Winterthur

Wo den städtischen Angestellten der Schuh drückt

Aus Angst um den Arbeitsplatz suchte eine Rekordzahl von städtischen Angestellten Beratung. Ombudsfrau Viviane Sobotich sieht das Problem auch in der Kommunikation: Um nicht zu Fehlern stehen zu müssen, blocken viele Vorgesetzte das Gespräch ab ­– auch zu ihr.

Löste kaum Beschwerden aus:?Der Umzug in den Superblock.

Löste kaum Beschwerden aus:?Der Umzug in den Superblock. Bild: Johanna ­Bossart

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

2015 ist die Zahl der internen Beschwerden bei der Ombudsstelle der Stadt stark gestiegen, von 41 auf 75. Liegts am Superblock?
Viviane Sobotich: Nein. Da gab es zwar im Vorfeld Verunsicherung, doch seit der Umzug vorbei ist, kamen kaum Beschwerden zu mir.

Wo drückt denn sonst der Schuh beim Personal?
Ich erkläre mir das mit der Angst um den Arbeitsplatz. Sie entspringt einerseits der gesamtwirtschaftlichen Situation. Andererseits wird sie in Winterthur noch zugespitzt durch die finanzielle Lage der Stadt.

Sprich die Sparprogramme?
Genau. Es ist völlig klar, dass das die Angst der Mitarbeitenden um ihren Arbeitsplatz erhöht. Es wird angekündigt, dass man sparen muss, aber oft ist noch nicht klar, wo und wie. Die Mitarbeitenden fragen sich: Betrifft es mich, meine Stelle?

Sie beschäftigen sich also ­vermehrt mit Kündigungen oder Arbeitszeugnissen?
Nicht nur, die Probleme fangen schon viel früher an. Etwa wenn man plötzlich in eine Drucksituation gerät, wo man denkt, die Arbeitslast nicht mehr bewältigen zu können. Wenn man das Gefühl hat, der Kollege schiebe Arbeit zu einem ab. Oder wenn ein neuer Chef kommt mit neuen Zielsetzungen und es plötzlich heisst, man genüge nicht mehr.

Ist die Hemmschwelle, ­jemandem zu kündigen, Ihrer ­Erfahrung nach gesunken?
In Zeiten der Sparpakete auf allen Stufen fällt es manchen Vorgesetzten emotional leichter, einen Mitarbeiter zu entlassen, der «die Leistung nicht mehr bringt». Man kann sich sagen, man erfülle damit ja ein von oben gestecktes Ziel. Die Bereitschaft, eine angepasste Beschäftigung für nicht voll Leistungsfähige zu finden, ist meiner Meinung nach gesunken.

In Ihrem Bericht finden sich pointierte Aussagen. So haben Sie beobachtet, dass die Bereitschaft schwindet, Verantwortung zu übernehmen. Statt Entscheidungen zu fällen und dahinter zu stehen, versuchen sich viele Chefs hinter Gegebenheiten und Normen zu verstecken.
Vielleicht ist das eine subjektive Wahrnehmung. Ich erlebe aber, dass die arrivierteren, älteren Chefs noch eher sagen: Wir entscheiden das jetzt, auch wenn es sich vielleicht als falsch herausstellt. Dagegen beobachte ich eine starke neue Tendenz, dass man sich um Entscheide drückt und lieber abwartet oder noch einen runden Tisch einberuft. Ich habe nichts gegen runde Tische. Aber gerade als Chefin oder Chef ist man letztlich nicht Vermittler, sondern Entscheider. Man muss hinstehen und Verantwortung übernehmen, auch für falsche Entscheide. Das nennt sich dann Fehlerkultur.

Um diese Fehlerkultur steht es offenbar nicht sehr gut. Sie ­beklagen, dass einzelne Chefs auf Ihre Nachfragen hin vermehrt mit Abblocken reagieren.
Das ist zunächst einmal menschlich. Wir empfinden es alle als ein wenig lästig, wenn jemand uns etwas vorhält und fragt: Bist du sicher, dass das richtig ist? Vielleicht wird einem im Erklärprozess auch klar, dass manches nicht so korrekt gelaufen ist, wie man dachte. Das löst eine Abwehrhaltung aus.

Sie haben diese Stelle seit sieben Jahren. Ist Ihr Job schwieriger ­geworden?
Teilweise sind meine Verhandlungspartner in der Stadtverwaltung auch seit sieben Jahren dieselben. Man kennt mich mittlerweile und weiss, wie hartnäckig ich sein kann. Dass sich da und dort gewisse Ressentiments entwickeln, ist normal. Ich muss aber ausdrücklich anfügen, dass die Mehrheit der Angestellten, mit denen ich es zu tun habe, gut und konstruktiv und manchmal sogar gern mit mir zusammen arbeiten .

Es liegt also gar nicht an der ­veränderten Führungskultur?
Doch, ich denke, das ist schon ein wichtiger Faktor, übrigens auch in der Privatwirtschaft. Jede Abteilung ist immer stärker damit beschäftigt, nach aussen gut dastehen zu wollen. Ich verstehe diese Ängste ein Stück weit auch. Im Zeitalter von Shitstorms kann man kaum noch unbeobachtet etwas äussern, denn unvorsichtige Aussagen können rasch zu viel Empörung führen.

Sie haben im letzten Jahr rund 190 Fälle bearbeitet. Wie hoch ist Ihre Erfolgsquote?
Das lässt sich schwer beantworten. Ich überprüfe ja vor allem, ob korrekt gehandelt wurde. Wenn ich feststelle, dass beispielsweise das Sozialamt richtig entschieden hat, bekommt der Beschwerdeführer ja nicht mehr Geld. Aber wenn ich ihm erklären kann, warum es so ist, geht er mit dem Gefühl, von seiner Sozialberaterin nicht willkürlich behandelt worden zu sein. Das trägt zum Rechtsfrieden bei. Dort, wo ich vermitteln kann, eine Minderheit der Fälle, bin ich zu einem hohen Prozentsatz erfolgreich: Keine von beiden Parteien bekommt genau, was sie wollte, aber es gibt eine Einigung, mit der man die Zukunft planen kann.

Gerichtsprozesse und ­Kündigungen können also meist verhindert werden?
Bei Kündigungen ist es schwer, weil meist vorher schon zu viel passiert ist. Aber es gibt auch gerechtfertigte Kündigungen, und diese zu verhindern, ist nicht mein Ziel. Ich kann aber den Prozess begleiten und schauen, dass die Trennungsphase fair verläuft.

Sie schreiben, dass Ihnen ­Abteilungen bekannt sind, wo Chefs ihren Untergebenen aktiv abgeraten haben, zur ­Ombudsstelle zu gehen.
Es gibt Betroffene, die mir das berichten, ja. Und wenn ich es aus Abteilungen mehrfach höre, glaube ich das auch.

Gibt es denn städtische ­Angestellte, die nicht zu Ihnen gehen dürfen?
Nein, gibt es nicht und darf es nicht geben. Von Gesetzes wegen darf jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter zu mir kommen und ist mir gegenüber vom Amtsgeheimnis entbunden. Ausserdem habe ich ein komplettes Akteneinsichtsrecht. Vorgesetzte werden übrigens nur dann eingeschaltet, wenn die Betroffenen dies ausdrücklich wünschen.

(Der Landbote)

Erstellt: 20.04.2016, 21:00 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare