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Coworking hat es schwer in Winterthur

Das Arbeiten in flexiblen Arbeitsräumen, auch Coworking Spaces genannt, liegt im Trend. In Winterthur fehlt es bis jetzt aber vor allem an einem: Kunden. Trotzdem öffnen in nächster Zeit gleich drei neue Büroräume.

Besser zusammen: In Coworking-Büros gehören der gegenseitige Austausch und kreative Pausen zum Alltag.

Besser zusammen: In Coworking-Büros gehören der gegenseitige Austausch und kreative Pausen zum Alltag. Bild: PD

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Mein Schnuppertag in den sogenannten Coworking Spaces der Workeria im Technopark in Winterthur fällt ernüchternd aus. Ich bin die Einzige, die heute hier arbeiten will, zählt man die vier jungen Verkäuferinnen und Verkäufer des Sprachreiseanbieters EF nicht dazu. Diese öffnen hier jeden Mittwoch ihren Pop-up-Store, um auch in Winterthur persönlich vor Ort zu sein. Ihre Beratungen führen sie in der Lounge, im Sitzungszimmer oder in der Meeting Area, die zum Angebot der Workeria gehören.

«Wir müssen innovativ sein»

Im Büro stehen 14 grau-blaue Kubus-Schreibtische. Die sieben fixen Arbeitsplätze sind unbesetzt. Der letzte Mieter hat ein grosses Projekt an Land gezogen und nutzt während dieser Zeit die Räume des Auftraggebers. Die sieben flexiblen Coworking-Plätze scheinen zufällig im Raum platziert. Sie sind leicht, da aus Kunststoff, und lassen sich mit ihren Rollen an den Beinen leicht verschieben. Mieten kann man sie für einen Tag (36 Franken) oder pro Monat (350 Franken).

Ich hatte gehofft, von den jungen, kreativen, selbstständig arbeitenden Menschen, von denen beim Thema Coworking oft die Rede ist, inspiriert zu werden. Daraus wurde leider nichts. Gibt es sie in Winterthur überhaupt? «Ja, schon», sagt Thomas Schumann, Geschäftsleiter des Technoparks. Immerhin arbeiten alleine im Technopark gerade 60 verschiedene Start-ups an ihrem Erfolg. Aber: «Das Konzept Coworking ist in Winterthur noch nicht wirklich angekommen», sagt Schumann. Viele würdendas Angebot nicht kennen und der Bedarf an flexiblen Arbeitsplätzen wachse nur langsam. Das werde sich aber ändern, «denn das Arbeitsleben und die -bedingungen verändern sich, das ist nicht aufzuhalten». Im Technopark wolle man das Angebot daherbis auf weiteres beibehalten,trotz zurzeit lediglich einemDutzend Tageskunden. «Wir müssen innovativ sein und Neues ausprobieren, das ist unserer Aufgabe.»

«Das Konzept Coworking ist in Winterthur noch nicht wirklich angekommen.»Thomas Schumann, Geschäftsführer Technopark

Mit zwei bis drei Jahren Anlaufzeit rechnen die Gründer von MyWigwam. Keine 500 Meter weiter haben sie am Katharina-Sulzer-Platz letzten Sommer ihr Coworking-Büro eröffnet. Die drei Geschäftspartner besitzen ihre eigene Informatikfirma und haben ein automatisiertes System entwickelt: Wer sich anmeldet, bekommt den Link zu einer eigenen App geschickt, die als Türschlüssel und Zugang zum Internet funktioniert. Damit sparen sie aufwendige und teure Arbeitsstunden ein, die anderen Anbietern zu schaffen machen.

Im Moment arbeiten hier fünf bis zehn Kunden pro Woche. «Die meisten zieht es noch immer nach Zürich», sagt Mitinhaber Mario Pavic. Grund sei die grössere Vernetzung und der Austausch mit Gleichgesinnten, der bei der Gründung einer neuen Firma zentral sei. Zurzeit zählen, überraschend für die Betreiber, vor allem Angestellte von grösseren Firmen zu ihren Kunden, die für kurze Arbeiten in der Stadt sind. Das mache Sinn, sagt Pavic. «Die grossen Firmen reduzieren ihre Büroflächen, um Kosten zu sparen.» Auch MyWigwam arbeitet daran, das Modell bekannt zu machen. So halte die offizielle Stadtführung mittlerweile jedes Mal vor ihrem Büro, um zu zeigen: Coworking, das gibt es auch in Winterthur. Auch am Hauptbahnhof, wo das international tätige Unternehmen Regus flexible Bürolösungen anbietet.

Der Grundgedanke

Lokaler Pionier auf diesem Gebiet ist der Verein Co-Work Winterthur, der bereits seit 2014 in einem kleinen Raum am Lagerplatz Tagesarbeitsplätze anbietet. Vor zwei Jahren hat er sich mit der MSM Group zusammengetan, die in ihrem Büro am Garnmarkt ebenfalls Coworking-Plätze eingerichtet hat. «Es ist schwierig, ein solches Modell rentabel zu betreiben», sagt Verwaltungsrat Jürg Martin. Die Einnahmen seien unberechenbar und mit der Miete habe man hohe Fixkosten. Daher wolle man nun wieder weg von der Laufkundschaft, hin zu fix zahlenden Monatskunden. Auch die Miete für den Raum am Lagerplatz wird das Unternehmen nicht mehr übernehmen. Dieser werde als Teil der freien Werkstatt Machwerk aber beibehalten, sagt Deborah Selinger, Vorstandsmitglied des Vereins. Sie tauscht sich regelmässig mit anderen Betreibern in der ganzen Schweiz aus. «Alle leiden darunter, dass das Konzept noch sehr unbekannt ist.» Zudem sei es sehr zeitintensiv und komplex, eine belebte Community aufzubauen. «Und das ist schliesslich der Grund­gedanke des Coworkings», soSelinger.

Wenn der Mix passt

Nicht klagen kann Davide Rotondaro, einer der Inhaber des Wintioffice an der Neumarktgasse. Er ist zufrieden mit der Auslastung seiner Coworking-Plätze, die er seit dem letzten August anbietet, obwohl er nur über Facebook und Instagram werbe. Zehn der zwölf fixen Arbeitsplätze seien vermietet, die drei sogenannten Drop-in-Plätze für Spontane gut besucht. Das habe seinen Grund: «Wir funktionieren bereits als Community. Die Stimmung und der Mix sind gut, darum läuft es auch.» Unter den Firmen seien zwei neue Start-ups, der Rest bestehe seit drei bis fünf Jahren. Die meisten seiner Coworker sind Mitte 30. Sie arbeiten als Grafiker, Fotografen, Marketer, Informatiker, Firmencoach oder Magier. «Wir tauschen uns aus, schauen, wer was braucht, und helfen uns gegenseitig», sagt der 35-Jährige. So würden auch Zusatzgeschäfte entstehen.

«Die Stimmung und der Mix sind gut, darum läuft es auch.»Davide Rotondaro, Inhaber Wintioffice

Im Mai will Rotondaro unter dem Namen UG2 einen zweiten Standort im Unteren Graben aufmachen, mit einem Raum für Anlässe und im Erdgeschoss, um «sichtbarer zu sein». Das solle helfen, die grössere Anzahl an Drop-in-Plätzen auch zu vermieten. Trotzdem: Winterthur sei nicht Zürich. Hier müsse es familiärer, kleiner sein. «Ich würde nie ein Coworking mit 100 Plätzen in Winterthur eröffnen.»

Ort für Weltverbesserer

Auch andere haben Ausbaupläne. In einer Woche eröffnet Coworking Spaces ihren Standort an der Zürcherstrasse, unweit des Zentrums Töss. Dahinter steht die Winterthurer Immobilienfirma Varias. «Wir haben in unserem Büro mehr Platz, als wir brauchen», sagt Stephan Angele, Geschäftsführer. Der 34-Jährige gründete seine Firma vor acht Jahren in einem Hobbyraum in Dättnau und sagt, er wäre damals selber froh über ein solches Angebot gewesen. Bei Varias liegt die Mindestmietdauer allerdings bei einem Monat. «Alles andere wäre für uns ein zu grosser Aufwand.» Zehn Interessenten haben sich bereits gemeldet. Die meisten seien Kleinstunternehmen, die nun nach einem repräsentiveren Firmenhauptsitz suchten.

Eher überraschend steigt auch ein christlicher Verein ins Geschäft ein. Friendship in Town (FIT) wird finanziell vom Stadtverband der reformierten Kirchen Winterthur unterstützt. An der Tösstalstrasse in der Altstadt soll bis Ende Jahr ein Begegnungs- und Arbeitszentrum mit einem Café und Coworking-Arbeitsplätzen entstehen. Zehn bis zwölf Büroarbeitsplätze und drei bis fünf Atelierplätze werden gesucht: «Weltverbesserer, Jungunternehmer und Künstler.» (Landbote)

Erstellt: 07.03.2018, 10:05 Uhr

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