Politik und Religion

«‹Bible Belt› ist übertrieben»

Ein Religionssoziologe sagt, wie stark sich die Freikirchen politisiert haben und wie er sich deren Übervertretung im Winterthurer Parlament erklärt.

Prof. Jörg Stolz ist Religionssoziologe an der Universität Lausanne.

Prof. Jörg Stolz ist Religionssoziologe an der Universität Lausanne. Bild: zvg

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Herr Stolz, welches Ergebnis der Online-Umfrage im Winterthurer Parlament hat Sie am meisten erstaunt?
Jörg Stolz*: Bemerkenswert ist sicher, dass die Mitglieder evangelikaler Freikirchen mit rund 12 Prozent klar übervertreten sind. Schweizweit liegt der Anteil Evangelikaler in der Bevölkerung bei knapp zwei Prozent. Je nach Region kann der Anteil bis 5 Prozent ausmachen; auch der Kanton Zürich und die Region Winterthur gehören zu den Regionen mit hohem Evangelikalen-Anteil. Aber auch so ergibt sich eine Übervertretung der Evangelikalen im Parlament.

Was lässt sich daraus schliessen?
Wahrscheinlich nur, dass die Freikirchenmitglieder in Winterthur sich politisch besonders häufig engagieren. Vielleicht auch, dass sie besonders gut organisiert, vernetzt und engagiert sind, zum Beispiel unter dem Dach der Evangelischen Allianz.

Gilt Winterthur und die Region auch unter Wissenschaftlern als «Bible Belt»?
Die Rede vom Schweizer «Bible Belt» ist übertrieben. Aber es stimmt, dass es eine erhöhte Konzentration Evangelikaler in den nördlichen Kantonen der Schweiz gibt. Hierzu gehört auch der Kanton Zürich.

Stadt, Landes- und Freikirchen arbeiten in diversen sozialen Bereichen zusammen. Die freikirchlich geprägten Stiftungen und Sozialwerke sind stark. Ist das in andern Städten auch so?
Traditionell eng sind die Partnerschaften zwischen dem Staat und den beiden Landeskirchen. Schweizweit beobachten wir aber den Trend, dass der Staat sich mit der zunehmenden Säkularisierung und Pluralisierung der Gesellschaft dieses Band etwas lockert und vermehrt auch mit anderen religiösen Organisationen zusammenarbeitet. Das können auch Freikirchen sein, die zudem immer häufiger eine staatliche Anerkennung fordern. Sie wollen das Sektenimage ablegen, sich gesellschaftlich öffnen . . .

«Evangelikale sind politisch sicher aktiver als etwa Buddhisten oder Muslime.»

. . . und sich stärker politisieren?
Vielleicht ein bisschen. Evangelikale sind politisch sicher aktiver als etwa Buddhisten oder Muslime. Aber ein politischer Machtfaktor wie in den USA, wo sie etwa 30 Prozent ausmachen, sind sie hier sicher nicht. Nur: Während die Landeskirchen laufend Mitglieder verloren haben, sind die Freikirchen leicht gewachsen oder stabil geblieben. Insofern hat sich das Machtverhältnis schon etwas verschoben.

Jeder dritte Gemeinderat glaubt, dass Freikirchen, Verwaltung und Politik in Winterthur zu eng verflochten sind.
Der Einfluss der Freikirchen scheint ein Thema zu sein. Entscheidend ist: Wenn die Freikirchen mehr staatliche und gesellschaftliche Anerkennung wollen, müssen sie transparent sein. Die Positionen und Interessen gehören auf den Tisch. Aber es ist nicht so, dass die Evangelikalen alle die gleichen politischen Positionen vertreten würden. In der Frage der Gleichberechtigung der Frau gibt es zum Beispiel einen klassischen Generationenkonflikt, die Jungen sind hier offener als die Älteren. Diese Pluralität widerspiegelt sich auch in Ihrer Umfrage. Es scheint zumindest nicht einen Freikirchenblock zu geben, der mit einer Stimme spricht. Die Mitglieder sind in verschiedenen Parteien.

Auch gegenüber dem Islam ist deren Haltung recht aufgeschlossen. Die meisten sind gegen ein Minarettverbot.
Auch in diesen Fragen sind die Freikirchen gespalten. Die EDU zum Beispiel hat die Minarettinitiative mitlanciert, die Evangelische Allianz aber war dagegen. Erstaunlich fand ich in Ihrer Umfrage die sehr liberale Haltung einer grossen Mehrheit. 80 Prozent sind gegen das Minarettverbot. Das ist ein hoher Wert, der wohl etwas tiefer wäre, wenn alle CVPler und SVPler teilgenommen hätten.

Auffällig hoch ist mit 47 Prozent der Anteil Reformierter.Stadtweit sind es 31 Prozent . . .
Winterthur und der Kanton Zürich sind traditionell reformiert. Entsprechend stark verwurzelt ist das Milieu nach wie vor, das sich politisch und gesellschaftlich engagiert und so nach aussen auftritt. Vielleicht könnte man die Mehrheit der Winterthurer Gemeinderäte zur sogenannten Gruppe der Distanzierten zählen: Diese sind oft nicht besonders gläubig, stehen aber zur Landeskirche als Institution mit einer karitativen Rolle. Ein Widerspruch aber bleibt bestehen . . .

Nämlich?
Viele Befragte befürworten gleichzeitig eine strikte Trennung von Kirche und Staat und die Kirchensteuerpflicht für Firmen. Das widerspricht sich rein logisch.

(Der Landbote)

Erstellt: 29.12.2017, 10:00 Uhr

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