Gedanken zum Feiertag

Beten – eine Geschmacksache!?

Zum Bettag macht der katholische Pfarrer Stefan Staubli Werbung fürs Beten und lädt dazu ein, wieder einmal ein Gebet auszuprobieren. Vielleicht kommt man ja auf den Geschmack.

Beten am Bettag – je nach Gusto mit verschränkten oder gefalteten Händen.

Beten am Bettag – je nach Gusto mit verschränkten oder gefalteten Händen. Bild: Fabienne Andreoli

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Für manche Dinge des Lebens müssen wir erst auf den Geschmack kommen beziehungsweise gebracht werden. So habe ich gelernt, dass Gemüse nicht nur gesund, sondern auch gut sein kann. Und ja, den Wert von einem Waldspaziergang lernte ich auch erst in späteren Jahren kennen. Zudem stelle ich fest, dass sich der eigene Geschmack verändert im Laufe des Lebens, und mein betagter Vater leidet bisweilen darunter, dass ihm ein Teil des Geschmackssinnes abhandengekommen ist, und viele Speisen inzwischen gleich schmecken beziehungsweise für ihn ihren Geschmack gänzlich verloren haben.

Stimmt meine Behauptung, dass der Glaube und das Beten (als ein zentraler Ausdruck gelebten Glaubens) für viele seinen Geschmack verändert und manchmal verloren hat? Was das Beten betrifft, hoffe ich sogar, dass wir nicht bei den Kindergebeten stehen geblieben sind. Was aber, wenn wir mit den kindlichen Gebetsworten und Gottesbildern auch gleich den Geschmack am Beten überhaupt verloren haben? Lässt sich (auch) dieser Geschmackssinn reaktivieren, reanimieren?

Die Auswahl an Gebetsformen ist riesig. Eigentlich sollte es für jeden Geschmack etwas dabei haben – was aber, wenn der nötige Appetit fehlt, abhandengekommen ist?

Zunächst hilft vielleicht die Feststellung, dass das Beten eine Geschmackssache ist, das heisst, ganz verschiedene Stile oder eben Geschmacksnoten anzubieten hat. Das Ausprobieren kann also ein Weg sein! Oder ist das keine bunte Vielfalt: vom strengen gregorianischen Choral bis zum enthusiastischen Lobpreisgebet, vom wortlosen Anzünden einer Kerze bis zum mantramässigen Rosenkranzgebet, vom biblisch getragenen Psalmengebet bis zum freien Stossgebet und Hallelujaruf, von gefalteten Händen bis zum Singen religiöser Lieder … und wieso nicht vom exotisch angehauchten Trommelritual bis zum charismatischen Heilungsritual?! Die Auswahl an Gebetsformen ist riesig. Eigentlich sollte es für jeden Geschmack etwas dabei haben – was aber, wenn der nötige Appetit fehlt, abhandengekommen ist?

Gebetet wird in allen Religionen

Vielleicht hilft einigen nur schon der Hinweis, dass Beten nicht mit frommen Worten beginnt und von Weihrauch- und Kerzenduft begleitet sein muss. Und manchmal geht’s auch ganz ohne Worte.

Von Frère Roger, dem 2005 verstorbenen Gründer jener ökumenischen Klostergemeinschaft in Taizé, die bis heute nichts von ihrer Anziehungskraft verloren hat, gibt es das Zeugnis: «Ich wüsste nicht, wie ich ohne den Leib beten könnte… Zu manchen Zeiten habe ich den Eindruck, dass ich mehr mit dem Leib als mit meinem Verstand (und Worten) bete. Ein Gebet auf der blanken Erde: niederknien, sich niederwerfen.»

Die multikulturelle und interreligiöse Moderne zeigt sich hierbei nicht nur als Problem, vielmehr als gegenseitige Bereicherung und Bestätigung; denn gebetet wird in allen Religionen. So gibt es im grössten Spital in Wien eine sogenannte interreligiöse Meile, wo die vier Konfessionen beziehungsweise Religionen von evangelischen und katholischen Christen, Judentum und Islam je einen Gebetsraum haben und entsprechende seelsorgerische Angebote.

Aber es muss ja weiss Gott kein Spitalbesuch sein, um neu auf den Geschmack zu kommen und es mit einem beherzten, durchaus fragenden Dankgebet zu probieren. Etwa mit diesen Worten des Dichters Arnold Schönberg:

«O, du mein Gott: Alle Völker preisen dich und versichern dich ihrer Ergebenheit. Was aber kann es dir bedeuten, ob ich das auch tue oder nicht? Wer bin ich, dass ich glauben soll, mein Gebet sei eine Notwendigkeit?

Und trotzdem bete ich, wie alles Lebende betet; trotzdem erbitte ich Gnaden und Wunder; Erfüllungen. Trotzdem bete ich, denn ich will nicht des beseligenden Gefühls der Einigkeit, der Vereinigung mit dir, verlustig werden.

O du mein Gott, deine Gnade hat uns das Gebet gelassen, als eine Verbindung, eine beseligende Verbindung mit Dir. Als eine Seligkeit, die uns mehr gibt als jede Erfüllung.»

Ökumenisches Hügelgebet: am Eidgenössischen Dank-, Buss und Bettag, 15. September, 15 Uhr, Heiligberg in Winterthur, im Rosengarten des Schulhauses (bei jeder Witterung), organisiert von der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen Winterthur AGCK.

Erstellt: 13.09.2019, 12:19 Uhr

Zur Person: Stefan Staubli (Jahrgang 1962), ist seit 10 Jahren katholischer Pfarrer in St. Peter und Paul und in St. Marien, Winterthur. (Bild: PD)

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