Winterthur

«Bierduelle sind nicht selten»

Eric Rhyner und Pascal Graf von der Studentenverbindung «FHV Turania» übers Trinken, Frauen und Verbindungsnamen.

Unter Farbenbrüdern fürs Leben lernen und Kontakte knüpfen: Pascal Graf und Eric Rhyner von der Verbindung FHV Turania.

Unter Farbenbrüdern fürs Leben lernen und Kontakte knüpfen: Pascal Graf und Eric Rhyner von der Verbindung FHV Turania. Bild: Madeleine Schoder

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Um Studentenverbindungen ranken sich viele Mythen. Von amerikanisch-exzessiven College-Partys zu rechtsgesinnten Burschenschaften in Deutschland. Wo steht die FHV Turania?
Eric Rhyner: Bei Studentenverbindungen gibt es zwei grosse Traditionen. Unsere Verbindung basiert auf dem deutschen Modell. Das erkennt man daran, dass die Burschen mit Mützen unterwegs sind. Die amerikanischen «Fraternities» und «Sororities» entstammen dem griechischen Modell. Dort geht es vor allem ums Feste feiern, so wie man es aus den Filmen kennt. Uns ist das Zusammensein und voneinander lernen wichtiger.

Pascal Graf: Aber wir trinken auch an unserem Stamm. Und da gibt es nicht selten Bierduelle.

Bierduelle? Das müssen Sie genauer erklären.
Graf: Ein Bierduell findet beispielsweise statt, wenn zwei sich endlos über ein Thema streiten. Wenn dann einer «Bierjunge!» sagt, fordert er ihn heraus. Mit der Antwort «Sitzt» ist die Herausforderung angenommen. Ein Bierrichter bestimmt das sogenannte Lösungswort, dann trinken beide auf ex. Wer zuerst sein Bier leert und das Lösungswort korrekt gesagt hat, der gewinnt und hat recht.

Ihr seid in einer Verbindung, um Bierduelle zu gewinnen?
Graf: Ich würde sagen, wir sind nicht trinkfreudiger als andere Vereine wie der Turnverein oder der Fussballclub. Der einzige Unterschied ist, dass wir einen «Trink-Komment» haben, also ein Regelwerk, das uns vorgibt wann und was wir trinken dürfen.

Rhyner: Uns ist wichtiger, dass wir lernen, wie wir uns in der Arbeitswelt verhalten sollen. Die Altherren können uns hier viel Tipps geben.

Inwiefern?
Graf: Dank ihnen habe ich beispielsweise einen Ferien- und Studentenjob. Viele meiner besten Freunde habe ich in der Verbindung kennengelernt.

Wie wird man bei euch Mitglied?
Rhyner: Wenn jemand interessiert ist und schon an einem Stamm war, unserem wöchentlichen Treffen im Brauhaus, schreibt er auf seinen Bierdeckel ein Beitrittsgesuch. An einem unserer nächsten Stämme muss der Neuling sich vor versammelter Mannschaft vorstellen. Wenn er in die Verbindung passt, erhält er einen sogenannten Spefuxenvulgo, den vorläufigen Verbindungsnamen. Dann ist er Spefuxe. Dort lernt er die grundlegenden Verhaltensregeln der Verbindung kennen, wie beispielsweise den Trink-Komment.

Und wann wird man zum Vollmitglied?
Rhyner: Erst nach zwei Semestern als Fux kann er zum Vollmitglied werden. Bei vielen Verbindungen ist die Taufe ein fixer Termin im Herbstsemester, bei dem alle neuen Studenten aufgenommen werden. An der sogenannten Burschenprüfung muss der Neuling uns Red und Antwort stehen.

Was passiert dann?
Graf: Der Fux muss beweisen, dass er die Verbindung kennt. Sobald er die Prüfung bestanden hat, wird er zum Burschen und erhält seinen richtigen Verbindungsnamen. Die Taufe selbst ist Verbindungsgeheimnis. Eine Mutprobe, wie man es aus den Filmen kennt, gibt es bei uns nicht.

Was hat es mit den Verbindungsnamen auf sich?
Graf: Die Namen stammen aus der Zeit, als noch gefochten wurde. Früher wurden Studenten auf der Strasse immer wieder ausgeraubt. Darum hat man ihnen irgendwann erlaubt, ein Rapier — eine Art Degen — zu tragen, um sich zu verteidigen. Die Verbindungen haben dann begonnen, sich gegenseitig zu duellieren, obwohl es immer weniger notwendig war, sich vor Räubern zu verteidigen. Die Verbindungsnamen waren dann als Tarnung und Schutz gedacht: Hätte jemand eine Liste von Duellanten gefunden, bei der zwei Familiennamen drauf standen, wären diejenigen sofort exmatrikuliert worden.

Was ist der Unterschied zwischen Fuxen, Burschen und Altherren?
Rhyner: Der Fux ist ein vorläufiges Mitglied, er befindet sich sozusagen in seiner Lernzeit. In dieser Zeit stellt er den reibungslosen Ablauf des wöchentlichen Stamms sicher. Und er holt den Burschen Bier oder kauft für sie Zigaretten ein. Burschen sind Vollmitglieder. Fuxen und Burschen zusammen heissen Aktivitas, wir sind momentan 13. Die Altherren sind alle ehemalige Studenten, die im Studium in der Verbindung waren, davon haben wir über 150.

Früher waren Studentenverbindungen nur für Männer. Heute gibt es immer mehr gemischte Verbindungen. Wieso nehmt ihr keine Frauen auf?
Graf: Frauen dürfen sich per Statut schon bei uns bewerben. Aber wir haben bis jetzt keine aufgenommen.

Rhyner: Das hat mit Tradition zu tun. Am Technikum, wo unsere Verbindung ihren Ursprung hat, haben lange nur Männer studiert. Man war unter sich und als dann die erste Frau ans Tech kam war das schon ein Riesending. Andererseits können wir unter Männern einfach freier sein, uns auch mal blöd verhalten. Das ginge mit Frauen nicht.

Wenn Verbindungen gerade so wichtig fürs Berufsleben sind, dann ist es doch diskriminierend, Frauen davon auszuschliessen.
Graf: Vielleicht muss man es auch so sehen: Schaut man sich einen 125-jährigen Männerchor an, dann ist dort auch klar, dass dies nunmal ein Männerchor ist. Das Angebot ist ja gross und es gibt auch noch gemischte und Frauenchöre. So ist es auch bei uns.

Rhyner: Wenn sich interessierte Frauen bei uns melden, sind sie natürlich gern gesehene Gäste. Wir vermitteln sie dann weiter an die AV Filetia, die erste Frauenverbindung an der Uni Zürich.

Studentenverbindungen gelten bei vielen als konservativ und elitär.
Graf: Das kommt vor allem aus Deutschland. Man spricht dann meistens von Deutschen Burschenschaften, die braunes Gedankengut in sich tragen. Das habe ich auch schon erlebt. Es gibt aber auch viele Verbindungen, die sich dagegen stellen. In der Schweiz ist es eher so, dass man das Traditionelle lebt. Das finde ich schön. Es wäre schade, wenn man etwas über den Haufen wirft, nur weil man das Gefühl hat, es sei veraltet.

Wollen junge Studenten überhaupt noch bei euch mitmachen?
Rhyner: Wir merken schon, dass der Nachwuchs etwas nachlässt, aber das spüren ja alle Vereine. Einfach, weil das Angebot heute so gross ist.

Graf: Im letzten Jahr haben wir mit mir fünf neue Studenten aufgenommen. Diese grosse Zahl freut uns.

Erstellt: 28.06.2018, 15:59 Uhr

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