Winterthur

Bis das Handy zum Fastenbrechen ruft

Seit 20 Tagen ist Ramadan, der Fastenmonat der Muslime. Um Vorurteile abzubauen und sich auszutauschen, laden muslimische Familien zum abendlichen Fastenbrechen ein.

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Immer wieder schaut jemand verstohlen auf das Mobiltelefon. In der Küche beginnt die Mutter zu hantieren, es klirrt und klappert und ein feiner Geruch breitet sich aus. Bald ist es soweit. Auf der Terasse der sechsköpfigen Familie Solmaz in Wülflingen. sitzen an diesem Abend Gäste: Das ehemalige Ärzteehepaar Elke und Beat Dejung, beide in den 80ern. Die Einladung zum Essen ist eine besondere.

Den ganzen Tag, fast 18 Stunden, hat die Familie nichts gegessen. Es ist Ramadan, der Fastenmonat der Muslime. Bald, um exakt 21. 32 Uhr ist es endlich soweit: Das Fastenbrechen beginnt - mit einer Dattel. Die muslimischen Gastgeber halten vor dem Verzehr kurz inne, die eine Hand leicht geöffnet mit der Handfläche nach oben, die Augen geschlossen, murmeln sie ein kurzes Dankesgebet an Allah.

«Eine Diät ist schwieriger»

In Ländern mit einem Muezzin, erinnert dessen Ruf jeden Morgen und Abend an den Beginn und das Ende des Fastens. In Wülflingen übernimmt diese Aufgabe eine App auf dem Handy. Der Tisch ist brechend voll mit Köstlichkeiten aus der Heimat der Familie, Anatolien in der Türkei. Jedes Gericht ist von Mutter Sevgi frisch zubereitet worden. «Nein, ein solches Festessen gibt es nicht jeden Abend», gibt sie zu und lacht. Noch bis am 5. Juli dauert der Ramadan an.

Dieses Jahr fällt er auf die längsten Tage im Jahr, eine Herausforderung. Das sei Gewöhnungssache, sagt Kübra Solmaz, die jüngere Tochter. Jeden Tag werde es einfacher. «Eine Diät einzuhalten, fällt mir viel schwerer», gibt sie lachend zu. Am meisten macht ihr der Flüssigkeitsmangel beim Lernen auf die Prüfungen zu schaffen. Die 24-Jährige studiert im vierten Semester Pharmazie. Ihre ältere Schwester, Bü?ra, hat das Wirtschafts-Studium bereits beendet und arbeitet nun in einem der Schmuckläden des Vaters. Bü?ras Mann, Enes Yilmaz, studiert Psychologie, der jüngere Bruder schliesst gerade seine Matura ab. Die Familie Solmaz ist ein authentisches, erfrischend herzliches Musterbespiel der gelungenen Integration. Darauf angesprochen, danken sie herzlich.

Grosses Interesse

Den Besuch eingefädelt hat Özcan Özdemir. Er und seine Frau sind beim konfessionslosen Dialog Institut Zürich ehrenamtlich tätig. Dort gibt es die Möglichkeit bei muslimischen Familie ein abendliches Fastenbrechen ganz privat zu erleben schon länger. Das Ehepaar Özdemir brachte das Projekt dieses Jahr nach Winterthur. Das Echo war gross: Über 40 Leute haben sich angemeldet, diese werden auf neun Familien verteilt. Özdemir plant nun in Winterthur einen offiziellen Ableger des Dialog Instituts zu gründen., um weitere, ähnliche Projekte zu fördern. 

Die Gesprächskultur während des Besuchs ist offen, auch heikle Themen werden angeschnitten: Ob Erdogan, Jihadismus in Winterthur oder die Minarett-Initiative. Beim Thema Kopftuch wird es persönlicher. Sowohl die Mutter, Sevgi, wie auch die beiden Töchter haben sich erst spät für das Tragen des Kopftuchs entschieden. Der Entscheid sei eine natürliche Konsequenz ihres Glaubens gewesen, sagt Kübra.

Gegen Intoleranz

Vater Ali Solmaz ist 1980 in die Schweiz gekommen und begann kurz darauf bei Rieter zu arbeiten. Eigentlich wollte er danach zurück in die Türkei. Doch seiner Frau gefiel es in der Schweiz, sie wollte bleiben. Also blieben sie. Und statt in die Heimat zurückzukehren, machte sich Ali mit seinem ersten Schmuck- und Goldgeschäft in St. Gallen selbstständig. Mittlerweile besitzt er mehrere Läden in verschiedenen Städten. Dem erfolgreichen Unternehmer ist es ein grosses Anliegen, dass die Bevölkerung die muslimische Minderheit in der Schweiz besser kennenlernen kann. «Direkter Kontakt, ist das beste Mittel gegen Intoleranz», sagt der 52-Jährige.

Grundsätzlich werde er als Muslim akzeptiert, erzählt der 21-jährige Fatih. Aber: «Die Unwissenheit der Leute erschreckt mich manchmal», sagt er. Wenn Leute den Unterschied zwischen Muslim und Islamist nicht kennen, werde es schwierig. Und genau darum seien solche Austausche, wie an diesem Abend wichtig. Nachdem die Familie den Gästen noch ein Geschenk überreicht hat, endet der Besuch mit einer Gegeneinladung der Dejungs. «Vielen Dank, wir kommen sehr gerne».

Erstellt: 24.06.2016, 18:39 Uhr

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