was seltsam ist, waren die Pflege und viele Gesundheitsberufe doch von jeher von Frauen geprägt, denken Sie an die Oberinnen in den Klöstern.

Ihre Nachfolge ist männlich. Bedauern Sie das?
Wipf: Nein, mit Michael Steeg, zurzeit Abteilungsleiter HF am ZAG, wurde eine sehr gute Nachfolge gefunden. Der Bewerbungsprozess wurde von aussen begleitet. Ich war nicht in die Entscheide involviert. Ich freue mich aber, Michael Steeg die Rektorenaufgabe zu übergeben.

Die Nachfolge an der BFS weiblich, Herr Müller. Freut Sie das?
Müller: Ich war in das Wahlverfahren für meine Nachfolgeregelung nicht involviert. Dieses Geschäft hat eine Kommission, zusammengesetzt aus Mitgliedern der Schulkommission, einer Vertretung aus beiden Abteilungen und der Lehrerschaft, besorgt. Der Anteil der weiblichen Lernenden beträgt an der BFS Winterthur 88 Prozent, in der Lehrerschaft 80 Prozent, in der erweiterten Schulleitung beträgt das Verhältnis 3:1 zugunsten der Frauen. Insofern erstaunt es mich nicht, dass sich auch eine erhebliche Anzahl von Frauen für die Nachfolge interessiert hat. In erster Linie waren es aber wohl die fachlichen und menschlichen Qualitäten, die das Gremium von meiner Nachfolgerin Judith Conrad zu überzeugen vermochten.

Ist die Berufsbildungslandschaft Winterthur aus Ihrer Sicht gut aufgestellt?
Wipf: Unser Angebot ist sehr vielfältig, vom KV über das gewerblich-industrielle oder das Automobilfach bis zum Bereich Gesundheit und Soziales hat Winterthur ein grosses Angebot. Winterthur hat sich im kantonalen Vergleich zu einem wichtigen Standort entwickelt. Wir sagen nicht ohne Grund: Winterthur ist eine Bildungsstadt.

Müller: Winterthur hat als Mitglied der kantonalen Rektorinnen- und Rektorenkonferenz (KRP), welche die Zukunft der Berufsbildung entwickelt und koordiniert, grossen Einfluss.

Das ZAG soll nun im Rahmen der Kompetenz-Verlagerungen eine weitere Berufsgruppe, die Dentalassistentinnen, ausbilden. Die BFS soll sich den Ausbildungszweig Fachperson Betreuung (FaBe) mit Horgen teilen, gewinnt dafür als Standort für die Detailhandelsausbildung an Gewicht. Als Vertretende dieser Schulen sind Sie zufrieden. Konnten Sie, Herr Müller, zugunsten Ihrer Schule wirken, weil sie im Steuerungsausschuss an dieser Verlagerung mitgearbeitet haben?
Müller: Das glaube ich nicht. Ich verstehe mich in dieser Rolle als Hüter der Regelung. Als Rektor habe ich – wie alle anderen Schulleitungen für ihre Schulen – die Anliegen der BFS eingebracht, als Mitglied des Steuerungsausschusses habe ich darauf hingewirkt, dass wir die daraus resultierende Entscheidung konsequent umsetzen. Der Vorschlag zur Reorganisation, der rund 315 Klassen im ganzen Kanton betrifft, ist hoch komplex, und es dauerte fast 20 Jahre, bis zum heutigen Plan, der im Grundsatz alle Beteiligten überzeugt.

Die Berufsbildungsschule BBW, die Lehren im gewerblich-industriellen Bereich anbietet, ist aber nicht zufrieden mit einzelnen Verlagerungen. Sie will sich wehren, weil ihr mehrere Berufsfelder an die Gewerbeschule in Wetzikon abzuwandern drohen. Können Sie die Unzufriedenheit verstehen?
Müller: Die Sicht des Rektors der BBW, der nun wie ein Löwe für den Bestand seiner Schule kämpft, kann ich nachvollziehen. Aber die Rochade ist eine Konsequenz der nun beschlossenen Strategie, die ja nicht umstritten ist. Wo es zu wenige Klassen für eine Berufsrichtung gibt, sollen sie an einem einzigen Standort zusammengezogen werden. Zwei Klassen einer Berufsgruppe zu unterrichten, ist nicht wirtschaftlich, es braucht mindestens vier Klassen pro Beruf und Jahrgang, damit sich die bestehenden Strukturen an einer Schule rechnen. Die starren Stellenpläne waren bisher nicht auf das Wachstum der Schulen ausgerichtet. Wer also wenige Klassen hat, hat diese zulasten der Schulen, welche im Wachsen begriffen sind, geführt.

Was sind Ihre Zukunftspläne nach der offiziellen Verabschiedung Anfang 2020?
Wipf: Zurzeit möchte ich meinen neuen Lebensabschnitt noch nicht verplanen. Ich werde aber sicher neue Aufgaben finden.

Müller: Unter anderem habe ich zwei Vorhaben für die Zeit nach der Pensionierung: Aussehen wie Tom Petty und Gitarre spielen wie Terje Rypdal.

Erstellt: 09.09.2019, 17:09 Uhr

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