Winterthur

«Bis zur Lohngleichheit dauert es noch mehr als 80 Jahre»

Die Teilnehmerinnen am Podium über Lohnungleichheit waren sich einig: Der Weg ist noch weit. Und ohne Druck passiert gar nichts.

Die Lohnmobil macht noch bis Sonntag auf dem Vorplatz der Archhöfe halt. Die Wanderausstellung informiert über das Thema Lohngleichheit.

Die Lohnmobil macht noch bis Sonntag auf dem Vorplatz der Archhöfe halt. Die Wanderausstellung informiert über das Thema Lohngleichheit. Bild: Nathalie Guinand

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Mann und Frau haben Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit, so steht es in der Bundesverfassung. Doch auch nach 35 Jahren ist das Ziel noch nicht erreicht. Dies zeigt eine kürzlich veröffentlichte Studie des Kantons Zürich. Bei gleicher Arbeit und vergleichbaren Qualifikationen verdienen Frauen immer noch durchschnittlich 8,7 Prozent weniger als Männer, das sind monatlich rund 680 Franken.

Konservatives Rollenbild

«Noch vor ein paar Jahren hiess es, das Problem der Lohnungleichheit sei erkannt und die Unternehmen würden es angehen — aber bitte freiwillig», sagt Andrea Gisler, Präsidentin der Frauenzentrale Zürich. In letzter Zeit sei es jedoch en vogue geworden sogar die Zahlen, die die Lohndiskriminierung belegen, anzuzweifeln. Gisler war eine von vier Frauen, die am Mittwoch im Restaurant Wartmann anlässlich eines Podiums über die Frage «Lohn — eine Frage des Geschlechts?» diskutierten. Organisiert wurde dieses vom Politischen Frauenforum Winterthur , das gleichzeitig sein 20-jähriges Jubiläum feierte.

Als eines der grössten Hindernisse der Lohnungleichheit sahen die Podiumsteilnehmerinnen das immer noch konservative Rollenbild in der Schweiz . «Männer und Frauen werden immer noch unterschiedlich bewertet, oft unbewusst. Ein junger Mann mit Familie wird schnell befördert, da er als Ernährer gesehen wird», sagt Nese Cetinkaya, Leiterin der Fachstelle Chancengleichheit und Gleichstellung Winterthur. Bei einer Frau rede man in einem solchen Fall von Mehrfachbelastung.

Frauen in der Mutterrolle

Wie fest die Rollenverteilung immer noch in den Köpfen verankert ist, sieht man an einem aktuellen Beispiel. Zur Ankündigung der heutigen «Arena» auf SRF stellt Moderator Jonas Projer Fragen wie «Sollen Mütter überhaupt mehr arbeiten, oder wenn möglich zuhause bei ihren Kindern bleiben?» oder «Sind Frauen immer noch benachteiligt, etwa weil es zu wenig Krippenplätze gibt?».

«Arena»-Moderator fragt das Publikum nach seiner Meinung zum Thema Gleichstellung von Mann und Frau.

Frauen würden in erster Linie als Mütter gesehen, Männer jedoch nicht als Väter, sagt Regula Zweifel, Geschäftsleiterin des Frauenorganisation AllianceF am Podium. Die ehemalige Winterthurer Stadträtin Pearl Pedergnana hat dies am eigenen Leib erfahren. «Ich wurde als Frau genauer beobachtet und durfte mir weniger Fehler erlauben». Vor allem wenn es um ihre Kinder ging. «Bei Schwierigkeiten hätte man mich als berufstätige Mutter verantwortlich gemacht, nicht den Vater , der häufiger zuhause war.»

Einig waren sich alle, dass sich am Status Quo ohne Druck auf die Unternehmen so schnell nichts ändern wird. «Geht es in diesem Tempo weiter, dauert es noch ganze 81 Jahre, bis die Lohngleichheit erreicht ist», rechnete Andrea Gisler vor.

Ein Weg mit Hindernissen

Ein schwieriges Unterfangen: Der vom Bund ins Leben gerufene «Lohngleichheitsdialog» ist gescheitert. Anstatt den angestrebten 100 Firmen wollten schweizweit nur gerade 42 freiwillig eine Lohnanalyse durchführen. Nun hat der Bundesrat im November 2015 die Revision des Gleichstellungsgesetzes in die Vernehmlassung geschickt.

Doch der Nationalrat hat im April mit drei Stimmen Unterschied beschlossen, das Geschäft aus der Legislaturplanung zu streichen. Sollte die Revision doch noch durchkommen, wären Firmen mit über 50 Angestellten verpflichtet, alle vier Jahre Lohnanalysen durchzuführen. Sanktionen bei Nichteinhaltung gäbe es keine. (Landbote)

Erstellt: 10.06.2016, 17:48 Uhr

Veranstaltungshinweis

Das Lohnmobil ist eine Wanderausstellung zum Thema Lohngleichheit, vom 9.-12. Juni gastiert sie in Winterthur auf dem Vorplatz der Archhöfe.

Weitere Informationen unter: lohnmobil.ch

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