Winterthur

Bis zu 3.50 Franken: Wirte kassieren immer mehr

Etwa jede dritte Gaststätte ­verlangt mittlerweile Geld für ein Glas Leitungswasser, einzelne Betriebe verrechnen drei Franken und mehr. Die Wirte argumentieren mit den Kosten.

Kundenservice oder Verkaufsartikel: Die Einstellung der Wirte zum Leitungswasser ist verschieden.

Kundenservice oder Verkaufsartikel: Die Einstellung der Wirte zum Leitungswasser ist verschieden. Bild: Johanna Bossart

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Kaum ein Thema polarisiert in der Gastronomie mehr als die Frage: Darf Leitungswasser etwas kosten oder nicht? Für die einen – Wirte wie Gäste – ist das Gratiswasser zum Essen ein selbstverständlicher Service. Andere halten die Bestellung von Leitungswasser für eine unanständige Preisdrücke­rei seitens der Gäste.Die Wirte dürfen für das Wasser verlangen, was sie wollen – es gibt keine Vorschriften. Wie eine kleine Umfrage zeigt, ist die Praxis in Winterthur nicht einheitlich, im Gegenteil: Von «immer gratis» bis hin zu Mineralwasserpreisen ist alles zu finden.

Von den angefragten 30 Betrieben verrechnen zwei Drittel nichts für Leitungswasser, wenn es zusammen mit einer Speise oder einem Dessert bestellt wird (siehe Tabelle). Einige Betriebe verlangen viel Geld (3.00 bis 3.50 Franken), andere einen mittleren Betrag (1.00 bis 1.50 Franken).

«Wasser ist für alle da»

Nicht wenige Restaurants versuchen sich mit «Mischmodellen». Beispielsweise verlangen sie Geld, wenn man Leitungswasser beim Kellner bestellt, jedoch keines, wenn man sich selbst bedient (Negishi), oder sie verrechnen erst das zweite Glas (Cappuccino). Eine weitere Möglichkeit ist das Modell «Züri-Wasser» (ZH20): Man verlangt Geld, spendet aber einen Teil an Hilfsprojekte (Restaurant Goldenberg).

So unterschiedlich wie die Preise fallen die Kommentare ­dazu aus. Gratiswasser, «im Sommer oft mit frischer Pfefferminze», sei eine «Dienstleistung an die Kundschaft», heisst es beim Restaurant Salitre. «Wasser ist für alle da», erklärt man beim Concordia die Hauspolitik, und die Spaghetti Factory versichert: «Leitungswasser war und wird immer kostenlos sein.»

«Ausgaben für Wasser, ­Waschmittel und Strom»

Gaststätten, die Geld verlangen, begründen dies mit den Kosten, die im Betrieb anfallen, wenn Wasser ausgeschenkt wird. Glas und Karaffe müssten gewaschen werden, heisst es beim Restaurant Buon Gusto, und das brauche Wasser, Waschmittel und Strom. Pergola-Wirt Mentor Desku führt die allgemeinen Kosten in der Gastronomie an; der Strom werde immer teurer, die Nutzung der Fläche auf dem Trottoir koste Geld. «Man muss die Wirte verstehen. Wir müssen unsere Kosten decken.» Ähnlich äussert sich Christian Oklé von Alltag und Kafisatz. Der Preis für das Leitungswasser decke die Kosten für Service, Abwasch, WLAN und Zeitungen. «Diese Kosten fallen auf jeden Fall an, egal ob jemand Cola oder Leitungswasser trinkt.» Beim Restaurant Strauss heisst es knapp, man müsse die «betrieblichen Unkosten» decken.

Etliche Wirte tun sich schwer mit der Tarifierung. So würde sich Donato Trivisano von der Locanda Trivisano eine Vorgabe des Wirteverbandes wünschen, auf die er sich be­ziehen könnte. Verschiedentlich berichtet man von teils heftigen Gästereaktionen.

Die Verlockung, das Leitungswasser zu verrechnen, ist für die Wirte darum so gross, weil ihre Marge bei Getränken in der Regel höher ist als bei Speisen. Verzichtet der Kunde auf den Softdrink oder das Mineralwasser zu den Spaghetti, schrumpft der Verdienst des Gastgebers deutlich.

Grosse Preisspannebeim Café crème

Wie die Umfrage auch zeigt, ist die Preisspanne beim Café crème sehr gross; bei der Stange Bier ist sie etwas geringer. Am teuersten ist der Kaffee im Schloss Wülflingen (5.90 Franken). Hier teilt man mit, es würden dazu zwei Frian­dises, also Leckereien, gereicht. Mit einem Durchschnittspreis von 4.39 Franken ist der Kaffee in Winterthur (bei den befragten, teils eher hochpreisigen Restaurants) gleich teuer wie in der Stadt Zürich; dort gibt der Cafetierverband einen Mittelwert von 4.38 Franken an.

Erstellt: 28.08.2016, 15:45 Uhr

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Konsumentenschutz

Den Preis auf der Speisekarte angeben

Ein Glas Leitungswasser sollte zu einem Menü gratis abgegeben werden, findet man bei der Stiftung für Konsumentenschutz. Falls aber Geld verlangt wird, sei zumindest der Preis auf der Speise- oder Getränkekarte zu deklarieren beziehungsweise der Gast bei der Bestellung auf die Kosten hinzuweisen.
In Winterthur machen einzelne Wirte ausführliche Angaben. Im Restaurant Trivisano heisst es auf einem Zettel: «Um möglichen Missverständnissen vor­zubeugen, möchten wir Ihnen gerne unsere Wasserphilosophie erläutern.» Es folgen genaue Ausführungen dazu, wofür der Betrieb etwas verrechnet, wofür nicht und warum.
Manche Wirte verzichten dagegen bewusst auf eine Preis­deklaration, um im Einzelfall mit «Fingerspitzengefühl» handeln zu können. Konkret heisst das: Sie geben das Leitungswasser gratis ab, wenn jemand viel konsumiert, und verrechnen etwas, wenn wenig bestellt wird – eine Art Mengenrabatt. So heisst es zum Beispiel bei der Outback Lodge am Lagerplatz, man «müsste wohl etwas verlangen», wenn ein Glas Leitungswasser zur Hühnerbrust bestellt wird; ­festgelegt sei das nicht. (gu)

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