Winterthur

Bloss unschön oder auch schädlich?

Nach wie vor klagen jenische Fahrende über die widrigen Bedingungen auf dem Durchgangsplatz in Oberwinterthur. Die Stadt verweist auf Verbesserungen, doch die Frage bleibt: Wie sinnvoll ist dieser Standort?

Gleich hinter den Wohnmobilen prangen die sandigen Abfallberge der Deponie Riet.

Gleich hinter den Wohnmobilen prangen die sandigen Abfallberge der Deponie Riet. Bild: Marc Dahinden

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Es ist der Albtraum jedes Immobilienmaklers: Ein Grundstück am Rand der Stadt ohne ÖV-Anschluss, mit einer Abfalldeponie in zehn Metern Entfernung und dem entsprechenden Anlieferungsverkehr, landwirtschaftlichen Emissionen auf der anderen Seite und weiteren privaten Entsorgungsunternehmen rundherum.

Entlang dieses Grundstücks führt eine Autobahn, und über all dem liegt je nach Windrichtung der süssliche Geruch der städtischen Kadaversammelstelle für grosse Tiere – willkommen auf dem Winterthurer Durchgangsplatz für Fahrende.

«Wer hierhin kommt, hat spätestens nach drei Tagen Kopfweh, das ist keine Einbildung.»

In die Schlagzeilen geriet der Platz bei der Oberwinterthurer Deponie Riet im Sommer 2015, als die Stadt die Abfallverarbeitung notfallmässig stoppen musste. Mehrere Fahrende hatten wegen der grossen Staubemissionen gesundheitliche Probleme, der Bezirksarzt wurde aufgeboten. Offiziell gilt das Staub-Problem als gelöst, doch ein Besuch auf dem Platz wirft Fragen auf. Noch immer beklagen sich die Fahrenden über Staub und Gesundheitsprobleme.

Kopfschmerzen, Atembeschwerden, Augenbrennen

Aktuell sind etwa 20 jenische Fahrende mit sieben Kindern in ihren Wohnwagen auf dem Platz. Einer von ihnen ist der 63-jährige Pierre Bichler aus Einsiedeln (SZ). Er machte diesen Sommer für einige Wochen Halt in Winterthur und sagt: «Das ist einer der schlechtesten Fahrendenplätze im ganzen Land.» Die Hitze staue sich auf dem Asphalt und der Staub führe zu Augenbrennen, Atembeschwerden und Kopfweh – auch bei den Kindern. «Ich habe hier viele Beschwerden, die ich sonst nicht habe.»

Ähnlich äussert sich auch die 22-jährige Larissa Huber, die mit ihrem Mann und zwei Kleinkindern derzeit auf dem Platz zuhause ist. «Wer hierhin kommt, hat spätestens nach drei Tagen Kopfweh, das ist keine Einbildung.» Hubers Meinung zum Winterthurer Durchgangsplatz: «An einen schlimmeren Ort in der Stadt können sie uns nicht mehr hinstellen.»

Unabhängig angefragt äussern sich weitere Fahrende in derselben Art. Die meisten wollen jedoch anonym bleiben, da sie in der Region auf Gelegenheitsjobs angewiesen sind. In Gesprächen mit der Stadt sehen sie keinen Sinn.

«An einen schlimmeren Ort in der Stadt können sie uns nicht mehr hinstellen.»

Die Stadt betont, wie viel man in der Sache schon unternommen hat. So wurde damit begonnen, staubende Materialien mit Wasser zu benetzen, Verkehrsflächen werden ebenfalls befeuchtet oder nass abgebürstet. Die Massnahmen zur Verminderung von Staubemissionen und deren Wirksamkeit werden sporadisch von der städtischen Fachstelle Umwelt überprüft.

Dass der Fahrendenplatz inmitten von Abfall ganz allgemein nicht optimal liegt, wusste man schon bei der Planung. Als der Gemeinderat 2012 einem 500 000 Franken-Kredit zustimmte, sprach die damalige FDP-Stadträtin Verena Gick von einem unschönen Ort.

Das Parlament schien aber durchwegs stolz, dass Winterthur überhaupt einen solchen Platz anbieten kann. Denn Durchgangs- und Standplätze für Fahrende sind in der Schweiz rar. Von den über 30 000 Jenischen in der Schweiz, einer kulturellen Minderheit mit Schweizer Bürgerrecht, bezeichnen sich nur wenige Tausend als Fahrende.

2003 anerkannte das Bundesgericht ihr Recht auf angemessene Halteplätze. Dennoch nahm die Anzahl Plätze in den letzten Jahren ab. Jene, die nun in Winterthur über den Staub klagen, können deshalb nicht einfach auf einen anderen Standort ausweichen.

Das bestätigt auch Daniel Huber, Präsident der Schweizer Radgenossenschaft. Er sagt zum Fall Winterthur: «Leider sind wir es gewohnt, dass die Plätze an den denkbar ungünstigsten und blödesten Orten erstellt werden.»

(Der Landbote)

Erstellt: 05.09.2017, 17:54 Uhr

«Beschwerden, die ich sonst nicht habe»: Pierre Bichler. (Bild: mpl)

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